Serien-Empfehlungen: „Dead to Me“ und „The West Wing“

Jede Woche stellt die woxx eine neue und eine alte Serie vor. Dieses Mal sind Queerbaiting und das Weiße Haus Thema.

Dead to Me (2019-)

Das Verhältnis von Judy und Michelle ist ein gutes Beispiel für „casual queerness“. (Foto: Netflix)

(tj) – Jen (Christina Applegate) und Judy (Linda Cardellini) lernen sich in einer Trauergruppe kennen. Erstere hat ihren Ehemann durch einen tragischen Unfall verloren, die andere ihren Verlobten (James Marsden) durch einen Herzinfarkt. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit verstehen sich die beiden und werden auf Anhieb unzertrennliche Freundinnen. Was Jen nicht weiß: Judys Partner lebt noch. Und: Sie saß im Auto das Jens Ehemann tötete. So die Prämisse der Serie „Dead to Me“, die im Mai 2019 auf Netflix erschien.

Während sie den einen als eher mittelmäßige, aber unterhaltsame schwarze Komödie in Erinnerung geblieben sein mag, verbinden andere mit ihr wohl vor allem ein Phänomen: Queerbaiting. Wie im Artikel „Queere Serienprotagonist*innen: Im Mainstream angekommen“ beschrieben, handelt es sich dabei um eine Darstellungsweise, die die Nicht-Heterosexualität fiktionaler Figuren zwar andeutet, ohne dass diese sie aber jemals ausleben.

Die erste Staffel von „Dead to Me“ war ein besonders frustrierendes Beispiel dafür. Die Protagonistinnen lebten in einem Haus, erzogen gemeinsam Jens Kinder, schliefen gelegentlich in einem Bett und hatten immer wieder Diskussionen, wie sie auch von einem Ehepaar hätten geführt werden können. In guten Zeiten machten sie sich immer wieder Liebeserklärungen, gingen sie zueinander auf Distanz, hätte man meinen können, sie versuchten, über eine Ex hinwegzukommen. Mit jeder Folge schrumpfte jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei alldem um mehr als nur Späßchen handelte, die sich die Serienmacher*innen auf Kosten der queeren Zuschauer*innen erlaubten: Immer wieder wurde Jens und Judys Heterosexualität bekräftigt, sei es, indem sie von Männern schwärmten, sei es, indem sie mit diesen Sex hatten. Wie für Serien und Filme, die auf Queerbaiting zurückgreifen üblich, kam in der gesamten Staffel keine einzige nicht-heterosexuelle Figur vor.

Die queere Showrunnerin der Serie, Liz Feldman, scheint sich die Kritik an dieser Entscheidung allerdings zu Herzen genommen zu haben. In der zweiten Staffel wird der Mangel an queerer Repräsentation nämlich endlich nachgeholt. Zwar wird das pseudo-romantische Verhältnis zwischen Judy und Jen immer noch als Running Gag eingesetzt, doch beginnt erstere zudem eine Affäre mit einer Frau namens Michelle (Natalie Morales). Nachdem die erste Staffel derart bemüht war, die beiden Protagonistinnen als hetero zu etablieren, hätte der Schuss nach hinten losgehen können. Judys plötzliches sexuelles Interesse an Frauen hätte erzwungen und unglaubwürdig erscheinen können. „Dead to Me“ umgeht nicht nur dieses Fettnäpfchen: Die Serie thematisiert Judys Interesse an Frauen zudem auf genau die gleiche Weise wie ihres an Männern. Sie durchlebt keine holprige Coming-out-Phase, Jen freut sich für sie, alles keine große Sache. Wie Rebecca Damante auf advocate.com schreibt, sind solche Fälle von „casual queerness“ gerade deshalb so begrüßenswert, weil sie so selten sind und eine erfrischende Ergänzung zu anderen tragischeren queeren Erzählungen bieten. Noch dazu ist die zweite Staffel qualitativ um einiges besser als die erste. Es lohnt sich also reinzuschauen!

Netflix.

The West Wing (1999–2006)

Gerade im US-Wahlkampfjahr 2020 empfiehlt es sich, „The West Wing“ anzusehen und einen tiefen Einblick in das politische System der USA zu erhalten. (Foto: NBC)

(ja) – Der West Wing ist jener Teil des Amtssitzes des US-Präsidenten, in dem sich das Oval Office befindet. „The West Wing“ behandelt die Amtszeit des fiktiven demokratischen US-Präsidenten Jed Bartlet (Martin Sheen). Neben dem Präsidenten spielen seine politischen Berater*innen und besonders seine Pressesprecherin C.J. Cregg (Allison Janney) eine große Rolle. Die Ereignisse, mit denen Bartlet sich beschäftigen muss, gleichen jenen, die sich zur Zeit der Ausstrahlung – von 1999 bis 2006 – in der Welt abgespielten. So ist nach 2001 die Bedrohung durch islamistische Terrorist*innen genauso immer wieder Thema wie die nukleare Aufrüstung des Irans oder Nordkoreas. Innenpolitische Themen werden ebenso angeschnitten, so muss sich auch Bartlet mit Leaks aus seinem Weißen Haus und einem
„Government Shutdown“ beschäftigen.

In einigen Fällen, wie etwa einem Atomunfall und bei der Wahl von Bartlets Nachfolger, schafften es die Serienmacher*innen, zukünftige Ereignisse erstaunlich „realitätsgetreu“ wiederzugeben, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt natürlich reine Fiktion waren. Ein Fakt, der für den allgemeinen Realismus der Serie spricht.

Der Grundton der Serie ist stets optimistisch, was im starken Kontrast zu anderen Politserien wie etwa „House of Cards“ steht, zeitweise jedoch auch etwas kitschig wirkt. Das passiert vor allem, wenn patriotische Reden gehalten werden; aber auch die gehören zur US-Präsidentschaft dazu. Filmisch ist „The West Wing“ besonders für den exzessiven Einsatz von „Walk and Talk“ bekannt: Viele Szenen bestehen daraus, dass Charaktere durch Korridore wandern und miteinander reden, was die Dynamik erhöht. Ein großer Mangel ist die verschwindend kleine Anzahl an Frauen – die politischen Berater*innen des Präsidenten sind zum Großteil Männer.

Die Präsidentschaftswahlen in den USA sind nur noch wenige Monate entfernt. Obwohl das Wahljahr 2020 sich Covid-19-bedingt ganz anders gestaltet als jene, die in „The West Wing“ gezeigt werden, lohnt es sich auch über zwei Jahrzehnte nach der Erstausstrahlung einen Blick auf die Serie zu werfen. Selten schafft es eine Serie, politische Prozesse verständlich zu machen, ohne allzu belehrend zu wirken. Gerade die Entscheidungen, die im Wahlkampf getroffen werden, sind besonders gut dargestellt. Außerdem wirkt die Präsidentschaft von Jed Bartlet in Zeiten von Trump erfrischend progressiv.

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