Toxische Vorstellungen von Männlichkeit schaden der Gesellschaft und jedem Einzelnen – unabhängig vom Geschlecht. Das ist zwar keine neue Erkenntnis, aber sie zeigt sich kontinuierlich auch in Luxemburg. Wieso es Emanzipation von traditionellen Männlichkeitsvorstellungen braucht.

Ein echter Mann ist …? Weshalb Emanzipation von traditionellen Geschlechterrollen für die Gesellschaft wichtig ist. (Foto: Sergio Rodriguez – Portugues del Olmo/ Unsplash)
Epische Naturlandschaften wechseln sich ab mit Bildern von Männern, die ihre Muskeln trainieren. Männer in Business Anzügen, die Lamborghinis fahren, dazu die eindringliche Stimme des frauenfeindlichen Social-Media-Aktivisten Andrew Tate: „In absolut jedem Mann brennt ein Feuer, das er auf seinen Feind richten muss“. – „Das Leben ist ein Wettkampf und du musst als Sieger hervorgehen.“ Typische Kernbotschaften eines sich selbst so verstehenden „Alphamanns“. Videos wie dieses finden sich zuhauf auf „YouTube“, „Tiktok“ und anderen Social-Media-Plattformen. Sie üben eine magische Anziehungskraft auf viele männliche Heranwachsende aus, mit dem Resultat, dass sich unter ihnen tatsächlich etwas wie ein Lauffeuer verbreitet, das nicht nur ihnen selbst, sondern auch der Gesellschaft schadet – toxische Vorstellungen von Männlichkeit.
Ein Schritt zurück: Zwar ist die Wortkonstruktion „toxische Männlichkeit“ längst als Synonym für patriarchale und frauenfeindliche Verhaltensweisen gebräuchlich. Eigentlich jedoch müsste mit diesem Begriff gebrochen werden, nicht zuletzt weil Aktivisten ihn absichtlich falsch verstehen, um das Konzept als „männerfeindlich“ zu verwerfen. „Nicht die Männer sind toxisch, sondern eine jahrtausendealte Konstruktion traditioneller Männlichkeit ist – im wahrsten Sinne des Wortes – vergiftend auch für die Männer selbst“, so Björn Süfke im Gespräch mit der woxx. Er arbeitet als Psychologe bei der Männerberatungsstelle „man-o-mann“ in Bielefeld und war vergangenen April in Luxemburg zu Gast, um hiesiges Fachpersonal weiterzubilden.
Süfke macht deutlich: Es ist nichts toxisch an Männlichkeit an sich, vielmehr handelt es sich hier um einen ungeschickt gerafften Begriff für das, was eigentlich die Kritik toxischer Vorstellungen von Männlichkeitsidealen meint. Würden Bilder von Männlichkeit geschaffen, die suggerierten, dass Männer, um „echte“ Männer zu sein, stark und siegreich sein müssen und auf keinen Fall Gefühle zeigen dürfen, dann seien derlei Darstellungen als toxisch zu bezeichnen.
Das gilt umso mehr, wenn der Versuch, solche angeblich „inhärent männlichen“ Eigenschaften von „inhärent weiblichen“ abzugrenzen, mit einer Abwertung von Frauen und allem Weiblichen einhergeht. Jungs, die ständig zu hören bekommen, sie sollen „nicht weinen wie ein Mädchen“, sich nicht „so“ anstellen, „kein Weichei“ sein, verinnerlichen von klein auf, dass Verletzlichkeit, Mitgefühl oder Unsicherheit keine legitimen Anteile ihrer Persönlichkeit sein dürfen. Sie werden zu Männern, die den Zugang zu sich selbst und den Respekt vor Frauen und allem „unmännlichen“ verlieren.
„Manosphäre“ und Politisierung von Männlichkeit
Ein Blick in die Geschichte zeigt: Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und Unsicherheit erlebt die Propaganda einer biologischen Determiniertheit vermeintlich „geschlechtlicher“ Eigenschaften immer wieder eine Hochkonjunktur. Während die Nationalsozialisten diese Ideologie noch über staatlich gelenkte Jugendorganisationen wie die „Hitlerjugend“ oder den „Bund Deutscher Mädel“ verbreiteten, findet die Indoktrination heute vor allem online statt – über die sogenannte „Manosphäre“. Damit ist ein loses Online-Netzwerk aus „Pick-Up-Artists“ (selbsternannte Experten darin Frauen mit Lügen, Täuschung und Manipulation zum Geschlechtsverkehr zu bewegen), Männerrechtlern, „Incels“ (unfreiwillig zölibatäre Männer) und Influencern gemeint, die ein rückschrittliches, frauenfeindliches Männlichkeitsbild vertreten und aus unterschiedlichen Motiven um die Aufmerksamkeit junger verunsicherter Männer buhlen. Pick-Up-Artists und Influencer streben nach zahlender Kundschaft, egal, ob diese durch Klicks oder verkaufte Kurse gewonnen wird. Das Versprechen bleibt immer dasselbe: Auch du kannst den Status eines „Alphamanns“ mit Zigarre, Lamborghini und der Gunst vieler Frauen erreichen.
Andrew Tates Botschaft ist längst auch in Luxemburg angekommen, bestätigt Louis Seghetto, der als Psychologe bei der Männerberatungsstelle „infoMann“ arbeitet. Immer wieder gehe es in Beratungsgesprächen um das Thema Männlichkeit. Was bedeutet es in der heutigen Zeit ein Mann zu sein? Und wie geht man(n) mit gegensätzlichen Ansprüchen um? „Das Schöne ist, dass wir hier einen Ort haben, um über solche Dinge kritisch zu reflektieren“, sagt Seghetto. Komme man etwa auf Tate zu sprechen, so kläre er darüber auf, dass dieser wegen Vergewaltigung und Menschenhandel vor Gericht steht und von toxischen Vorstellungen von Männlichkeit als Influencer finanziell profitiert.
Neben finanzieller Bereicherung gibt es noch einen weiteren Grund, weshalb das Thema „Männlichkeit“ auf die beschriebene Weise bedient wird: Es eignet sich hervorragend für politischen Krawall. „Echte Männer sind rechts“, behauptete der deutsche Politiker Maximilian Krah von der rechtsextremen „Alternative für Deutschland“ (AfD), 2023 auf seinem TikTok Kanal im Rahmen von „Dating-Tipps“ für junge Männer („Echte Männer sind rechts, echte Männer haben Ideale, echte Männer sind Patrioten, dann klappt es auch mit der Freundin“, so das vollständige Zitat). Auch vor der Bundestagswahl im Februar dieses Jahres setzte die Partei besonders auf die Sozialen Medien und versuchte mit antifeministischen Aussagen vor allem junge Männer als Wähler zu gewinnen. Mit Erfolg. Die Wahlbeteiligung unter jungen Menschen war nicht nur besonders hoch, sondern zeigte auch deutliche Differenzen. Während junge Frauen insbesondere linke Parteien wählten, war die AfD-Wählerschaft zum Großteil weiß, jung und männlich. „Es war ein cleverer Schachzug der Rechten, ihre traditionellen Ideen als Underdog-Ideologie und rebellisch zu verkaufen und so zu tun als wären Feminismus und Wokeness Mainstream“, sagt Björn Süfke. Auch für Louis Seghetto ist der Zusammenhang zwischen Antifeminismus, toxischer Vorstellung von Männlichkeit und rechter Ideologie offensichtlich. Doch weshalb ist das so?
Feminismus und Antifeminismus
Nicht zuletzt, weil sich mit diesem emotional aufgeladenen Thema so gut mobilisieren lässt. Immerhin geht es hier um das, was viele Menschen als ihr heiligstes Gut empfinden: ihre Identität. Menschen, deren Vorstellung von ihrer Identität fragil ist, sind besonders leicht angreifbar und offen für Manipulation. „Rechte, Religiöse und Maskulinisten, das sind die drei Gruppen, die untereinander kaum Berührungspunkte haben außer dem einen gemeinsamen Nenner: den Antifeminismus“, sagt die Journalistin und Autorin Susanne Kaiser in einem als Podcast veröffentlichten Interview. Egal ob Maximiliam Krah, Andrew Tate oder Donald Trump, sie alle bieten eine vermeintlich einfache Lösung für ein komplexes Problem. Während Frauen sich schon seit mehr als einem Jahrhundert von starren Geschlechterrollen emanzipieren – ein Prozess, der im Übrigen noch lange nicht abgeschlossen ist –, verbarrikadieren sich viele junge Männer lieber hinter solch reaktionären Identitätskonzepten.
Häufig wird auch vom sogenannten Backlash, von einer Gegenreaktion, gesprochen: Ein Konzept, das benennt, wieso es in scheinbar fortschrittlichen Zeiten eine immer größer werdende Opposition gegen Frauen- und Minderheitenrechte gibt. „Je mehr Gleichberechtigung im öffentlichen Raum, desto mehr verteidigen Männer, die einem traditionellen Rollenbild nachtrauern und sich nicht von toxischen Verhaltensmustern emanzipiert haben, ihre Vormachtstellung im privaten Kontext“, sagt Isabelle Schmoetten vom „CID Fraen an Gender“ gegenüber der woxx. „Der große Erfolg von Männern wie Andrew Tate oder Donald Trump zeigt, wie viel Anklang misogyne Einstellungen finden und wie gefestigt das Patriarchat nach wie vor ist.“
Die Auswirkungen solcher Backlashs zeigen sich auch in Luxemburg. Die Anzahl polizeilicher Interventionen wegen häuslicher Gewalt ist in diesem Jahr erneut merklich gestiegen. In vielen europäischen Ländern nimmt die Zahl der Femizide zu, ein Verbrechen, das in Luxemburg derzeit nicht gesondert erfasst wird. Das CID wie auch LGBTIQA+-Vereine erhalten vor allem in den Sozialen Medien verstärkt höhnische und abwertende Kommentare. Die ADR, die sich aktiv an der Diskursverschiebung hin zu negativen, frauen- und queerfeindlichen Kommentaren beteiligt, stellt eine staatliche Subventionierung entsprechender Einrichtungen trotz erhöhten Bedarfs an Sensibilisierungs- und Beratungsarbeit seit Jahren infrage. Es sei wieder salonfähig, sexistische und misogyne Aussagen zu machen, sagt Schmoetten. Die Realität stehe im Gegensatz zu der „verbreiteten Meinung, man dürfe ‚nichts mehr sagen‘ oder alles sei jetzt ‚woke‘“.
Männlichkeitsbilder und Gewalt
„Wenn man Bevorteilung gewohnt ist, fühlt sich Gleichberechtigung wie Unterdrückung an.“ Wer diesen Schlüsselsatz zuerst gesagt ist, lässt sich nicht ermitteln, in ihm stecken jedoch zwei wichtige Aspekte. Er benennt zum einen, dass Maßnahmen wie Frauenquoten oder die Förderung gendergerechter Sprache eben keine Übervorteilung von Frauen darstellen, zum anderen aber auch ein reales Benachteiligungsempfinden vieler Männer – und zwar völlig unabhängig vom Realitätsgehalt. Deshalb sei es wichtig, darauf einzugehen, sagt Männerberater Björn Süfke, da an dieser Stelle bereits ein mögliches Einfallstor für antifeministische Narrative entsteht. Da, wo Männer das Gefühl haben, ihnen werde etwas „weggenommen“, obwohl strukturell gesehen lediglich ein Ausgleich geschaffen wird, wächst die Anfälligkeit für populistische oder extremistische Bewegungen, die gezielt mit solchen Ängsten spielen.
Auch in Luxemburg zeigt sich, wie dringend solche Aufklärungs- und Präventionsarbeit ist. Der aktuelle Jahresbericht des „Planning familial“ verdeutlicht, dass sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige zunimmt, und zwar nicht allein aufgrund von Pädokriminalität, sondern auch, weil immer mehr Minderjährige selbst zu Tätern werden. In Reaktion darauf wurde bei der „Association Luxembourgeoise de pédiatrie sociale“ (Alupse), die sich für Kinder einsetzt, die Opfer von Gewalt geworden sind, vergangenen Juli ein neuer Bereich für Täterarbeit eingerichtet: „Alupse Cosmos“. Insbesondere bei sehr jungen Straftätern im Alter von neun bis zwölf Jahren sei davon auszugehen, dass der frühe und ungefilterte Konsum von Pornografie eine zentrale Rolle spielt., sagt Marc Malempré, Sexologe und Psychotherapeut, der bei Alupse mit den jungen Sexualstraftätern arbeitet: „Die dort präsentierten Szenarien stellen durch ihre Rohheit eine Art psychischen Einbruch dar, der an sich traumatisierend sein kann, und sie entsprechen einer bestimmten, problematischen Vorstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit. Das Risiko ist groß, dass dies bei jungen Menschen sexuelle Fantasien hervorruft und dann im Unterbewusstsein verankert, die sich an diesen Szenarien orientieren werden.“ 140 Fälle sexueller Gewalt durch Minderjährige wurden allein im ersten Jahr bei Alupse Cosmos betreut. Die Auseinandersetzung mit toxischen Vorstellungen von Geschlechterrollen bildet einen Schwerpunkt der Arbeit.
Viele Studien bestätigen, dass toxische Vorstellungen von Männlichkeit zu mehr Gewalt führen und auch, dass umgekehrt die gezielte Förderung positiver Männlichkeitsbilder gewaltpräventiv wirkt. Besonders erfolgreich sind sogenannte gender-transformierende Ansätze, die junge Männer dazu anregen, kritisch über traditionelle Geschlechternormen nachzudenken, etwa durch Gruppendiskussionen, Theater oder audiovisuelle Methoden. Solche Interventionen zeigen messbare Wirkung, vor allem dann, wenn sie im sozialen Umfeld der Teilnehmenden verankert sind und langfristig angelegt werden.
Eine (geschlechter-)gerechte Gesellschaft
Eine solche Emanzipation des männlichen Teils der Bevölkerung käme nicht nur allen anderen Teilen zugute, er würde auch den Männern selbst dabei helfen physisch und psychisch gesünder zu werden. Ein gesunder Zugang zu Emotionen und Nähe reduziert nachweislich das Risiko für Depressionen, Angststörungen und suizidale Krisen. Männer, die gelernt haben, über Belastungen zu sprechen und Hilfe anzunehmen, greifen seltener zu Alkohol oder Drogen. Auch gefährliches Verhalten wie aggressives Autofahren oder risikobehafteter Sexualkontakt tritt seltener auf, wenn Männer sich nicht mehr unter Beweisdruck fühlen, „hart“ oder „unverwundbar“ sein zu müssen.
Männerberater wie Björn Süfke in Bielefeld und Louis Seghetto in Luxemburg stehen zudem häufig vor dem Problem, dass es Männern schwerfällt darüber zu sprechen, wenn sie selbst Opfer von Gewalt werden. Es gäbe hier noch einen hohen Bedarf an individueller und gesellschaftlicher Sensibilisierungsarbeit zu leisten. Seghetto bringt es so auf den Punkt: „Frau sein ist nicht einfach. Non binary sein ist nicht einfach. Aber Mann sein ist auch nicht einfach. Gleichstellung braucht alle Parteien. Das Ziel sollte sein, gemeinsam eine gerechte Welt zu schaffen.“ Süfke glaubt fest daran, dass wir in Zukunft eine solche geschlechtergerechte Gesellschaft erreichen werden. Wenn er sie auch selbst nicht mehr erleben wird. „So in 200 Jahren könnte es soweit sein.“ Voraussetzung: Die Emanzipation von toxischen Männlichkeitsvorstellungen.


