Mittelamerika ist eine Hochrisiko-Region für queere Personen. Auch in Guatemala sind insbesondere trans Frauen und trans Männer von Gewalt betroffen. Ein kleines Netzwerk von Initiativen kämpft für mehr Schutz und sexuelle wie geschlechtliche Selbstbestimmung.

Bislang sind Polizei und Justiz für die queere Community in Guatemala eher ein Problem als eine Schutzinstanz: Demonstration für die häufig von Gewalt betroffenen Frauen und trans Personen Ende November vergangenen Jahres in Guatemala-Stadt. (Foto: Knut Henkel)
Das Haus mit gelber Fassade im historischen Zentrum von Guatemala-Stadt ist vollkommen unscheinbar. Kein Transparent, kein Aufkleber, kein Klingelschild – keinerlei Zeichen also, das darauf hinweist, dass hier die Zentrale einer Initiative von trans Frauen ist. „Red Multicultural de Mujeres Trans“ (RedMMutrans) heißt sie, und diesem „multikulturellen Netz von trans Frauen“ gehören mehr als 300 Personen an. „Elf arbeiten festangestellt, 35 sporadisch für unsere seit 2011 existierende Organisation“, sagt Galilea Monroy de León. Die mittelgroße trans Frau mit den langen, pechschwarzen Haaren stammt aus dem Süden Guatemalas und ist mit 17 Jahren zu Hause rausgeflogen.
„Ich stamme aus einer sehr religiösen Familie aus dem Departamento Suchitepéquez“, erzählt sie. Mehr als zwanzig Jahre ist das her und damals kam die junge Transfrau wie andere auch mit großen Erwartungen in die Hauptstadt. „Ich war jung, hatte keine Ahnung und hatte gehofft, dass es hier Jobs geben würde“, erinnert sie sich mit einem ironischen Lächeln. Heute ist sie die Direktorin von RedMMutrans.
Doch Arbeit für queere Menschen gibt es auch im Jahr 2025 in Guatemala nur sehr selten. „Uns fehlt hier eine Politik der Inklusion, die Unternehmen verpflichtet, Jobs auch für die queere Community anzubieten. Obendrein brauchen wir mehr Schutz vor der Polizei und den Gerichten“, so Monroy de León. Sie kennt die Probleme der LGBTIQA+-Community, hat fast 15 Jahre unter miesen Bedingungen ihren Lebensunterhalt als Sexarbeiterin verdient.
Parallel dazu hat sie sich jedoch weitergebildet, sich bei Nichtregierungsorganisationen über ihre Rechte informiert, Seminare belegt und dazugelernt. Das war das Sprungbrett für den Aufbau der 2011 initiierten queeren Menschenrechtsorganisation, die RedMMutrans heute ist. „Wir engagieren uns für alle Transfrauen in Guatemala, für Maya-, Garifuna-, Xinka- genauso wie für Mestizo-Frauen, auch für das gesamte queere Spektrum“, erklärt Monroy de León. Sie hat ein Faible für Farben, ist heute in einem lachsfarbenen Kleid unterwegs und sitzt mit einer Handvoll Kolleg*innen in den Büroräumen der Initiative, die im Erdgeschoss des gelb angestrichenen Apartmenthauses liegen.
Monroy de León ist landesweit, aber auch international unterwegs. Die 40-jährige gibt ihr Alter ungern preis. Dennoch macht sie keinen Hehl daraus, dass sie deutlich älter ist, als viele Transfrauen hier in der Region werden. Mittelamerika ist eine Hochrisiko-Region für queere Personen. Im 10,8 Millionen Einwohner*innen zählenden Honduras starben 47 Menschen aus der LGBTIQA+-Community im Jahr 2024 einen gewaltsamen Tod, in Guatemala (rund 18,5 Millionen Einwohner*innen) waren es laut der bei der LGBTIQA+-Organisation „Lambda“ angesiedelten Beobachtungsstelle 36.
„Wir brauchen Fachleute, die die Situation beobachten, Daten auswerten, analysieren“, sagt Carlos Valdes, der Direktor von Lambda. Er trägt eine schwarze Brille und ein schwarzes T-Shirt mit dem knallroten Schriftzug seiner Organisation. „Die Gesellschaften in Mittelamerika sind extrem konservativ. Zudem haben wir es mit Evangelikalen und der katholischen Kirche zu tun, die sehr traditionell auftreten, gegen sexuelle Vielfalt, aber auch gegen Schwangerschaftsabbrüche eintreten – selbst nach Vergewaltigungen“, sagt er.
Als LGBTIQA+-Organisation habe man in Guatemala einen sehr schweren Stand, so Valdes. Die Räume von Lambda befinden sich in der Avenida Centroamerica, im historischen Zentrum von Guatemala-Stadt. Auch hier verzichtet man darauf, Transparente aufzuhängen oder Parolen an die Hauswand zu malen: „Zu riskant und im Zweifel eher kontraproduktiv“. Valdes begann 2005, für die Rechte der queeren Community einzutreten. Fünf Jahre später wurde Lambda offiziell registriert und war auch lange außerhalb der Hauptstadt aktiv. Damit ist es nun vorbei.
Seit seinem Amtsantritt im Januar 2025 begann US-Präsident Donald Trump konsequent, die US-Entwicklungsbehörde „USAID“ abzuwickeln. Die Streichung von Hilfsgeldern trifft auch Organisationen wie Lambda hart. Im Februar vergangenen Jahres musste Valdes 35 Mitarbeiter*innen entlassen, weil die Mittel aus den USA nicht mehr kamen. Derzeit arbeiten noch elf Mitarbeiter*innen in seiner Initiative, und Valdes befürchtet, dass es bald nur noch acht sein könnten. „Lambda hat wie alle queeren Organisationen in Guatemala handfeste Probleme, die Etats für 2026 zusammenzubekommen. Löhne und Angebote werden sinken, das ist unvermeidbar“, meint Valdes.
Ermittlungserfolge bei Morden in der queeren Community gibt es überaus selten – weit über 90 Prozent der Straftaten, Morde, Vergewaltigungen, Körperverletzung werden nicht geahndet.
Bis dato unterhält die Organisation noch eine Herberge, wo queere Migrant*innen aus der gesamten Region ein paar Tage Pause machen können. Erholung, psychologische Betreuung und Beratung wird dort angeboten. Der Leiter der Einrichtung, Andy Morales, ist wie Carlos Valdes Psychologe. Gemeinsam koordinieren sie das Programm. Heute dreht sich alles um die traditionelle Weihnachtsfeier der queeren Community in Guatemala-Stadt, die Lambda seit Jahren ausgerichtet und wofür die Herberge, die nur ein paar Straßen vom Büro entfernt liegt, den nötigen Platz bietet.
Das Fest zum Jahresabschluss hat Tradition bei Lambda, der ältesten LGBTIQA+-Organisationen von Guatemala-Stadt. Auch Galilea Monroy de León ist mit ein paar trans Freundinnen anwesend, als es gegen 16 Uhr beginnt. Moderiert wird das Event von Carlos Valdes und Herbergsleiter Andy Morales. Quiz, Tombola und Snacks gibt es, auch der Weihnachtsmann steht auf dem Programm. Die meisten der rund 150 Feiernden kennen sich, wie auch die trans Frauen vom „Colectivo Trebol“. Das ist ein Zusammenschluss von Sexarbeiter*innen, die rund um die Station für Überlandbusse „El Trebol“ ihre Dienste anbieten. Wie andere organisierte Gruppen auch stellen sie sich den Anwesenden vor.
Die Herberge, die eine Handvoll Zimmer für queere Migrant*innen aus El Salvador, Honduras, Venezuela oder Kolumbien bietet, wird gemeinsam mit dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) betrieben. Noch ist unklar, ob das Budget auch im Jahr 2026 ausreichen wird. Doch das ist heute kein Thema. Schließlich trifft sich die queere Community, um sich selbst zu feiern, ehe dann die letzten Tage des Jahres anstehen, wo etliche ohne Familie auskommen müssen.
„Das ist in der queeren Szene in Guatemala-Stadt weit verbreitet: die Einsamkeit rund um die Feiertage. Ich habe darunter auch jahrelang gelitten, war öfter allein – bis ich das Verhältnis zu meiner Mutter wiederherstellen konnte“, erzählt Monroy de León, die ein Einzelkind ist. Ihr Vater starb, als sie acht Jahre alt war. Die Mutter wollte nicht akzeptieren, dass ihr Sohn anders war. Als der sich die Haare lang wachsen ließ, sorgte die Mutter dafür, dass sie abgeschnitten wurden – das war genauso ein Schock wie kurz darauf der Rauswurf aus dem hyperkonservativen Elternhaus. Jahrelang hatten die beiden keinen Kontakt. „Mittlerweile haben wir ein gutes Verhältnis, telefonieren häufig“, erklärt die Tochter, die als Sohn zur Welt kam und sich im eigenen Körper nie wohl gefühlt hatte.
trans Frauen, aber auch trans Männer sind in Guatemala und den angrenzenden Ländern besonders gefährdet. „Sie sind so etwas wie das Gesicht der queeren Community“, sagt Monroy de León. Auch Gewalt ist dabei an der Tagesordnung. In einer Gesellschaft, die sexuelle Vielfalt nicht akzeptiert, werden die als „anders“ Wahrgenommenen diskriminiert und attackiert.
Daran hat sich auch mit der neuen Regierung von Bernardo Arévalo kaum etwas geändert. Doch immerhin wird hinter den Kulissen verhandelt und diskutiert. Carlos Valdes ist dann dabei, Galilea Monroy de León ebenso. Sie begrüßt die Treffen, die quasi ohne jegliche Öffentlichkeit stattfinden. Man wolle bei der konservativen Mehrheit im Parlament nicht allzu viel Aufmerksamkeit erwecken. Ziel sei es, Gesetze zum Schutz der queeren Community und der sexuellen Selbstbestimmung vorzubereiten. Bisher gibt es nichts Konkretes vorzuweisen, aber es ist positiv, dass die Regierung Arévalo, anders als die beiden vorausgegangenen von Alejandro Giammattei und Jimmy Morales, an Verhandlungen teilnimmt. „Daran war unter Alejandro Giammattei, dessen Homosexualität offiziell kein Thema war, nicht zu denken.
Bislang sind Polizei und Justiz für die queere Community eher ein Problem als eine Schutzinstanz, meinen Aktivist*innen wie die trans Frau Alejandra Pineira. Gemeinsam mit vielen anderen ist sie am 25. November am Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen in Guatemala-Stadt auf die Straße gegangen. „Diese Tage, an denen wir sichtbar sind, zu Hunderten auf der Straße sind, laut und bunt auf uns aufmerksam machen, sind extrem wichtig“, so die 16-jährige, die beim Quiz in der Lambda-Herberge gerade eine Torte gewonnen hat. Vier, fünf derartige Events gibt es über das Jahr verteilt: Den Frauenkampftag am 8. März, den 17. Mai als internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie, sowie den 18. Juni, der als internationaler Tag dem Kampf gegen Hass-Reden gewidmet ist. Für jede Veranstaltung gibt es ein Vorbereitungsteam, die „Coordinadora“.
Dafür ziehen alle LGBTIQA+-Organisationen an einem Strang. Man legt Abläufe und Themen fest und zelebriert solche Tage als große Events der Szene – inklusive rauschender Partys. In diesem Jahr standen die Defizite bei Polizei und Justiz im Mittelpunkt. Ermittlungserfolge bei Morden in der queeren Community gibt es überaus selten – weit über 90 Prozent der Straftaten, Morde, Vergewaltigungen, Körperverletzung werden nicht geahndet. Das geht aus Berichten der Beobachtungsstelle bei Lambda hervor. An dieser Situation hat sich trotz Schulungen der Polizei, trotz Hinweisen von UN-Organisationen, Appellen der Menschenrechtskommission der „Organisation amerikanischer Staaten“ (OAS) nichts geändert. „Straflosigkeit ist Teil unserer Realität“, sagt Carlos Valdes: „Von fast 400 Morden in den letzten zehn Jahren sind nur zwei aufgeklärt worden.“
Eine bittere Bilanz, die strukturelle Ursachen hat. Die Justiz in Guatemala ist nicht nur immer wieder ineffektiv, sondern wird auch politisch instrumentalisiert. Generalstaatsanwältin María Consuelo Porras gilt in Guatemala als Kopf eines korrupten, hyperkonservativen Netzwerks aus Politik, Militärs und Wirtschaft, das gesellschaftlichen Veränderungen im Wege steht. Journalisten wie José Rubén Zamora und indigene Aktivisten wie Luis Pacheco und Héctor Chaclán sitzen im Gefängnis, weil sie für ihr Engagement kriminalisiert worden sind. Derzeit gebe es niemanden aus der queeren Szene, dem ähnliches wiederfahren sei, meint Carlos Valdes, der auch als Jurist für Lambda aktiv ist. Doch über Polizeigewalt klagen viele aus der Szene. Auch Galilea Monroy de León hat mehrfach Anzeige gestellt, weil Polizeibeamte sie als Mann behandelten, bei Leibesvisitationen brutal vorgingen und sich über sie lustig machten. Solche Erfahrungen sind in der Szene alles andere als untypisch. trans Frauen wie die vom Colectivo Trebol klagen über Diskriminierung bei Polizeikontrollen, erfahren Gewalt sowohl durch Freier wie seitens der Polizei.
Ein strukturelles Problem, sagt Olarina Palacia, eine trans Frau und Sexarbeiterin aus Guatemala-Stadt, die in der „Zona Fünf“ lebt und heute ein pinkfarbenes T-Shirt trägt. Darauf prangt der Slogan: „Nicht eine Mehr“. Ein Appell gegen die Morde an trans Frauen, deren Anzahl seit Jahren ähnlich hoch ist.
Diese Zustände werden von allen queeren Organisationen kritisiert. Sie wünschen sich mehr Bildung, mehr Auseinandersetzung, mehr Toleranz in Guatemala. Die Regierung von Bernardo Arévalo macht sich bislang nur hinter geschlossenen Türen dafür stark. Sie hat kleine Erfolge im Bildungs- und Gesundheitsbereich vorzuweisen, hütet sich aber davor, sich zum Umgang mit und den Rechten von queeren Personen öffentlich zu äußern.
Das gefällt weder Carlos Valdes noch seiner Kollegin Monroy de León. Doch sie halten sich mit Kritik zurück. Sie plädieren für Solidarität in der Szene, deren Organisationen um jede Centavo Fördergeld konkurrieren. Hinzu kommen spezifische Probleme innerhalb der Szene. Fälle von Männern, die sich als trans Frauen, ausgeben, aber nur auf der Suche nach Sex sind, habe es in der Szene von Guatemala-Stadt auch gegeben, so Monroy de León. „Es sind nicht viele, und wir arbeiten in der Szene zusammen, um diese Typen zu outen“, sagt die queere Aktivistin.
Sie hat wenig Lust dem Thema mehr Raum zu geben und greift auf der Weihnachtsfeier von Lambda zum Mikrofon, um sich und ihre Freundinnen vorzustellen. Beifall brandet auf, man freut sich auf einen entspannten Abend mit Essen, Tanz und guten Gesprächen. Auf dem Parkplatz vor der Herberge stehen mehrere Stuhlreihen, die Boxen sind angeschlossen, das DJ-Pult aufgebaut und später könnte es durchaus noch einen Drag Queen Contest geben, bei dem die beeindruckendsten trans Frauen für ihren Auftritt auf großer Bühne prämiert werden.
Die Preise hat Carlos Valdes hinter dem DJ-Pult deponiert, aber erst einmal moderiert er die Weihnachtsshow. Gerade geht es darum wie das Fest in Kolumbien, Venezuela, Honduras oder Ecuador gefeiert wird. Aus den genannten Ländern sind derzeit mehrere LBGTIQA+-Menschen in der Herberge untergebracht. Diese wird es hoffentlich auch im nächsten Jahr noch geben.

