Schriftstellerin Marie T. Martin: „Die Person, die ich war, ist verschwunden“

von | 19.07.2025

Die viel zu früh verstorbene Autorin Marie T. Martin hinterlässt ein bemerkenswertes literarisches Werk. Mit dem Band „Der Winter dauerte 24 Jahre“ ergibt sich die Möglichkeit, in die Gedankenwelt der Schriftstellerin einzutauchen.

(Copyright: Poetenladen Verlag)

Der Schutzumschlag dieses Buchs eröffnet gleich einen Raum für persönliche Deutungen: Ist es eine Luftaufnahme mit kleinen leuchtenden Punkten der Besiedlung und schimmernden Seen im nächtlichen Dunkel? Oder ist es eine Karte, auf der größere und kleinere Orte an einem vielfach gestauten Flusslauf eingezeichnet sind? „Landkarte // Ausgefaltet der Körper / die befächerte Handfläche / im Relief der Bettdecke // alles passt in eine Faust / ein Linienplan / der das Ende verschweigt // die Geburt / Seitenpfade Knicke eine Kreuzung / geschnitten verästelt // ich sehe: die Adern Flusslinien / eines unbenannten Landstrichs“. Geschrieben hat dieses Gedicht die deutsche Schriftstellerin Marie T. Martin, 1982 in Freiburg im Breisgau geboren und im November 2021 dort verstorben. Es entstammt ihrem ersten Gedichtband „Wisperzimmer“ aus dem Jahr 2012, der nun mit Martins drei anderen zu Lebzeiten erschienenen Büchern und der bisher unveröffentlichten Kurzprosa-Sammlung „Der Winter dauerte 24 Jahre“ den Nachlassband gleichen Titels bildet. Einige Hörspiele, Kurzprosa und ihr Kölner Libretto „Love Songs for Heim@t“ (2014) wurden nicht in den 432 Seiten starken Band aufgenommen, da die Rechte hierfür nicht bei Martins Stammverlag, dem Leipziger Poetenladen, liegen. Der Band umfasst damit ihre Hauptwerke.

„Landkarte“ ist nicht unbedingt ein typisches Gedicht aus „Wisperzimmer“, wo „alle Geschichten ein Rascheln“ sind, wie es im titelgebenden Text heißt. In Martins Lyrik verbinden sich unterschiedliche Ebenen der Wahrnehmung und des Kreatürlichen. Da schimmern „Blattlichter“, wird eine „Wasserschrift“ sichtbar, leuchtet ein „Zitronenlächeln“ auf. Die Welt in diesen Gedichten ist dialogisch aufgebaut, die Dinge sind sie selbst und zugleich Erinnerungen, Träume, Verbindungen in andere Regionen, in denen so etwas wie die Natur zu ihrem Wesen findet. Doch selbst in einem Abstraktum wie der Landkarte sind Körper und Geburt anwesend. In ihm wird diese „intuitive Kenntnis von Dingen und Zusammenhängen“ sichtbar, „die nur wenigen Menschen gegeben ist“, wie Tom Schulz im Nachwort zu Martins zweitem Gedichtband „Rückruf“ (2020) schreibt.

In der Literaturszene war Marie T. Martin immer so etwas wie ein Geheimtipp. Aufgewachsen im Dreisamtal studierte sie im nahen Freiburg, später am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL), lebte anschließend als Autorin und Theaterpädagogin zwölf Jahre in Köln, bevor sie zurück ins heimatliche Freiburg zog. Preise und Stipendien wurden ihr seit 2002 zugesprochen, 2007 gewann sie als erste größere Auszeichnung den Förderpreis des MDR-Literaturwettbewerbs, erhielt 2008 das Kölner Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium und noch 2018 den Förderpreis zum Mörike-Preis der Stadt Fellbach. Residenzstipendien führten sie unter anderemnach Istanbul, Edenkoben, Hausach und ins schweizerische Langenthal.

Poesie und Prosa

Im Jahr 2011 debütierte sie mit „Luftpost“, einem auf den ersten Blick eher klassisch gehaltenen Erzählband, in dem aber bereits Martins ganz persönliche Mischung aus Fantastik, hintergründigen Plots und dem Nachdenken über die eigene Familiengeschichte und Vergänglichkeit enthalten ist. In „Nebenrolle“ inszeniert Martin zum Beispiel das berührende Wiedersehen zweier ungleicher Schwestern, in „Grünspan“ schreibt sie über die kleinen Grausamkeiten gegen ein zugezogenes Geschwisterpaar in dem abgelegenen Dorf. In „Packmans Party“ porträtiert sie wiederum eine lebenshungrig-verzweifelte junge Frau. Die Erzählung schließt mit einem tragischen und zugleich rätselhaften Finale: „Jemand hatte eine Kerze angezündet und ans Kopfende des Tisches gestellt, sie flackerte still vor sich hin, während es draußen heller wurde und die Helligkeit durch die nur notdürftig verhängten Fenster drang, ganz behutsam, als wollte sie uns nicht stören.“ Die vielfach eingenommene Ich-Perspektive lässt die Lyrikerin erkennen. In „Fallschirm“ allerdings spielt die Autorin sehr geschickt mit zwei erzählenden Ichs, eines weiblich, eines männlich, ein schönes Beispiel für den unaufgeregten Hang zum Inventiven, gepaart mit einem feinen Humor, der vielen ihrer Texte eignet.

Spätestens seit ihrem Lyrikdebüt „Wisperzimmer“ sprach man von Marie T. Martin. Auch wer sich selbst in der Szene bewegte und, wie der Rezensent, die Autorin nie persönlich traf, begegnete überall Schreibenden, die von ihrer Erscheinung beeindruckt waren und ein Vorbild in ihr sahen. Aus eigenen Anmerkungen zu ihren Bänden, aber auch aus Norbert Hummelts empathischem Nachwort zu „Der Winter dauerte 24 Jahre“ spricht eine erfahrene Interpretin ihrer selbst. Sie interessierte sich für Kunst, Musik und Zen-Bücher und erprobte ihre Texte in Lesungen und Performances, noch bevor sie in gedruckter Form erschienen. Die Diskretion ihrer Literatur erstreckt sich auch auf ihre Erkrankung, über die sie kaum Auskünfte gegeben hat, und ihren frühen Tod. Als „Rückruf“ im Herbst 2020 erschien, gab es ein Aufatmen, dass dieser Gedichtband, so anders geartet als ihr erster, noch erscheinen konnte, obwohl die Texte nicht auf ein Ende hin geschrieben wirken. „Jetzt ist jetzt, alles kann sich von innen / erwärmen, Rückruf, dein Ich spricht // mit dem Gesicht der Landschaft, die dich an sich / zieht wie etwas, das immer schon zu dir gehört.“ Hummelt, der seine einstige Studentin Anfang 2021 noch unter schwierigen Bedingungen besuchte, interviewte und Tonaufnahmen mit ihr machte, schreibt vom Halt, den das Schreiben bedeutet, wenn sonst nichts mehr Halt gibt, vom „Aus-der-Welt-Fallen“: „Es gibt da in den Gedichten auch nicht so eine Grenze zwischen lebend und tot“, so Hummelt. „Auch nicht so eine starke Grenze zwischen der menschlichen und der mehr als menschlichen Welt.“

Texte, die nachklingen

Die Größe der Marie T. Martin kommt auch in ihrer Prosa zum Ausdruck, die im Laufe der zehn Jahre, in denen sie Bücher publizierte, immer kürzer und zugleich weiter, universaler, intensiver geworden ist. Der Charme, die absurde Finesse der nur rund 60 Seiten umfassenden Sammlung „Woher nehmen Sie die Frechheit, meine Handtasche zu öffnen“ von 2015 ermöglicht herrliche, leicht surreale Leseeindrücke. „Kleine Geschichten vom Zugfahren“ finden sich dort, fantastische „Verhängnisse“ und ein „Kleiner Gastronomieführer“, aber auch die melancholisch-märchenhafte Erzählung „Das Mädchen in Weiß und der Friseur“, die wie alle Texte in mehreren Stücken komponiert ist. In „Textile Genealogie“ und „Zweistromland“ ist die Autorin zurückhaltend-einfühlsam der donauschwäbischen Familiengeschichte auf der Spur, wie sie sich auch im Langgedicht „Drhom“ aus „Rückruf“ gespiegelt findet: „du. und du. jetzt seid / ihr am Anfang des Sprechens / Mutter und Tochter / niemand // wird euch / etwas tun / da ist nicht / die / Nacht nicht / da ist / Licht“.

Nicht nur das künstlerische Leben Marie T. Martins, auch dieser beeindruckende Band mit „Werken und Nachlass“, wie der Untertitel lautet, führt auf die kleine Prosa von „Der Winter dauerte 24 Jahre“ zu. Vier „Talismane“ finden sich darin, davon einer: „Ein altes Marmeladenglas, gefüllt mit Schnee“. In drei „Briefen aus Immerwald“ schreibt ein Ich an eine gewisse Olivia. „Warum bin ich hier, bin ich gestorben? Vielleicht, ich bin mir nicht sicher. … Der Immerwald ist voller Licht, diese Art von Licht, wie es am frühen Morgen so zögerlich und zart zwischen den Stämmen aufscheint, bevor die Sonne hervortreten kann.“ Da gibt es „Korrespondenzen aus der Abteilung für Balsam & Heilung“, in denen sich auch eine „Anleitung zum Trauern“ findet: „Ihre Tränen sind der Beweis dafür, dass Sie am Leben sind.“ Da sind „Bisherige Listen“, in denen „Spuren“, „Zimmer“, „Tiere“ und „Bilder“ verzeichnet sind – keine Dinge, die man gesehen haben muss, ‚bevor man den Löffel abgibt‘, sondern ein „Warten“ etwa „Auf den Pfleger, der dich mit deinem Rollstuhl wieder auf Zimmer 12 zurückfährt, weil du es selbst nicht kannst“. Die große Diskretion der Texte verhindert jeden weitergehenden Hinweis auf die verheerende eigene Konstitution. Stattdessen tritt „Meisterin Wenzi“ auf, eine Inkarnation der Poesie, ließe sich sagen, und ihre „Gedichte erschienen als Sammlung aus dem Wispernden Zimmer als Buch, geschrieben in einer Alltagssprache, die jeder verstehen konnte“. Oder da werden „Automatische Antworten“ wie Texte für einen posthumen Anrufbeantworter formuliert, „denn die Person, die ich war, ist verschwunden“.

Die zarte, schwebende Bildwelt der letzten kurzen Erzählung, die dem Band den Titel verleiht und auf die gleichsam das Buch und das dichterische Leben wie ein Vermächtnis zuzulaufen scheinen, möge ein*e jede*r selbst erkunden. „Der Winter dauerte 24 Jahre“ steht in einem berührenden tiefen Einklang mit einer Autorin, die in ihrer künstlerischen Wahrnehmungskraft von der Kritik immer wieder als wegweisend, als „Solitär“ (Nico Bleutge) benannt wurde. Auch nach der Lektüre dieses wunderbaren Buches sind die Geheimnisse nicht gelüftet, die schimmernden Punkte auf der Landkarte nicht entschlüsselt. Aber man ist ihnen sehr nahegekommen.

Poetenladen, 432 Seiten, ISBN: 978-3-948305-26-0

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