Was es mit den mysteriösen Samensendungen auf sich hatte

von | 09.08.2021

Im September 2020 warnte das Landwirtschaftsministerium vor Päckchen, die unverlangt in Postkästen in Luxemburg auftauchten. Der Inhalt: Pflanzensamen unbekannter Herkunft. Was steckte hinter diesen mysteriösen Sendungen?

„Dieses nicht zugelassene Saatgut enthält in der Regel Samen mehrerer Pflanzenarten sowie andere Pflanzenreste. Es können auch Insekten, Larven und Pilzstrukturen oder Erde enthalten sein. Dieses Saatgut stellt eine Gefahr für die örtliche Fauna und Flora dar und sollte unter keinen Umständen ausgesät werden.“ Mit diesen Worten warnte der „Service de la protection des végétaux“ der Ackerbauverwaltung (Asta) des Landwirtschaftsministeriums im September 2020 die Einwohner*innen Luxemburgs. Im Großherzogtum, aber auch in der gesamten EU und in den USA waren mysteriöse Pakete aufgetaucht. Oft waren diese als Schmuck oder Geschenke deklariert, enthalten waren jedoch Pflanzensamen, die niemand bestellt hatte.

Das gab Anlass zu vielen Spekulationen: Gerade in den USA verbreitete sich das Gerücht, die Samen seien eine gezielte Aktion Chinas, um mit genmanipulierten Pflanzen die Landwirtschaft Nordamerikas zu zerstören. Auch die Asta und die EU-Kommission warnten davor, dass es sich bei den Samen möglicherweise um invasive Spezies handeln könnten, die das ökologische Gleichgewicht ins Wanken bringen könnten.

Die woxx hakte damals nach: Was waren das für Pflanzensamen und wer verschickte solche? Ein Telefongespräch mit einer Mitarbeiterin der Asta brachte keine Informationen: Es sei noch zu früh, um irgendetwas zu sagen. Während wir die Sache ruhen ließen, waren die Kolleg*innen des US-amerikanischen Magazins „The Atlantic“ fleißiger: Der Journalist Chris Heath recherchierte in der Sache. Eine frühe Theorie: Es handele sich um einen sogenannten Brushing-Scam. Dabei verschicken Händler*innen, die ihre Produkte über Amazon oder ähnliche Plattformen anbieten, unverlangt billige Ware. Dadurch können sie viele abgeschlossene Lieferungen verbuchen, was ihre Produkte im Ranking bei Amazon besserstellt.

Biowaffen aus dem Labor? Eher nicht! Bei den unverlangten Pflanzensamen handelte es sich vermutlich um einen sogenannten Brushing-Scam. (Foto: CC-BY-SA Oksana Lastochkina)

Dieser Trick funktioniert aber eigentlich nur, wenn die Pakete nicht zu viel Aufmerksamkeit generieren: Das taten die Samen allerdings, denn nach kurzer Zeit wurde überall davor gewarnt. Heath sprach also mit Dutzenden Empfänger*innen der mysteriösen Paketen – und ließ sich die Barcodes, die auf die Verpackungen aufgedruckt waren, schicken. Diese glich er mit dem Versandhändler Amazon ab. Und – Überraschung! – es handelte sich in vielen Fällen gar nicht um unverlangte Ware, sondern um verspätete Pakete. Am Anfang des Lockdowns hatten, so die Theorie des „The Atlantic“-Journalisten, viele Menschen neues Interesse an ihrem Garten gefunden. Weil viele Geschäfte geschlossen hatten, bestellten sie ihre Samen online. Die verspäteten sich um viele Monate, weil durch die Pandemie die globalen Lieferketten unterbrochen waren.

Und in Luxemburg? Die woxx hat nochmal bei der Asta nachgefragt, ob mittlerweile neue Informationen zu den mysteriösen Samensendungen vorliegen. Es handele sich wahrscheinlich größtenteils um den erwähnten Brushing-Scam, das haben auch die Ermittelungen der EU-Kommission ergeben. „Bei den Luxemburger Fällen haben verschiedene Empfänger gesagt, dass sie etwas früher im Jahr nach Samen gesucht und in Einzelfällen auch bestellt und erhalten hätten. Andere haben ausgesagt, nie online einzukaufen“, hat Julien Reiners vom „Service de la protection des végétaux“ der Asta der woxx per Mail erklärt. Bei den Samen habe es sich um Mais, Aubergine, Paprika, Bohnen, diverse Blumen und eine Palmenart gehandelt. Man habe jedoch aus Kostengründen nicht jede Art spezifisch analysieren lassen. „Nach unserer Pressemitteilung haben verschiedene Empfänger nicht bestellter Pakete diese nicht geöffnet und uns gleich übergeben. Dabei haben wir festgestellt, dass auch andere Objekte wie Stoffmasken oder Blechschmuck verschickt wurden“, so Reiners weiter. Die letzte Information spricht tatsächlich dafür, dass es sich bei den mysteriösen Paketen vor allem um einen Brushing-Scam handelte.

Wer bei der Saatgutbestellung sichergehen will, hat auch in Luxemburg einige Möglichkeiten. So bietet der „Krautgaart“ etwa saisonale Jungpflanzen an, während die private Saatgutbank „Kraizschouschteschgaart“ Samen aus eigener Züchtung, auch von vielen alten Sorten, anbietet.

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