Shining Girls: Trauma-Thriller mit Botschaft

von | 15.06.2022

Was wie ein klassischer Thriller beginnt, entwickelt sich nach und nach zu einer vielschichtigen Reise durch die Zeit und einer Abhandlung über Traumabewältigung. Zusammengehalten werden die zahlreichen Erzählstränge der neuen Apple TV-Serie „Shining Girls“ von Hauptdarstellerin und Produzentin Elisabeth Moss.

Nur ihr Reporterkollege Dan Velazquez (Wagner Moura), der selbst mit psychischen Problemen kämpft, schenkt Kirbys (Elisabeth Moss) Theorie Glauben. (Foto: yahoo.com)

Eine Frau wird ermordet aufgefunden, der Täter ist rasch identifiziert, doch Kirby Mazrachi (Elisabeth Moss), Angestellte der Rechercheabteilung einer Chicagoer Tageszeitung, hat Zweifel. Die Verletzungen des Opfers kommen ihr bekannt vor und bald ist sie überzeugt, dass sie Jahre zuvor von dem gleichen Täter überfallen wurde. Ihr gelang es zu entkommen, aber seither hat Mazrachi Schwierigkeiten, sich in der Realität zurechtzufinden. Elemente der Wirklichkeit verändern sich unvermittelt: ihr Wohnort, ihre Familiensituation oder der Standort ihres Schreibtisches. Zusammen mit dem Reporter Dan Velazquez (Wagner Moura) versucht sie, dem Fremden auf die Spur zu kommen, der wohl noch weitere Frauen auf dem Gewissen hat. Ein erster Mord nach dem gleichen Muster geschah in den 1920ern. Jagen Mazrachi und Velazquez in Wirklichkeit einem Zeitreisenden nach?

„Shining Girls“ basiert auf dem Roman der Südafrikanerin Lauren Beukes. Der Titel verweist auf eine Eigenschaft, die alle Opfer des Serienmörders Harper Curtis verbindet. Er tötet Frauen, die kurz vor ihrem beruflichen Durchbruch stehen, und durch deren Erfolg er sich gedemütigt fühlt. Im Gegensatz zur Vorlage wird die Geschichte auf der Leinwand aus der Sicht einer einzigen Hauptfigur erzählt. Eine gute Idee, wie sich herausstellt, denn Moss’ ausgezeichnete Leistung verleiht der Handlung eine Dringlichkeit, der man sich rasch nicht mehr entziehen kann. Die Serie schafft dafür mehr Raum für den Täter, vermeidet es aber, ihn zum vermeintlich faszinierenden Psychopathen hochzustilisieren. Im Buch bleibt er bewusst konturlos, die Aufmerksamkeit gilt den Opfern; auf der Leinwand gelingt dem Schauspieler Jamie Bell („Billy Elliot“, „Rocketman“) das Kunststück, ihn gleichzeitig blass und beängstigend wirken zu lassen.

Gesellschaftskritischer Kommentar

Außergewöhnlich ist auch, dass „Shining Girls“ nach acht Folgen die Geschichte tatsächlich abschließt, und zwar auf eine sehr überraschende Weise, die Diskussionsstoff bietet. Es ist unvermeidlich, „Shining Girls“ auch als Kommentar zur Situation von Frauen zu lesen, die versuchen, Gewalterfahrungen öffentlich zu machen. Durch ihre veränderte Wahrnehmung wirkt die Protagonistin Kirby auf ihre Umgebung verwirrt, hysterisch und somit wenig glaubhaft. Demnach kann das Motiv der Zeitreise auch als Verweis darauf gedeutet werden, dass es für Frauen heute nicht einfacher ist, ihnen angetane oder angedrohte Gewalt anzuzeigen, als vor 100 Jahren. Ebenso gut könnten sie behaupten, sie fühlten sich von einem zeitreisenden Serienmörder bedroht – man würde sie wohl nicht ernster nehmen. Parallelen zum Prozess rund um das Ehepaar Heard/Depp sind natürlich nicht beabsichtigt – und doch: Wer die von Johnny Depp verfassten Nachrichten kennt, in denen er davon fantasierte, seine Frau zuerst zu verbrennen und dann zu vergewaltigen, um sicherzustellen, dass sie auch wirklich tot sei, den schaudert es beim Anschauen von „Shining Girls“ erst recht. Furchterregend ist vor allem, wie nah diese in den 1990ern angesiedelte Geschichte an der Realität dran ist.

Deshalb sei an dieser Stelle ein Verweis auf eine andere weibliche Ikone dieser Epoche erlaubt, die ebenfalls um ihre geistige Gesundheit fürchtete: In „Spencer“, dem Spielfilm, den Pablo Larraín letztes Jahr in Anlehnung an das Schicksal von Prinzessin Diana drehte, lässt er eine Angestellte zu seiner Protagonistin sagen: „You are your own weapon“. Diese Einsicht, zu der am Ende auch Kirby Mazrachi gelangt, wird von „Shining Girls“ auf überaus denkwürdige Art und Weise umgesetzt.

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