Schon gestreamt? 1985

In leisen Tönen erzählt Regisseur und Drehbuchautor Yen Tan mit seinem Film „1985“ von einer Familie inmitten der Aids-Krise der 1980er-Jahre. Bis Donnerstag kann der 2018 erschienene Film gratis gestreamt werden.

Foto: Wolfe Releasing

Weihnachten 1985: Nachdem er drei Jahren lang auf Distanz geblieben war, stattet Adrian (Corey Michael Smith) seiner Familie – Vater Dale (Michael Chiklis), Mutter Eileen (Virginia Madsen) und Bruder Andrew (Aidan Langford) – für ein paar Tage einen Besuch ab. Was Adrians fundamentalistisch-christlichen Eltern nicht wissen: Ihr Sohn ist schwul und der Grund für seinen Besuch geht auf weit mehr als ein wenig Heimweh zurück.

Trotz seiner Thematik kommt in „1985“ nicht viel explizite Queerness vor. Im Film geht es vielmehr um die Parallelwelt, in der sich LGBTQIA-Menschen zeitweise befinden können: Kontexte, in denen sie nicht geoutet sind, ihre Heterosexualität und Cisgeschlechtlichkeit von vorne herein angenommen wird, sie Angst haben, ausgestoßen zu werden, wenn sie sich zu viel über sich Preis geben.

Diese Kontexte können sich für Betroffene einsam und bedrohlich anfühlen, sind sie doch völlig abgeschottet von den Menschen, die sie kennen und genauso akzeptieren wie sie sind, und ihnen, bei Bedarf, unterstützend zur Seite stehen könnten. Solche Orte können etwa der Arbeitsplatz sein oder, wie in Adrians Fall, die Kernfamilie.

Das Filmplakat ist etwas irreführend. Zu sehen ist der Hinterkopf eines Menschen mit Kopfhörern. Angesichts dessen könnte man sich einen Film über Musik erwarten. Kombiniert mit dem Titel eventuell sogar eine Doku über die Technologie der 1980er-Jahre. Kassettenrekorder kommen in Yen Tans Film zwar vor, jedoch eher als Mittel, um die Dynamiken zwischen den Figuren aufzuzeigen.

Besitzer des Walkmans ist Adrians kleiner Bruder Andrew, der darauf seinem Vater verhasste „säkulare“ Musik hört. Durch seinen Musikgeschmack wird Andrew umgehend im Kontrast zu seinen konservativ-gläubigen Eltern porträtiert. Dafür hat er umso mehr gemeinsam mit Andrian, der seinem Bruder im Kassettenladen „The Cure“ und „R.E.M.“ ans Herz legt.

Foto: Wolfe Releasing

Nicht nur Andrews Musikgeschmack ist seinem Vater ein Dorn im Auge. Auch dass sein jüngster Sohn kein Football spielt und seiner Ansicht nach nicht „tough“ genug sei, macht ihm zu schaffen. In „1985“ geht es aber nicht nur um unterschiedliche Männlichkeitsideale, auch Klassenneid ist ein Thema. Als Adrian, der in New Yok in einer Werbeagentur arbeitet, seinem Vater zu Weihnachten eine schicke Jacke schenkt, ist das diesem so unangenehm, dass er sie gar nicht erst anprobieren möchte. Dass er nicht weiß, wie er mit Andrew über sein neustes Hobby als Theaterschauspieler reden soll, kommentiert Dale mit „I’ve never been an artsy-fartsy guy“.

Das alles hätte jeder Spannung entbehrt, wäre Regisseur und Co-Autor Yen Tan nicht so sehr darauf bedacht gewesen, Schwarz-Weiß-Malerei zu meiden. Immer wieder brechen die Figuren aus den Schubladen aus, in die man sie nur allzu voreilig stecken möchte. Vor allem die Eltern stellen sich im Laufe des Films als sehr viel komplexer heraus als angenommen.

Die körnige Schwarz-Weiß-Ästhetik, das minimalistische Dekor, der langsame Schnitt – all das geht Hand in Hand mit dem Inhalt des Films, in dem so vieles unausgesprochen bleibt. Dennoch hat man am Ende den Eindruck, einen intimen Einblick hinter die vier Wände dieser Menschen erhalten zu haben, die, trotz vieler Differenzen, mindestens einen zentralen Aspekt gemeinsam haben: die Unfähigkeit, offen und ehrlich miteinander zu kommunizieren.

1985 kann noch bis zum 31. Dezember gratis auf salzgeber.de gestreamt werden.


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