Portrait einer Bahnlinie: Ein Zug bleibt auf der Strecke

Der Fotograf Patrick Galbats hat vor kurzem mit einem Projekt für die Kulturhauptstadt „Esch 2022“ begonnen, in dem er die Region Pays-Haut Val d’Alzette porträtiert. Der woxx gewährt Galbats schon einen kleinen Einblick in seine Arbeit: Betrachtungen entlang der Bahnlinie zwischen Esch und Audun-le-Tiche, die bald einer Busverbindung weichen soll.

Die zwanzigjährige Barbara zog erst vor kurzem von Porto nach Audun-le-Tiche. Ihr Vater arbeitet seit 14 Jahren in Luxemburg; nun jobt auch sie in Esch, in einem portugiesischen Lokal. (Fotos: Patrick Galbats) Der Blick aus dem Fenster zeigt die Industriebrache „Roud Lëns“, wo in naher Zukunft ein komplett neues Viertel der Stadt Esch entstehen wird.

Alle paar Minuten bleibt ein Auto neben dem Bahnsteig stehen. Jemand steigt aus, nimmt sich ein Gratisblatt aus der blauen Zeitungsbox, steigt wieder ein und fährt durch den Nebel davon. Menschen, die auf den Zug nach Esch-sur-Alzette warten, gibt es hier am Bahnhof von Audun-le-Tiche an diesem kalten Novembermorgen kaum. Dennoch transportiert der Pendelzug täglich etwa 700 Fahrgäste auf seinen insgesamt sechzig Fahrten zwischen dem luxemburgischen Esch und dem französischen Audun – und das gratis.

Die 2,7 Kilometer lange internationale Linie wurde bereits 1880 in Betrieb genommen. Hauptsächlich Eisenerz für die luxemburgischen Hochöfen wurde damals transportiert. Seit den 1990er-Jahren dient sie vor allem, um die Straßen vom Grenzgängerverkehr zu entlasten.

Anfang November stellte der zuständige Minister, François Bausch, gemeinsam mit dem Escher Bürgermeister Georges Mischo ein umfassendes Mobilitätskonzept vor. Um schnellere Verbindungen in der Region zu schaffen, soll die Bahnstrecke einem Metro-Bus weichen.

Diese Entscheidung sorgte für Aufregung bei den Gewerkschaften der Bahnarbeiter. Doch in den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der französischen Grenzgänger auf über 100.000 Personen verdreifacht. Neuentstehende Viertel in der Region werden zusätzlich zehntausende Menschen in die Gegend bringen. Ein solches Wachstum ist ohne ein effizienteres Mobilitätskonzept nicht zu bewältigen.

Noch fährt der Zug. Ich war für die woxx auf der Strecke unterwegs. Das Resultat ist eine Bilderserie über die Passagiere und die Landschaft, welche der Pendlerzug seit 140 Jahren durchquert.

Der Zug nach Audun-le-Tiche fährt unter dem Viadukt der stillgelegten Strecke Audun – Fontoy hindurch. Die Brücke wurde 1904 errichtet.

An einem Novembermorgen mit dem Pendelzug von Esch-sur-Alzette nach Audun-le-Tiche.

Francesco (83) hat früher in Luxemburg gearbeitet und ist bereits seit neunzehn Jahren im Ruhestand.

Denis und Loïs, 19 Jahre, studieren Physiotherapie an der privaten „Lunex University“ in Differdingen. Denis ist sogar extra aus Burgund in die Grenzregion gezogen, weil er sich nach seiner Ausbildung eine Karriere in Luxemburg erhofft. Beide wohnen in Audun-le-Tiche.

Wenn die Industriebrache „Roud Lëns“ durch das geplante Wohnviertel überbaut ist, soll ein Metro-Bus für die Verkehrsanbindung sorgen.

Sheila ist erst kürzlich mit ihrer Tochter Erka von Lissabon nach Herserange (F) gezogen und hofft auf neue Chancen im Leben. Um sich von ihrem Wohnort nach Esch auf Arbeitssuche zu begeben, muss sie zuerst den Bus von Herserange nach Audun nehmen, und dann anschließend die Pendelbahn nach Esch. Die Reisezeit für die knapp zwanzig Kilometer Anfahrt beträgt mindestens eine Stunde.

Die Arbeitslosenquote in Spanien ist in diesem Jahr, vor allem wegen der Corona-Pandemie, auf über 16 Prozent angestiegen. Megan und Natalia sind erst vor fünf Tagen von dort nach Audun gekommen und versuchen nun ihr Glück auf dem Luxemburger Arbeitsmarkt. „Wenn es nicht klappt“, sagt Megan, „dann gehen wir eben wieder zurück.“

Endstation Audun-le-Tiche. Hinter der weißen Mauer befindet sich die erst 2016 eingeweihte „Liaison Micheville“, eine Schnellstraße, die Villerupt mit Belval und der A4 nach Luxemburg verbindet. Der geplante Metro-Bus soll künftig den PKW-Verkehr drastisch senken.

 


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