Weltweit leiden etwa 400 Millionen Menschen an Long Covid – eine Krankheit, die dennoch in vielen Bereichen unsichtbar bleibt. In ihrem Text „Die Unversehrten“ schreibt Ivna Žic aus der Perspektive einer betroffenen Person, erzählt von der bleiernen Erschöpfung und den Erinnerungen an das Leben davor. Dabei verwebt sie verschiedene Zeitebenen, stellt Fragen an das Gesundheitssystem und rückt die Isolation und das Verschwinden, die mit der Krankheit einhergehen, in den Fokus. Für diesen Text wurde sie mit dem Wortmeldungen-Preis 2026 ausgezeichnet.

(© Verbrecher Verlag)
Die Zeit ist 2002
Die Zeit ist 2019
Die Zeit ist 2022
Die Zeit ist heute
Die Zeit ist ein Tausch.
Echo. Variation. Erneuerung.
In Stücken, verteilt, ungewoben. Was ist deine Zeit?
Heute: Aufwachen. Keine Bewegung.
Ich liege im Bett, ich liege auf der Couch, ein Weg in die Küche ist eine Wanderung, das Ausräumen der Spülmaschine ein Kraftakt. Ich bin genesen, aber nie mehr gesund geworden. Ich stecke fest in einem Zustand, der chronisch wird, der mich herausreißt aus dem Leben: Ich nehme nicht mehr teil. Ich verschwinde in meiner Wohnung, im Schmerz, ich spüre die Unsichtbarkeit, die Tage, die vergehen, die Nächte, in denen ich mich nicht erholen kann. Ich schaue hinaus, auf die Straße, auf die vorbeieilenden Menschen, schaue ins Handy hinein und dadurch wieder hinaus in die Welt, scrolle, schnell, und liege reglos, leise, mit vielen Pausen, und ich frage mich: Wer bin ich jetzt? Was ist dieser neue Verlauf? Ich schaue hinaus und ich betrachte mich. Nein, ich erinnere mich. Ich erinnere mich an mich. Ich erinnere mich an Reisen, an Distanzen, an Bewegung, um mich zu spüren. Um die Zeit in die Hand zu nehmen. Um nicht zu verschwinden, lande ich in Chicago, während ich auf der Couch liege,

(© Ivna Žic)
ich lande nur wenige Tage nach dieser kältesten Woche, arktische Luft, Raureif und über dem zugefrorenen Lake Michigan schwebt Wasserdampf, wobei in der Arktis gerade Sommer herrsche, schreiben sie in den Nachrichten, die ich 7.000 Kilometer entfernt nur wenige Tage vor dem Abflug lese, ich sehe Bilder von eingefrorenen Augenbrauen der Spaziergänger und überlege, welche Schuhe ich für ein solches Wetter einpacken sollte, arktischer Sommer über Chicago, minus 32 Grad, und während ich, anstatt Schuhe zu kaufen, Bücher einpacke und noch im letzten Moment auf das Visum warte, betrachte ich öfter die Bilder des Lake Michigan als meinen E-Mail-Eingang, denn dort, am See, beginnen mit dem einsetzenden Tauwetter nun die Eisschichten auseinanderzubrechen und statt einer großen Eisfläche bilden sich Eisscherben, meterhohe Seestacheln, die Temperaturen steigen langsam und ich packe Schal und Mützen und dicke Socken ein, das wird reichen, denke ich und zahle für das Mietauto ein, während ich jetzt in die Couch sinke und mich erinnere, beim Scrollen an das Scrollen damals denke, der See sei so groß wie das Land meiner Herkunft, dort ein Meer und da ein See, lese ich mitten in der Nacht auf dem kleinen Bildschirm, als ich nicht wieder einschlafen kann, scrolle von Eisschollen über Augenbrauen bis zur Seebeckengröße, ein See, so groß wie das Land meiner Herkunft, war eingefroren, ganz eingefroren, das würde diesem Land ab und an auch guttun, immer weiter weg verreise ich von ihm und trotzdem kommt es zurück, zu mir, das Land, die Herkünfte, nun über arktisches Eis und einen Vergleich für europäische Zeitungsleser, doch nicht deswegen fliege ich davon, renne, weiter, einmal hat es nicht mit Herkunft zu tun, denke ich, dachte ich damals, vor dieser Reise,
während ich heute den Regen betrachte, leise, sommerlich, vor meinem Fenster sitzend, stundenlang sitzend und betrachtend, ich bin das, was fachsprachlich hausgebunden genannt wird. Nicht mehr weltgebunden. Heute sehen mich wenige Menschen und wenige Orte, und wer mich sieht, sieht trotzdem nicht, was der Körper spürt, denn der Schmerz, der wandert, hinterlässt fast keine sichtbaren Spuren. Wer mich sieht, sieht mich lächeln und erzählen und fragt sich oft: Kann das sein? Wer mich sieht, sieht mich in guten Momenten, in denen ich an einem Treffen teilnehmen kann, sieht nicht das Ausruhen davor und die Schmerzen danach. Darum schreibe ich, um mit einer anderen Zeit betrachtet zu werden. Ich schreibe mit Pausen, Unterbrüchen, mit der Suche nach einem Fluss, nach einer Bewegung, welche der Körper nicht mehr machen kann. Doch wenn ich noch da bin, wenn ich ich schreiben und erinnern kann, wenn ich die Finger über die Tastatur fliegen lassen kann, und sei es nur für fünfzehn Minuten, bevor die Migräne kommt, bevor die Glieder schmerzen, bevor ich eine bleierne Erschöpfung spüre, eines oder alles zusammen, wenn ich es trotz allem schaffe, dann bin ich da, dann nehme ich teil. Dann wird das Ich, das in den letzten Monaten noch fremder wurde, als es zuvor immer schon gewesen war, vielleicht wieder greifbarer. Dann könnt ihr lesen, mich zumindest lesen, während ich leise verschwinde hinter dem schmerzenden Körper, der wieder lauter wird, mein Körper, der über die letzten Monate ein anderes Empfinden, eine neue Bewegung, eine gänzlich veränderte Beziehung zu der mich umgebenden Welt geschaffen hat: Einschränkungen, Lücken, Distanz zu diesem mein und auch zu euch, zu den Lesenden, auch zu den mir Nächsten, die mein Ausgesetzt-Sein in dieser Situation oft nur schwer ertragen können. Lesend müsst ihr nicht mich schauen, müsst euch nicht kümmern oder sorgen. Dann habt ihr mich wieder und ich mich, vielleicht, auch, dann kommen wir gemeinsam in eine Bewegung, in einen neuen Rhythmus, und so schreibe ich langsam weiter, Absatz für Absatz,
während ich nach drei Filmen und keinem Schlaf in Chicago lande, zehn Stunden Flug, der Nacken verzieht sich, ich stehe an der Homeland – auch das ein Land, klarer noch: Home und nicht Eltern, Heim – Security fast zwei Stunden nach der Landung und warte, unerwartet, ohne Wasser oder Kaffee, und werde dann, endlich beim Beamten angekommen, mehrmals und doch immer wieder dasselbe gefragt, in Variation: ob ich arbeiten will, ob ich pleasure möchte, ob ich Geld habe, ich verstehe die Wiederholungen nicht, nach Flug und Stunden und Stehen und Dehydration, ich will doch nur den See sehen und ein paar Erinnerungen auffrischen, doch meine Antworten ziehen weitere Fragen nach sich, Missverständnisse, der Grund meiner Reise scheint nicht ganz klar, ich werde so lange weiter befragt, bis der See geschmolzen ist, bis der schwere Koffer endlich weitergeschoben werden darf, hinein darf mit einem Stempel in das Homeland, nicht meines, 15. März 2019, das Taxi kostet 50 Dollar, das erste Schild bei der Ausfahrt vom Flughafen zeigt die Silhouette eines Bauarbeiters und ich lese darunter:
HIT A WORKER 10 YRS JAIL 14000 DOLLAR.
Und die Restaurants haben eben wieder aufgemacht, nach einer Woche unter Verschluss.
Wir waren im Lockdown, sagt der Kellner, als er mit der Pizza und einer Cola wiederkommt, in der mehr Eis schwimmt als auf dem Lake Michigan übriggeblieben ist. Zur Sicherheit mussten wir alle zuhause bleiben, gegen die Kälte, die tödlich war.
Ach so, sage ich und wiederhole das Wort für mich, das ich viele Jahre nicht mehr gehört habe: Lockdown.
Auszug aus: Ivna Žic: Die Unversehrten. Mit Beiträgen von Sandra Poppe und Friederike Schönhuth, einem Nachwort von Cornelia Niedermeier und Fotografien von Ivna Žic. Verbrecher Verlag, Juni 2026. 96 Seiten.

