Linke Parteien in der Krise (2/4): Rosa oder rot?

von | 24.07.2017

Die LSAP lud in die Annexe. Macron oder Corbyn, wer fĂŒhrt die Sozialdemokratie aus der Krise? Anders als vergangene Woche bei den GrĂŒnen, gibt es in der LSAP unterschiedliche Antworten – und ein unterschiedlich entwickeltes Problembewusstsein.

Rote Servietten unterm roten Sonnenschirm: Bei Gelegenheit bekennt die LSAP durchaus Farbe.(Foto: RK)

„Ich hĂ€tte nicht fĂŒr Macron gestimmt in der ersten Runde.“ Alex Bodry steht zu seiner Aussage von vor den französischen PrĂ€sidentschaftswahlen. „Ich betrachte ihn als Liberalen, und Renzi ist das zum Teil auch“, erlĂ€utert der LSAP-FraktionsprĂ€sident im GesprĂ€ch mit der woxx. Vielleicht ist Emmanuel Macron aber trotzdem eine Chance fĂŒr Frankreich, fĂŒgt er hinzu. Und: „BenoĂźt Hamon verĂŒble ich es sehr, dass er seine Partei auf diese Weise verlassen hat.“

Der Sog der Mitte

Die Krise der Sozialdemokratie? „Frankreich geht es nicht gut, die Menschen sind enttĂ€uscht von den PrĂ€sidentschaften von Sarkozy und Hollande“, diagnostiziert Bodry. Noch stimme die Mehrheit nicht fĂŒr die rechten und linken Extreme, dafĂŒr sammle sich alles in einer nebulösen Mitte. „Macron ĂŒbernimmt ein paar gute Ideen von links, dann wieder von rechts. Ich bin mir nicht sicher, ob er das lange durchhalten kann.“ Der FraktionsprĂ€sident sieht alle traditionellen Parteien in einer Krise. Da, wo die Sozialdemokratie in der Regierung ist, zahle sie den Preis fĂŒr die Kompromisse, die sie eingehen muss. Die Situation der LSAP beschreibt Bodry so: „Wir befinden uns in einem Zangengriff zwischen einer kĂ€mpferischen Linken, die nicht in die Regierung will, und einer CSV, die sich selber mittlerweile als ‚Partei der Mitte‘ bezeichnet. Da bleibt uns wenig Raum.“

Jeremy Corbyns Herangehensweise geht in Bodrys Augen in die richtige Richtung. „Die SPD versucht ja auch, das Soziale zu betonen – aber sie ist nicht mutig genug.“ Der FraktionsprĂ€sident bemĂ€ngelt, dass die Schwesterpartei in der Logik des Mitregierens gefangen ist. Und hofft, dass die LSAP im Vorfeld der Chamberwahlen eine Programmdiskussion fĂŒhren wird, die sich von der Frage „Mit wem können wir’s realisieren“ lösen kann. Der Frage: Dreierkoalition oder Große Koalition, weicht Bodry aus: „Sollte nĂ€mlich die LSAP die Wahlen verlieren, kann sie kaum in der nĂ€chsten Regierung sitzen.“ Und unterstreicht: „Ein Wechsel auf die Oppositionsbank wĂ€re fĂŒr uns keine Katastrophe.“

Doch bei der Ansprache vor dem Presseschmaus am vergangenen Montag fiel es dem FraktionsprĂ€sidenten schwer, die IdentitĂ€t seiner Partei hinreichend klarzumachen. Gewiss, ein paar der von ihm erwĂ€hnten Regierungsprojekte, wie NationalitĂ€tengesetz und Trennung von Kirche und Staat, kann sich die LSAP – wenn auch nicht zur GĂ€nze – auf ihr Konto schreiben. Doch andere, wie Space Resources oder Polizeireform, klingen eher nach effizient-unideologischer Politik.

Macron oder Corbyn?

Dass Bodry das „Zukunftspaket“ von 2014 unerwĂ€hnt lĂ€sst, ist wohl kein Zufall. „Den mit allen zur VerfĂŒgung stehenden Waffen der psychologischen KriegsfĂŒhrung ausgeĂŒbten ideologischen Angriff auf sozialdemokratische Konzepte können Sozialisten und Sozialdemokraten nur erfolgreich kontern, indem sie ihre eigenen Werte bewusst in die Waagschale werfen,“ schrieb vergangene Woche der LSAP-Innenminister Dan Kersch im Luxemburger Wort. Der als Parteilinker geltende Politiker geht auf Distanz zu Macron, den er als „Konkursverwalter einer europĂ€ischen Politik, die (…) gescheitert ist“ bezeichnet. Es sei falsch, die Politik des französischen PrĂ€sidenten als „alternativlos“ darzustellen, es gebe sehr wohl Alternativen.

Kersch ist begeistert von Corbyn: „Sein genauso einfacher wie genialer Slogan ‚For the many, not for the few‘ trifft ins Schwarze, weil er in ein paar Wörtern zusammenfasst, was Millionen Menschen in Europa im Herzen empfinden.“ Hatte die LSAP-Linke in den vergangenen Jahren vor der Sommerpause den Aufstand zu Themen wie Griechenlandpolitik und Freihandlesabkommen geprobt, so scheint sie sich jetzt fĂŒr die anstehende Programmdiskussion warmzulaufen.

Beim Essen ging es dann um weniger bedeutungsvolle Wahlmöglichkeiten. Journalisten und Politiker tauschten sich darĂŒber aus, welche Partei ihr Essen wo ausrichtet, wie es schmeckt, wer von den Kollegen teilnimmt und wer nicht. „Der Feierkrop fehlt … Bettel hat beim DP-Essen reingeschaut.“ „Im Syriously mit den GrĂŒnen, da war‘s lecker.“ (woxx 1432) „Die CSV geht ins NeumĂŒnster, wo letztes Jahr die LSAP war.“ Wieso sind die Sozialisten eigentlich in der Annexe, wo sie die Presse doch frĂŒher in die Top-Adresse, das Clairefontaine, eingeladen haben? Ist es im „Anbau“ mittlerweile genausogut? Oder geht es darum, Bescheidenheit zu zeigen? Wie dem auch sei, das Essen ist feinster französischer Stil – schmackhaftes GemĂŒse und Kabeljaufilet mit Hummersoße – hierher könnte man auch von Emmanuel Macron eingeladen werden … Wohingegen Jeremy Corbyn der Presse vermutlich – wie die LSAP bei ihrem Pot du prĂ©sident – WĂŒrstchen mit Senf auftischen wĂŒrde, was ja auch seinen Charme hat.

Sozial-Optim-ismus

Macron oder Corbyn? „Eine Kombination aus beiden“, lautet Marc Angels salomonischer Vorschlag. Der LSAP-Abgeordnete hatte nach Macrons Wahlsieg auf RTL seine Hoffnung ausgedrĂŒckt, der neue PrĂ€sident werde die Menschen wieder zusammenbringen. An Corbyn gefĂ€llt ihm, dass er den Erfolg seinem Manifest, also seinen Ideen verdankt. „Es muss nicht immer alles neu sein, mit jugendlichem Look – GlaubwĂŒrdigkeit gilt auch noch was“, freut sich Angel.

Das Problem der Sozialdemokratie sieht der Abgeordnete weniger als eine Krise denn als ein MissverstĂ€ndnis. „Ich bekomme immer vorgeworfen, die Sozialisten seien neoliberal geworden“, so Angel – dabei sei zum Beispiel das jĂŒngste Gesetz zur Langzeitarbeitslosigkeit durch und durch sozial. Doch die Menschen wĂŒrden die sozialen Errungenschaften als gegeben betrachten und vergessen, dass diese das Verdienst der Sozialdemokratie sind. „Irgendwann kehrt das Bewusstsein fĂŒr die Wichtigkeit einer Kraft links von der Mitte zurĂŒck“, sagt Angel optimistisch. Herausforderungen wie die Robotisierung, auf die man sozial vertrĂ€gliche Antworten finden mĂŒsse, gĂ€ben Grund zu der Erwartung, dass die Sozialdemokratie eine große Zukunft hat.


SOS Sozialdemokratie

Unter dem Eindruck, als Verlierer der wirtschaftlichen Entwicklungen alleingelassen zu werden, haben sich viele Menschen von den sozialdemokratischen Parteien abgewendet. FĂŒr manche ist es Emmanuel Macron, der den Weg aus dieser Krise weist, fĂŒr andere eher Jeremy Corbyn. Doch was sind die tiefen Ursachen des WĂ€hlerschwunds? Und wie geht es weiter? Die woxx nutzt die Gelegenheit der Bilanzpressekonferenzen – letzte Woche DĂ©i GrĂ©ng, nĂ€chste Woche DĂ©i LĂ©nk -, um sich mit linken PolitikerInnen ĂŒber diese Fragen zu unterhalten.

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