Uhren lesen mit AnnenMayKantereit

von | 23.12.2020

AnnenMayKantereit schaut auf die Uhr: Es ist zwölf. Das dritte Album der Band, die mit Songs wie „Oft gefragt“ oder „Barfuß am Klavier“ bekannt wurde, entstand im Lockdown. Der Titel „12“ ist eine Anspielung auf die Weltlage. Es ist nicht erst fünf vor zwölf – die Katastrophe ist längst da.

Bildquelle: annenmaykantereit.com

Anders als die zwei ersten Alben „Alles nix konkretes“ und „Schlagschatten“, nimmt das neue Album von AnnenMayKantereit explizit Bezug zur Aktualität. Die Band macht sie zum thematischen Schwerpunkt von „12“, das Ende November erschien. Das Album erzählt keine persönlichen Geschichten, sondern von kollektiven Erlebnissen: von der Pandemie, von der Zeit, vom Verdruss über das politische Geschehen, von Erinnerungen und Hoffnung.

Es ist eine lineare Erzählung, wie es die Band selbst auf ihrer Website schreibt: „Für uns hat es immer drei Teile gehabt – den düsteren Beginn, das Aufatmen danach und die süß-bittere Wahrheit zum Schluss. Wir wünschen uns, dass dieses Album am Stück gehört wird. Die Reihenfolge der Lieder hat für uns Bedeutung, und wer so großzügig ist sich das Album auch in dieser Reihenfolge anzuhören[,] hat einen gepolsterten Sitzplatz in der Mehrzweckhalle unserer Herzen.“

In einem der ersten Songs, „Gegenwart“, geht es um die Nachrichtenflut, um geschlossene Kneipen und Kinos, um die brennenden Zelte im Flüchtlingslager in Moria, die niemand mehr sieht, und die Notwendigkeit, das „Handy für ein paar Stunden wegzulegen“. Es ist ein Einsteig in den „düsteren Beginn“, der stark nach Lagerkoller während der ersten Ausgangssperre im Frühling klingt. In dem Teil wirft AnnenMayKantereit Fragen auf, die mit dem weltweiten Stillstand einhergingen – vor allem die nach der Vergangenheit. So heißt es in „Zukunft“ nüchtern: „So wie es war, so wird es nie wieder sein“. In „Spätsommerregen“ singt Henning May über Spaziergänge von der Küche in den Flur und Treffen mit Freunden in Chatverläufen. Dabei wiederholt er wenig glaubhaft, abgeklärt „Es ist ok. Es ist ok. Es ist ok“ – dazu gibt es rhythmische Beats, die sich durch ihre Lebendigkeit vom monotonen Sprechgesang absetzen.

Eine der stärksten Nummern ist am Ende des Albums zu hören: „Das Gefühl“. May spricht – ja, es gibt kaum Gesang in dem Song – über Wut, Angst, über den Verlust von Erinnerungen und die Tatsache, dass einen das alles manchmal „in die Luft sprengt“. Er nennt es Trauma. „Hast du dich im Rausch selbst aufgegeben? Alles getrunken? Alle geküsst? (…) Ich weiß auch nicht, was das ist“, fragt er. „Magst du die Gedanken daran, wie es war? An diesem einen Abend, vor so vielen Jahren? Wenn das Foto wieder vor dir liegt und du darin das Gestern siehst – das ist Melancholie.“ Klaviermusik begleitet den Text. Die Benennung der Gefühle, die Menschen während der Krise – aber auch davor – im Hinblick auf Erinnerungen begleiten, berührt durch Mays unaufgeregte Stimme und dieses emotionale Gemisch aus Unverständnis und Verwunderung über den Lauf des Lebens.

Den Abschluss macht der Song „Die letzte Ballade“, in dem May sich fragt: „Worüber würde ich singen, wenn es niemanden mehr interessiert? Lieder kann niemand verbrennen und sie sind warm, wenn du frierst. Und glaub mir, ich werde singen, auch wenn es niemanden mehr interessiert.“

Dass May das tun wird, bleibt zu hoffen. Auch, wenn das Album musikalisch nicht so rund ist wie die vorangehenden Werke der Band, weil die einzelnen Genres sich teilweise beißen und einen durch abrupte Stilwechsel aus der Erzählung reißen. Am Ende passt das aber auch zur musikalischen Inszenierung der Krise. AnnenMayKantereit zeigt mit dem Album jedenfalls ihre Vielfalt und textlich eine neue politisch-sozialkritische Stoßrichtung. Ob das fünf nach zwölf so weitergeht?

Tipp: Henning May sprach kürzlich im Podcast „Danke, gut. Der Podcast über Pop und Psyche“ mit der Musikjournalistin Miriam Davoudvandi über toxische Männlichkeit sowie über seinen Umgang mit Ruhm und Sichtbarkeit.

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