Theater: Blick in deutsche Wohnzimmer


Pol Cruchten bringt im TNL Thomas Bernhards Klassiker „Vor dem Ruhestand“ auf die Bühne und gibt eine Sicht in deutsche Realitäten nach 1945. Trotz guter Besetzung eine zähe Inszenierung.

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Wohl kaum im Sinne Thomas Bernhards: Gelungenes Bühnenbild, gähnende Langeweile.

Ein gewöhnlicher Tag im Leben des ehemaligen SS-Offiziers und Gerichts-
präsidenten Rudolf Höller und doch das Highlight des Jahres, denn es ist der 7. Oktober, der Geburtstag des Reichsführers der SS Heinrich Himmler, den Rudolf alljährlich feiert, indem er mit seinen Schwestern Vera und Clara die Sektkorken knallen lässt. Höller bewundert Himmler, hatte dieser ihn doch einst für seine gute KZ-Lagerführung gelobt und in späteren Jahren durch falsche Papiere sein Untertauchen ermöglicht. Bis der NS-Funktionär – wie so viele seiner Kollegen in der Bundesrepublik der 1950 und 1960er Jahre – sukzessive rehabilitiert wurde und unbescholten Karriere im noch immer braunen Justizapparat machen konnte. Sein Zusammentreffen mit Himmler betrachtet Höller rückblickend als „Höhepunkt seines Lebens“, wie es seine Schwester Vera ausdrückt. Kein Wunder also, dass Jahr für Jahr am 7. Oktober die SS-Uniform ausgepackt und das gerahmte Bild Himmlers entstaubt und feierlich aufgehängt wird.

Pol Cruchten bleibt in seiner Inszenierung im TNL nah am Ursprungstext. Sein Bühnenbild wirkt wie die Schachtel einer Puppenstube, in die die Zuschauer hineinblicken, wie die Miniatur eines biederen deutschen 1970er-Jahre-Wohnzimmers. Ein gelungenes Arrangement.

Die ordnungsversessene Vera (Christiane Rausch) steht hausbacken am Bügelbrett, an dem sie liebevoll den Talar ihres Bruders Rudolf und alsbald seine SS-Uniform bügelt. Die Vorbereitungen für das Geburtstagsfest sind in vollem Gange. Neben ihr im Rollstuhl zusammengesackt wie ein Häuflein Elend ihre Schwester Clara (Nora König), die sich während der 95-minütigen Inszenierung kaum regen wird, während Vera sie umsorgt. Clara ist nach einem Bombardement der Alliierten querschnittsgelähmt und unter der Obhut ihrer Familie oder, wie es Bernhard treffend formuliert, in ihrer Familie „in Schutzhaft“. „Solche wie du hätten wir in unserer Zeit einfach vergast!“, wird er seine Schwester Clara irgendwann anbrüllen, woraufhin diese den restlichen Abend schweigen und ihren Bruder durch ihre kühle Verachtung in den Herzinfarkt treiben wird.

In Cruchtens Inszenierung könnten die beiden Schwestern auch äußerlich kaum unterschiedlicher sein. Hier Clara, die Außenseiterin und kriegsversehrte linke Intellektuelle, besetzt mit Nora König, die in ihrer einseitig angelegten Rolle weit hinter ihrem schauspielerischen Können zurückbleibt, dort Vera, besetzt mit der imposanten Christiane Rausch, die hervorragend die tumbe Hausfrau mimt, die zu ihrem Bruder aufschaut, eine inzestöse Beziehung mit ihm führt und nostalgisch in den Erinnerungen an seine NS-Vergangenheit schwelgt.

Während Vera geschwätzig die Reputation ihres Bruders hochhält („Jedes Mal, wenn er das Wort ‘Vaterlandsliebe‚ ausspricht, applaudieren die Leute“), sinkt Clara immer tiefer in ihren Rollstuhl und zeigt unverhohlen ihren Ekel – leider nicht mehr als ein Minenspiel.

Die mangelnde Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, den die Studentenbewegung mit einer ihrer Kernparolen „Unter den Talaren, Muff von tausend Jahren“ anprangerte, vermag Cruchten in seiner Inszenierung zwar ansatzweise zu transportieren, allerdings fehlt es dem Stück gänzlich an Dramaturgie. Monoton plätschert es vor sich hin und erweist sich als zähes Sprech-
theater ohne jeden Spannungsbogen. Als Zuschauer sitzt man beklemmt und dem Ersticken nah in den Rängen und sehnt sich nach „action“ gleich welcher Art und sei es, dass Clara irgendwann von der Bühne donnert.

Die durch das Stück transportierte Angst vor dem Ruhestand, ein Warten auf den Tod und ein Leben in der Vergangenheit, steht weniger im Raum als gähnende Langeweile, selbst, wenn Christiane Rausch als Vera zugibt: „Ich fürchte mich vor dem Tag, an welchem er den Talar auszieht, um ihn nie wieder anzuziehen, der Ruhestand ist es, vor dem ich Angst habe, dann sitzen wir alle drei hier, in diesem Zimmer und warten nur darauf tot zu sein …“ Dramaturgisch wäre hier viel Spielraum gewesen, den Cruchten nicht zu nutzen weiß, so dass das eigentlich geniale Stück im TNL versandet. Zur Erinnerung: Es wurde 1979 in Stuttgart in der Regie von Claus Peymann unter den Vorzeichen der Filbinger-Affäre uraufgeführt wurde, jenes CDU-Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, der als Richter während des Zweiten Weltkrieges Hunderte Todesurteile aussprach und wegen seiner Vergangenheit als NS-Marinerichter von seinem Amt zurücktreten musste.

Spätestens wenn Rudolf grunzend und selbstzufrieden in seinem Fotoalbum blättert und sich an die Zeit erinnert, als die Welt noch „rein“ und in Ordnung war, fiebert man sehnsüchtig seinem Ende entgegen. Und das liegt nicht an den Schauspielern, denn Georg Marin als Rudolf Höller überzeugt ebenso in seiner Härte und Unbarmherzigkeit wie Rausch als ehrfurchtsvolle Hausfrau. Doch wenn sie es fertigbringt, „Für Elise“ falsch auf dem Klavier zu klimpern, entlockt dies den Zuschauern nicht mehr als ein müdes Lächeln. Wenn endlich das selbstherrliche, ungenießbare Ekel Höller volltrunken krepiert, empfindet der Zuschauer nicht nur Genugtuung, sondern auch Erleichterung am Ende dieser monotonen Inszenierung, die einem vor allem Geduld abverlangt.

Noch am 18. und 19. April um 20 Uhr 
im TNL.

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