Theater: Eine Arschflöte auf Zeitreise

Wie kriegt man den wohl mysteriösesten Maler des späten Mittelalters auf die Bühne? Das Stück „Hieronymus Bosch“ des Schweizer Autors Jérôme Junod bietet überraschende Antworten.

Viele Kunsthistoriker – viele Meinungen, doch keine scheint zu passen. (Foto: ©Chris Rogl)

Wenig weiß man über das Leben von Hieronymus van Aken, außer dass er am 9. August 1516 in der Sint-Jans-Kathedrale in s’-Hertogenbosch nahe Tilburg in Holland beigesetzt wurde, ein angesehener Bürger war und dass seine Bilder schon zu seinen Lebzeiten für Furore sorgten. Seine drei Triptychen („Die Versuchung des Heiligen Antonius“, „Der Garten der Lüste“ und „Das Jüngste Gericht“) gehören zu den meistdiskutierten Objekten der Kunstgeschichte, und Experten rätseln immer noch über die eigentliche Bedeutung der Werke.

Denn Boschs Bilderwelten sind so universal und doch zugleich so rätselhaft, dass sie über die Jahrhunderte ganz unterschiedliche Menschen faszinierten. So war der erzkatholische Folterkönig Philipp II. von Spanien von seinen Schöpfungen genauso angetan, wie es ein paar Jahrhunderte später die Surrealisten waren, die in dem niederländischen Meister einen der ihren sehen wollten.

Junod löst dieses Problem schlicht und elegant, indem er das Unverständnis, das Boschs Werk immer noch bei den Betrachtern hinterlässt, in einer Rahmengeschichte auflöst: Die Kunsthistorikerin Karoline steckt auf einem Flughafen fest, der wegen eines Terroranschlags gesperrt wurde – dabei war sie auf dem Weg zu einem wichtigen Bosch-Kolloquium, wo sie einen ihrer Aufsätze präsentieren wollte. Sie kommt mit der sympathischen Kaffeeverkäuferin Margarita ins Gespräch, unterhält sich mit ihr über Bosch und seine mit dem Hinterteil musizierende Gestalten, kippt sich dabei zu viel Sliwowitz hinter die Binde und schläft ein. Im Traum wird sie ins 15. Jahrhundert zurückversetzt und trifft tatsächlich auf den Meister in Person, der so gar nicht ihren Vorstellungen entspricht und ihr doch viele Erklärungen über seine und ihre Welt geben kann.

(Foto: ©Chris Rogl)

Mit einem Schuss bitterer Satire – zumal die schwafelnde Kunsthistoriker-Zunft kriegt ihr Fett weg – dröselt das freche Stück auf erfrischende Weise das Mysterium um den flämischen Sonderling auf. Ganz besonders im zweiten Teil, in dem Bosch persönlich auf den Plan tritt. Hier wird der Rahmen der Epoche abgesteckt mit all ihren Erbfolgekriegen, religiösen Massakern, Ungleichheiten und Verfolgungen. Eine Zeit – und darauf will der Autor hinaus -, die der unseren gar so ähnlich ist. Und so wirkt Hieronymus Bosch auf einmal gar nicht mehr so fremd, sondern eher sehr menschlich. Zum Beispiel, wenn er an der Hypokrisie seiner Zeit verzweifelt, an der raffgierigen, verlogenen und allmächtigen Kirche, an den verkommenen Adeligen, die zu seiner Klientel gehören, den dummen Bauern und den protzigen Stadtbürgern.

Die Entzauberung gelingt auch dadurch, dass sie gewisse Motive, die im späten Mittelalter geläufig waren, mit einbezieht. Etwa die „Verrücktheit“ – vor der Erfindung der Psychologie und der Pathologisierung des psychischen Leidens, ging die Gesellschaft ganz anders mit den „Narren“ um. Die Reaktionen reichten vom Wegsperren bis zu einer Art Anbetung. So erklären sich vielleicht auch die vielen Entrückten, die den „Garten der Lüste“ bevölkern.

„Hieronymus Bosch“ ist ein sehr zeitgemäßes Stück geworden, das die Mysterien des Mittelalters in unsere Zeit versetzt und so der heutigen Gesellschaft einen Spiegel vorhält.

Noch an diesem Freitag, 13. Januar und an diesem Samstag, 14. Januar jeweils um 20h im Théâtre national du Luxembourg.

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