Tom Hooper
: Cherchez la femme


Mit preiswürdigen Filmen hat „The King‘s Speech“-Regisseur Tom Hooper Erfahrung: Auch sein neuester Film, „The Danish Girl“, wartet mit einer Star-Besetzung in einer publikumswirksamen Story auf und hat auch schon etliche Nominierungen eingeheimst. Wer Tiefgang erwartet, wird aber leider enttäuscht.

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Ohne Tiefgang : Hollywood scheint noch nicht reif für das Thema Transgender.

Das junge Künstlerpaar Einar (Eddie Redmayne) und Gerda Wegener (Alicia Vikander) führt ein angenehmes Leben im Kopenhagen der 1920er Jahre. Die beiden scheinen glücklich, auch wenn sich Einars Bilder besser verkaufen und Gerdas Karriere nicht so richtig abheben will. Mit der Idylle ist es jedoch vorbei, als Einar beim Modellstehen für Gerda plötzlich ein Art Erweckungserlebnis hat. Sein wahres Ich löst sich aus der Verdrängung, und das Paar muss sich der Tatsache stellen, dass Einar eine Frau ist. Der beschwerliche Weg durch zahlreiche Arztpraxen mit demütigenden Bloßstellungen und Fehldiagnosen führt sie, die nun „Lili“ heißt, schließlich nach Dresden zu Prof. Warnekros (Sebastian Koch), der eine der ersten geschlechtsangleichenden Operation an ihr versuchen wird.

Um es vorwegzunehmen: Eine komplexe Lebensgeschichte, ein wahrhaft mühevoller Lebensweg wird hier in publikumswirksamen, bedeutungsschwangeren Szenehäppchen zu einer dramatisch verdichteten, gefälligen „Story“ zusammengekürzt. Die optisch schönen Bilder, die hierfür nutzbar gemacht werden, mögen dem Auge schmeicheln, doch am Ende bleibt der Eindruck, lediglich ein Melodrama, wenn auch mit gesellschaftsrelevantem Thema, gesehen zu haben.

Der Film hatte noch nicht mal das Stadium der Post-Produktion hinter sich, da wurde Protagonist Eddie Redmayne bereits für den Oscar als bester Schauspieler gehandelt. Bedauerlicherweise verleiht er seiner Rolle jedoch keinerlei Tiefe, produziert nur verzückte Blicke, koketten Lidschlag und anmutige Bewegungen. In einem Film, der von der wörtlichen Inszenierung der Protagonistin lebt, muss aber wohl mehr transportiert werden – gerade wenn es um so wichtige Themen wie Geschlechtsidentität und Transgender, und damit um die existenzielle Zerrissenheit einer Figur geht. Wer sich also Erkenntnisgewinn zu diesem Thema erhofft, muss woanders suchen. „The Danish Girl“ lässt sich viel zu wenig Zeit, mit dem erforderlichen Tiefgang auf Lili einzugehen und zeigt lieber Gerdas Leidensweg. Sie soll wohl als Identifikationsfigur für das Publikum fungieren, manche hätten jedoch gerne mehr über Lili erfahren.

Der Film will außerdem ein sogenanntes „biopic“ sein und erhebt damit den Anspruch auf den Wahrheitsgehalt und die Qualität, die diese Genre-Bezeichnung verbürgen soll. Tatsächlich war Lili Elbe eine reale Person, und auch eine der ersten, die sich in Dresden einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen. Es muss aber betont werden, dass es sich bei dem Film um die Adaptation einer Adaptation handelt: Das Drehbuch beruht auf einem 2000 erschienen Roman von David Ebershoff, der eine fiktionalisierte Nacherzählung von Lili Elbes Lebensgeschichte ist, welche wiederum posthum von Niels Hoyer 1931 herausgebracht und editiert wurde. Wie viel „Lili“ ist da noch übrig geblieben?

Kinogänger, die „Jammern und Schaudern“ erwarten, sollten den Film nicht verpassen. Sie bekommen obendrauf auch eine elegante Kameraführung und Bildsetzung, überhaupt viel Ästhetik geboten, und Alicia Vikanders Spiel ist sehenswert. Doch letztlich bleibt der Film enttäuschend eindimensional und ungefähr so realitätsnah wie die Fotografie einer Reflexion auf der Wasseroberfläche.

Im Utopia.

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