Queere Serienprotagonist*innen: Im Mainstream angekommen

Neben queeren Serien bahnt sich seit geraumer Zeit der Trend an, Serien mit nicht-heterosexuellen Protagonist*innen nicht explizit als solche zu vermarkten – ein neuer Meilenstein.

Jules und Rue in der HBO-Serie „Euphoria“. (© HBO)

Am vergangenen Sonntag wurde nach sieben Folgen das Staffelfinale von „Generation Q“ ausgestrahlt. Menstruationssex zwischen Frauen, eine lesbische Ménage-à-trois, Sex zwischen cis und trans Personen, lesbische Elternschaft – das in der Serie dargestellte Spektrum an Geschlechts-, Sexualitäts- und Beziehungsformen markiert ohne Zweifel einen Höhepunkt queerer Repräsentation.

Doch viele andere Serien stehen der Fortschrittlichkeit von „Generation Q“ nur unwesentlich nach. Zu beobachten ist eine große Bandbreite an queeren Darstellungen, mit homosexuellen Subtext auf der einen und Serien mit vornehmlich queeren Figuren auf der anderen Seite des Spektrums. Zwischen diesen beiden Extremen sind queere Nebenfiguren anzusiedeln, denen in vielen Fällen die traurige Rolle von „Quoten-Schwulen“ zukommt. Auch wenn dieses Phänomen immer noch existiert, so kommen vermehrt Serien auf den Markt, die nicht-normative Sexualitäten und Geschlechter nicht nur am Rande aufgreifen.

Die Gay & Lesbian Alliance Against Defamation (Glaad) hat in ihrem Bericht 2019-2020 festgehalten, über zehn Prozent aller Serienfiguren seien mittlerweile dem LGBTQ-Spektrum zuzuordnen, eine Minorität davon seien männlichen Geschlechts und/oder weißer Hautfarbe. Über 14 Prozent von ihnen seien allein den queeren Serienmacher*innen Greg Berlanti, Ryan Murphy, Lena Waithe und Verbündeter Shonda Rhimes zu verdanken. Wie die Verantwortlichen von Glaad in ihrem Bericht jedoch betonen, reicht die Präsenz von LGBTQ-Figuren nicht aus: Wichtig ist zudem, wie nuanciert und tiefgründig sich ihre Darstellung gestaltet.

Erst seit den 1990er-Jahren werden queere Figuren in Serien verstärkt auf positive Weise dargestellt – wenn auch zu Beginn nur zögerlich und äußerst selten. Im Jahr 2000 war „Queer as Folk“ die erste Fernsehserie, mit der versucht wurde, ganz gezielt ein queeres Publikum anzusprechen. Zahlreiche weitere Serien dieser Art – von „The L Word“ bis hin zu „Pose“ – folgten. Charakteristisch für solche Serien ist, das Queersein als Norm darzustellen. Doch auch in heterozentrierten Serien sind queere Figuren in den letzten Jahrzehnten immer stärker in den Fokus gerückt. Tauchten sie in Serien wie „Sex and the City“ noch lediglich als Randfiguren auf, so gehören sie zunehmend der im Zentrum stehenden Personengruppe an und verfügen über elaborierte romantische und sexuelle Erzählstränge. Dies ist zum Beispiel der Fall in „Six Feet Under“, „Grey’s Anatomy“, „The Bold Type“, „Dear White People“ und „Sex Education“. Queere Figuren sind in diesen Serien nicht mehr das exotische Andere: Zentrales Anliegen ist stattdessen die Normalisierung.

Egal ob queer- oder heterozentrisch: Die Präsenz von LGBTIQA-Figuren bedeutet noch lange nicht, dass sämtliche dieser Serien unproblematisch sind. So war „The L Word“ nicht nur trans- und bisexuellenfeindlich, sondern auch stark darauf ausgerichtet, heterosexuellen Männern zu gefallen. „Orange is the New Black“ verfügte zwar über eine ausgesprochen vielfältige Figurenkonstellation, stellte jedoch ausgerechnet eine weiße, schlanke cis Frau der oberen Mittelschicht ins Zentrum. „Transparent“ handelte von einer trans Frau, diese wurde jedoch von einem cis Mann gespielt.

In den letzten Jahren zeichneten sich diesbezüglich positive Entwicklungen ab: Die Repräsentation von Bisexualität nimmt zu, zahlreiche queere Figuren sind latein-
amerikanisch und/oder schwarz und immer mehr Serienrollen werden mit trans und nicht-binären Schauspieler*innen besetzt. Leider steht nicht immer das Streben nach wahrer Repräsentation im Vordergrund. Zum Teil wird auch einfach nur versucht, auf effekthascherische Weise Publikumszahlen zu erhöhen. Eine besonders frustrierende Ausprägung dessen ist das sogenannte Queerbaiting (siehe Kasten weiter unten).

In manchen Fällen ist es aber auch das Serienkonzept, das quasi diktiert, welche Figuren queer sein dürfen und welche nicht. Das lässt sich an der Netflix-Serie „Grace and Frankie“ illustrieren: Es kann davon ausgegangen werden, dass sich eine Serie über zwei Frauen, die von ihren schwulen Ehemännern verlassen werden, nicht so entwickelt, dass am Ende die beiden Protagonistinnen ein Paar werden. In Serien, in denen der oder die beste Freund*in homosexuell ist, wird die Hauptfigur als heterosexuell dargestellt werden – komme was wolle.

Emily und Sue in „Dickinson“ (© Apple TV)

Queere Protagonist*innen

Angesichts rezenter Entwicklungen sehen selbst Figurentypen wie der „schwule beste Freund“ mittlerweile alt aus: So war im Jahr 2019 eine ungewohnt hohe Anzahl an homo- und bisexuellen Protagonist*innen zu beobachten. Serien mit queeren Hauptfiguren gab es natürlich bereits vorher. Das Potenzial solcher Serien, die Haltungen der Zuschauer*innen zu destabilisieren, halten sich allerdings in Grenzen. Einerseits weil sie vornehmlich von einem ohnehin sensibilisierten Publikum geschaut werden und andererseits weil sie stereotype Vorstellungen bezüglich Queerness nicht in dem Sinne sprengen, wie angenommen werden könnte. „The L Word“ stellt ohne Zweifel einen wichtigen Meilenstein queerer TV-Geschichte dar, doch war die Serie nicht nur trans- und bisexuellenfeindlich, sondern auch inhärent heteronormativ. Serien wie „Will & Grace“ oder „Modern Family“ zeigen queere Menschen, die heterosexuelle Lebensstile wie Monogamie, Hausbesitz und Ehe bevorzugen. Bis heute werden unzählige homosexuelle Paare zudem auf dezidiert desexualisierte Weise dargestellt.

Die Darstellung queerer Hauptfiguren hat sich größtenteils aber merklich weiterentwickelt: Diejenigen aus Serien wie „Looking“, „She’s Gotta Have It“, „Gentleman Jack“, „One Mississippi“, „Tales of the City“ und „Pose“ zeigen eine Bandbreite an Geschlechtsausdrücken und gehen weit über Fantasien heterosexueller Männer hinaus. Das hat auch viel damit zu tun, dass sich die Schreibräume diversifiziert haben.

Ein recht neues Phänomen sind Serien, die nicht explizit damit beworben werden, dass sie von queeren Figuren handeln und deren Protagonist*innen sich beiläufig als queer herausstellen. Eine der frühesten Manifestierungen dieses Trends ist die im April 2018 angelaufene BBC One-Serie „Killing Eve“. Auch wenn das Verhältnis zwischen den beiden Protagonistinnen an Queerbaiting grenzt, so wird Villanelle von Anfang an als queere Figur etabliert und sexuelle Handlungen zwischen ihr und anderen Frauen gezeigt.

Eine Serie bei der es anfangs so wirkte, als würde es bei bloßem Queerbaiting bleiben, ist „Mrs. Fletcher“. Anders als etwa „Generation Q“ oder „Tales of the City“ wurde sie nicht als queere Serie vermarktet. Im Trailer wird die Protagonistin zwar in intimen beziehungsweise sexuellen Interaktionen gezeigt, aber nur mit Männern. Mit einer Ausnahme: Eine Sekunde lang wird körperliche Nähe zwischen ihr und einer Frau angedeutet. Innerhalb der Serie wird die Queerness der Figur jedoch ohne Umschweife bestätigt, erst als Fantasie und späterhin auch als gelebte Erfahrung. Als mitt-vierzigjährige Mutter unterwandert sie gängige Vorstellungen bisexueller Frauen.

Die HBO-Serie „Euphoria“ ist gleich aus mehreren Gründen eine beeindruckende Leistung in puncto queerer Sichtbarkeit: Die Sexualität der Hauptfigur Rue wird zunächst nicht thematisiert, was viele dazu verleiten dürfte, davon auszugehen, dass sie hetero ist. Dabei unterwandert „Euphoria“ auf wirksame Weise unsere Erwartungen: Erstens ist Rue von ihrem Look her weder eindeutig als heterosexuell noch als queer lesbar, zweitens lässt sich anfangs nicht eindeutig sagen, ob ihr Interesse an ihrer besten Freundin Jules romantischer Natur ist oder nicht, und drittens hadert Rue zu keinem Moment mit ihrer Sexualität – ihre Unsicherheit resultiert einzig daraus, dass sie Angst hat, Jules würde ihre Gefühle nicht erwidern. Doch geht es nicht darum, das Publikum absichtlich in die Irre zu führen: Vielmehr sollen wir mit ihr zusammen feststellen, dass sie sich zu ihrer besten Freundin hingezogen fühlt. An dieser Stelle hört die Sichtbarmachung marginalisierter Identitäten jedoch noch nicht auf: Rue-Darstellerin Zendaya ist schwarz; Jules ist trans und wird von trans Schauspielerin Hunter Schafer verkörpert.

Neben solchen Coming-out-Geschichten gibt es mittlerweile auch immer mehr queere Serien, die darüber hinausgehen. In „Dickinson“ ist das Liebesverhältnis zwischen Emily und ihrer besten Freundin zu Beginn bereits etabliert: Als die beiden sich innerhalb der ersten Folge küssen, ist dies alles andere als ihr erster Kuss. Auch wenn es ein gut dokumentierter historischer Fakt ist, dass die Poetin Emily Dickinson romantische Gefühle Frauen gegenüber hatte, so dürfte dies nur den wenigsten bekannt sein. Dadurch, dass „Dickinson“ zudem nicht als queere Serie beworben wurde, dürfte das sexuelle Verhältnis zwischen Emily und Sue für viele Zuschauer*innen eine Überraschung dargestellt haben.

Was diese Serien so außergewöhnlich macht, ist, dass sie nicht davon ausgehen, dass Heterosexualität alle Zuschauer*innen interessiert, während Queerness nur für ein überschaubares, queeres Publikum von Relevanz ist. Stattdessen werden Heterosexualität und Queerness als völlig gleichwertig behandelt. Auch wenn diese Serien für ein queeres Publikum dadurch etwas schwerer auffindbar sind: Es ist dennoch als wahrhafter Fortschritt zu betrachten, dass nicht mehr die Haltung besteht, das Publikum vorwarnen zu müssen, dass eine Serie um eine queere Figur kreist. Gleichzeitig gilt: Wenn das Offenlassen der Sexualität der Hauptfigur im Trailer nicht mehr zwingend bedeutet, dass diese heterosexuell ist, wurden heteronormative Erwartungen erfolgreich überwunden.

Queerbaiting, statt wahrer Repräsentation

Die Protaginist*innen in der Netflix-Serie „Dead to Me“. (© Netflix)

Wie der Begriff „Queerbaiting“ (frei übersetzt „queerködern“) schon andeutet, wird dieses oft in hetero-lastigen Serien eingesetzt, um ein queeres Publikum anzulocken. Anders formuliert könnte man auch sagen: Es ist der Versuch, eine LGBTIQA-Zielgruppe anzusprechen und Inklusivität vorzugaukeln, ohne ein eher konservatives Publikum abzuschrecken. Zu diesem Zweck werden etwa zwei gleichgeschlechtliche Figuren auf eine Art und Weise dargestellt, die suggeriert, dass sich zwischen ihnen ein romantisches und/oder sexuelles Verhältnis entwickeln könnte, ohne dass es aber jemals dazu kommt. Solch suggestive Darstellungsweisen reichen von Flirts bis hin zu innigem Körperkontakt. In manchen Fällen wohnen die Figuren zusammen und haben ein eheähnliches Verhältnis, wie etwa bei „Grace and Frankie“. Die Andeutungen sind so subtil, dass sie von den meisten wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen werden. Um Queerbaiting handelt es sich aber auch zum Beispiel, wenn die Asexualität einer Figur suggeriert wird, ohne dass sie dies aber wirklich ist. Statt ausgereifter queerer Erzählstränge bleibt es bei vagen Andeutungen, während punktuell aber immer wieder die Heterosexualität bekräftigt wird.

Beim Queerbaiting gibt es einen klaren Unterschied zu Figuren, die aus diversen Gründen entscheiden, nicht miteinander eine Beziehung einzugehen. Es macht auch einen bedeutenden Unterschied, ob eine Figur, die über Staffeln hinweg als heterosexuell etabliert wurde, mal mit einer gleichgeschlechtlichen Figur flirtet oder ob schon etwa im Trailer Hoffnungen auf einen queeren Erzählstrang geschürt werden, die sich niemals verwirklichen.

Ein rezentes Beispiel dafür ist „Dead to Me“. Als die Protagonistinnen an einer Stelle im Trailer miteinander telefonieren fragt Judy: „Are you in bed? What are you wearing?“. Dieser Austausch lässt nur zwei Interpretationen zu: Entweder ist Judy an Jen interessiert oder es handelt sich um Queerbaiting. Beim Anschauen der Serie entpuppt sich die Szene als Letzteres. Immer wieder kommt es zu solchen Momenten, doch sobald es etwas intimer wird zwischen den Frauen, wird ihre Heterosexualität bestätigt, indem etwa eine anfängt, über ihre Gefühle für einen Mann zu erzählen. Bezeichnend für Serien, die auf Queerbaiting zurückgreifen, ist, dass in ihnen keine oder kaum nicht-heterosexuelle Figuren vorkommen – das trifft auch auf „Dead to Me“ zu.

Um herauszufinden, ob es sich bei dem, was man gerade sieht, um Queerbaiting handelt, reicht es aus, sich vorzustellen, dass es sich bei den beiden Figuren um einen Mann und eine Frau handelt. Wenn es schwerfällt, sich vorzustellen, dass ein Mann und eine Frau eine solche Art von Verhältnis zueinander hätten, ohne dass es irgendwann zumindest zu einem Kuss kommt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass hier ein Fall von Queerbaiting vorliegt.

Queerbaiting erfolgt tendenziell auf unterschiedliche Weise je nach Geschlecht der Figuren. Anders als bei weiblichen Figuren, wo eine potenzielle Anziehung meist überhaupt nicht zur Sprache gebracht wird, wird sie bei Männern eher ins Lächerliche gezogen. Ein Beispiel für Letzteres ist die Serie „Sherlock“: Die beiden Protagonisten haben ein sehr enges Verhältnis zueinander und werden in der Serie regelmäßig für ein Paar gehalten. Holmes und Watson tun diese Annahme stets als absurd ab.
Queerbaiting ist also weit vom Ideal einer queeren Repräsentation entfernt, die der von hetero Figuren ebenbürtig ist. Es ist vom homosexuellen Subtext abzugrenzen, der an sich nichts Negatives darstellt und in Zeiten des Hays Codes und darüber hinaus eine äußerst wichtige Funktion erfüllte. Einen solchen zu identifizieren, kann sogar den Sehspaß erhöhen, denn Filme- oder Serienmacher*innen mussten oftmals kreativ werden, wenn sie Homosexualität trotz der Verbote einbringen wollten. In frühen Staffeln von „Buffy the Vampire Slayer“ durfte keine sexuelle Intimität zwischen gleichgeschlechtlichen Figuren dargestellt werden. Als Analogie wurde deshalb auf gemeinsam von den Figuren ausgeführte Zaubersprüche zurückgegriffen.

Auch homosexueller Subtext kann auf diskriminierende Weise eingesetzt werden. Dies zum Beispiel wenn ein Bösewicht queer kodiert ist, um ihn möglichst grotesk erscheinen zu lassen. Beispiele dafür sind etwa Ursula aus „Die kleine Meerjungfrau“, Jaffar aus „Aladdin“ oder Scar aus „Der König der Löwen“. Generell ist homosexueller Subtext aber eher als progressiv zu bezeichnen.


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