Post-Hardcore: Übergrund

von | 17.01.2019

Mit Fjørt kommt für einmal kein Avant-Garde-Elektro in die Rotondes sondern knallharter Screamo-Hardcore der neuen Generation – durchaus erfrischend.

Foto: Andreas Hornoff

Es brodelt im Untergrund, trotzdem bleibt er für die Augen der Mehrzahl unsichtbar, denn Subkultur findet nicht in den großen Konzerthäusern und Museen statt. Die Bands, die sich von Mainstream und Massenindustrie abgrenzen wollen, tun dies oftmals durch größtmögliche Dissonanz, schiere Lautstärke oder Aggressivität in ihrer Musik und erreichen deshalb nur einen kleinen Teil der Gesellschaft. Eine Band, die sich zwar in Undergroundgefilden bewegt, aber mit ihrer Post-Hardcore-Musik auch andere Musikfans erreicht, ist Fjørt.

Das Trio aus Aachen gründete sich 2012 und hat seither eine EP und drei Alben veröffentlicht. Im Jahre 2015 unterschrieben sie bei dem renommierten Hamburger Indie-Label Grand Hotel van Cleef. Bereits das erste Album, das unter dem neuen Label veröffentlicht wurde, sorgte vermehrt für positive Schlagzeilen über die Band. Fjørt tourte daraufhin durch Deutschland, Österreich und die Schweiz und macht seitdem mit Bands wie Marathonmann, Turbostaat und Heisskalt das Screamo-Genre im deutschsprachigen Raum populär. Spätestens mit dem letzten Album „Couleur“ und der Single „Magnifique“ gelang der endgültige Durchbruch. Und das obwohl die Band mit der neuen Platte keineswegs einen kommerzielleren Weg eingeschlagen hat. Ganz im Gegenteil: „Couleur“ steht seinem Vorgänger in nichts nach. Das Album wirkt wie eine kontinuierliche Weiterentwicklung, nur noch homogener als das vorherige Album.

Diese Einheitlichkeit des Albums ist unter Umständen auf den vergleichsmäßig schnellen Schreib- und Aufnahmeprozess des aktuellen Albums zurückzuführen. Nur ein Jahr verbrachten die Musiker nach ihrer Tour damit, die Platte abzuschließen. Die Band selbst berichtete, dass das Komponieren nach der inspirierenden Tour leichtgefallen sei. Der Schreibfluss und die Leichtigkeit trotz ihres schweren Sounds sind hörbar. Die Gitarren sind laut und kraftvoll, die Bässe drückend. Der trockene Metal-Sound der Schlagzeugbeats treibt die Musik voran, während der Gesang schreit, bis die Kehle blutet. Die Songs sind eingängig und klingen nach der Schwermut und dem Schmerz einer verlorenen, zerrissenen Seele. Beim Hören der Musik fühlt man sich geborgen im Gefühl der Einsamkeit und Bilder von Wellen, die an norwegische Fjorde schlagen, ziehen am inneren Auge vorbei.

Nicht nur die Instrumente transportieren diese Melancholie, sondern auch die kryptischen Texte spielen dabei eine entscheidende Rolle. Die meisten Lyrics erzählen vom inneren Kampf des Einzelnen oder reflektieren den Bereich des Zwischenmenschlichen. Dabei bleibt die Message vage, denn die Band möchte viel Raum für Interpretation lassen. Die Texte sind poetisch, selbst wenn sie an mancher Stelle etwas prätentiös lebensphilosophisch wirken. Ganz selten werden die drei Musiker explizit, wenn sie politisch Stellung beziehen und sich gegen Rechtsextremismus stark machen, wie in dem Lied „Raison“.

Der Sound der Band Fjørt ist zwar laut und extrem, aber die geschickten Texte und eingängigen Melodien machen sie auch für ein breiteres Publikum zugänglich. Und auch wenn sich das Muster stellenweise wiederholt, der Sound sich auf Albumlänge doch etwas abnutzt und das leise, verspielte Intro, als wäre es ein Naturgesetz, vier Takte später von einer Soundmauer überrollt wird, so schreit Fjørt immer wieder mit viel Pathos die Sätze, die man manchmal selbst fühlt. Am kommenden Dienstag sind sie live in den Rotondes zu sehen. Bei aller Liebe zur Musik: Die Ohrstöpsel nicht vergessen.

Am 22. Januar in den Rotondes.

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