Verschleierung: Wer A sagt, muss auch B sagen

Die Polemik rund um die Ausstellung „Contemporary Muslim Fashion“ erinnert an die vielen Fragen, die wir uns lieber nicht stellen wollen.

© Modanisa / museumangewandtekunst.de

Noch bis zum 1. September stellt das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst (MAK) zeitgenössische Interpretationen muslimischer Bekleidungstraditionen aus. Bereits vor Eröffnung der Ausstellung am 5. April hagelte es Kritik von Linken, Feminist*innen und Rechten. In zahlreichen Stellungsnahmen und Zeitungsartikeln geht die Rede von einem Schlag ins Gesicht von Frauenrechtler*innen und der Übernahme eines rückwärtsgewandten, unterdrückerischen Frauenbilds. Das Museum verteidigt die Ausstellung indes damit, dass es lediglich darum gehe, die Vielfalt muslimischer Mode zu zeigen und stereotype Vorstellungen aufzubrechen. „Mit mehr als 1,8 Milliarden praktizierenden Muslim*innen weltweit ist die Vielfalt der Kleidungsstile sehr nuanciert. Im Westen ist das Bild von muslimischen Frauen jedoch oft sehr einseitig“, heißt es im Beschreibungstext der Ausstellung. Der Fokus der Schau liege auf freiwillig getragener Kleidung.

Die Ausstellung, die von Max Hollstein initiiert und zuvor bereits im Fine Arts Museum of San Francisco gezeigt wurde, umfasst rund 80 Kostüme, sowie Fotos und Videoinstallationen. Die Exponate reichen von Sports- über Alltagskleidung bis hin zu Haute-Couture Ensembles, die größtenteils von Designer*innen aus muslimisch geprägten Ländern entworfen wurden, aus dem Mittleren Osten, Malaysia oder Indonesien, aber auch aus den USA. Auch das Wirken muslimischer Blogger*innen und Influencer*innen wird aufgegriffen. Installationen von Künstler*innen wie Boushra Almutawakel, Hengameh Golestan, and Shirin Neshat thematisieren die Verschleierungspflicht in Ländern wie dem Iran und Jemen.

Eine Ausstellung zu bewerten, die man nicht gesehen hat, ist generell nicht ratsam. Doch unabhängig davon, was in ihr zu sehen ist, werfen einige der geäußerten Reaktionen, sowohl von Seiten der Kritiker*innen als auch des Museums, ebenso relevante wie auch schwer zu beantwortende Fragen auf.

Freiwillig?

In einem Gastbeitrag in der Taz schreibt Mahshid Pegahi: „Wenn es um Musliminnen geht, hören wir jedoch immer wieder, sie würden sich freiwillig verhüllen. Aber was ist diese ‚Freiwilligkeit’? Ich weiß aus eigener Erfahrung: Wenn ein Mädchen von klein auf vermittelt bekommt, dass eine unverschleierte Frau ‚unrein’, ‚nicht sittsam’, ‚unehrenhaft’ ist, dann ist diese ‚Freiwilligkeit’ eine Illusion.“ Auch wenn Pegahi sicherlich nicht Unrecht hat, so stellt sich dennoch die Frage, wie sie Freiwilligkeit generell im Zusammenhang mit Sozialisation bewertet. Immerhin spricht sie an dieser Stelle nicht vom expliziten Zwang, sondern lediglich von anerzogenen Vorstellungen in puncto angemessenem Erscheinungsbild. Bekommen wir nicht alle von Klein auf vermittelt, wie sich „richtige“ Männer und Frauen zu verhalten und auszusehen haben? Und passen nicht auch die meisten von uns die äußere Erscheinung größtenteils diesen gesellschaftlichen Erwartungen an? Rasiere ich mir die Beine wirklich freiwillig, oder vielmehr, weil ich mich ansonsten nicht ins Schwimmbad trauen würde?

Pegahi schreibt, nicht zu verstehen, wie einer frauenfeindlichen Ideologie wie der Verschleierung Empathie entgegengebracht werden könne. Sie kritisiert, die Ausstellung stelle „eine von Männern gemachte Vorschrift als die wahre Befreiung dar“. Die Frage, wie „von Männern gemachte Vorschriften“ zu bewerten sind, stellt sich durchaus. Auch oder gerade bei Konventionen, die in bestimmten Ländern als Zwang gelten, in anderen jedoch nicht. Die Frage stellt sich aber auch bei Konventionen, die zur Zeit ihrer Entstehung zwar vorgeschrieben waren, mittlerweile aber freiwillig ausgeführt werden. Ein Beispiel dafür wäre die Bikini-Pflicht für Volley-Ball Spielerinnen, die 2012 abgeschafft wurde. Unterstützt jede Spielerin, die seither trotz Wahlfreiheit einen Bikini getragen hat, dadurch eine frauenfeindliche Ideologie, eine ursprünglich von Männern gemachte Vorschrift? Steht ein Kleidungsstück auch dann noch für Unterdrückung, wenn es außerhalb des unterdrückerischen Kontexts getragen und freiwillig gewählt wurde? Sollte im Grunde jeder Brauch, dem ein frauenfeindlicher Ursprung zugrunde liegt, abgeschafft werden? Also etwa auch die Ehe?

Die Fragen, die sich Pegahi stellt, sind durchaus legitim, wer aber konsequent sein und sich nicht Islamophobie vorwerfen lassen will, sollte bereit sein, unzählige andere gesellschaftliche Konventionen grundlegend zu hinterfragen. Von Ausnahmen (wie dem Iran, Jemen und Saudi-Arabien) abgesehen ist der Schleier nämlich keine staatliche Vorschrift, sondern in erster Linie eine Konvention mit einem frauenfeindlichen Ursprung.

In den Facebook-Kommentaren unter dem Taz-Artikel weist jemand drauf, hin, dass manche Frauen ihren Körper zwar nicht unter Zwang verhüllen würden, doch aus Angst um die eigene Sicherheit. Auf diese Weise soll dafür argumentiert werden, dass ein Zwang, wenn schon nicht explizit, dann doch zumindest implizit besteht. Ist die Notwendigkeit, bei der Kleiderwahl die eigene Sicherheit mitzudenken, nicht ein weit über muslimische Frauen hinausgehendes Phänomen? Sollte sich unsere Empörung darüber nicht vielmehr an die Hauptverursacher von Gewalt, nämlich Männer, richten?

Viele Fragen, die sich bezüglich Verschleierung stellen, sind bezüglich zahlreicher weiterer Kleidungsstücke von Belang. Kleider sind nie nur Stofffetzen und somit auch nie gänzlich von ihrer soziopolitischen Bedeutung zu trennen. Eine Ausstellung über Mode, will sie einer gewissen gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden, sollte deshalb über eine rein ästhetische Thematisierung hinausgehen. Sie sollte immer auch danach fragen, welche Mode einen patriarchalen Ursprung hat und wie sich der Umgang mit einzelnen Kleidungsstücken um Laufe der Geschichte gewandelt hat. Vorschriften und Normen in Bezug darauf, wer was tragen darf, wer in welchem Kontext wie viel Haut zeigen darf, und welche Kleidungsstücke das Risiko Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden erhöhen, spielen immer eine Rolle, wenn es um Mode geht.


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