Weight Watchers: Früh übt sich, wer abnehmen will? 

von | 22.08.2019

Mit einer neuen App richtet sich Weight Watchers gezielt an Kinder und Jugendliche und stößt damit auf scharfe Kritik.

© maxpixel.net

Eine neue App von Weight Watchers namens „Kurbo“ soll Kindern ab acht Jahren helfen, sich gesund zu ernähren. Das, indem sie Nahrungsmittel drei verschiedenen Kategorien zuordnet: „Grün“ steht für Lebensmittel, die der App zufolge jederzeit gegessen werden können, wie Obst und Gemüse. „Gelb“ für Eiweiße und Nudeln, die in Maßen genossen werden sollen. Unter „Rot“ fallen zuckerhaltige Lebensmittel, die nur in geringen Quantitäten zu konsumieren sind. Dieses Basis-Tool ist kostenlos verfügbar. Wer zahlt, erhält zusätzlich persönliches Coaching sowie personalisierte Ess- und Bewegungspläne.

Wie auf kurbo.com nachzulesen ist, basiert die App auf wissenschaftlichen Befunden der Stanford Universität. Dennoch steht die App unter starker Kritik. Auf Twitter drückten zahlreiche ihren Missmut unter dem Hashtag #WakeUpWeightWatchers aus. Auch Ernährungsberater *innen meldeten sich dort zu Wort. „Tracking every bite is not an accurate sense of what a body needs, it’s disordered. Giving foods a ‘red light’ isn’t mindful, it’s fear-mongering. Sharing weight loss photos of kids isn’t motivation, it’s shameful“, schrieb beispielsweise Haley Goodrich. „Children gain 20-50 pounds during puberty. @ww_us is exploiting this vulnerable time in a child’s life by telling them their body is wrong and they can fix it with their new app. Children need unconditional love and support, not diets!“, twitterte Beth Rosen. Laut National Health Service ist bei Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren das Risiko, eine Essstörung zu entwickeln, besonders groß.

Nicht die App an sich, sondern vielmehr die Zielgruppe sehen demnach viele als Problem. Besonders denjenigen, die die Gratisversion der App nutzen, gilt die Sorge. Diese werden nicht von einem Coach betreut – Essverhalten und eventueller Gewichtsverlust der Kinder bleiben gegebenenfalls völlig unbeaufsichtigt, was in der Wachstumsphase negative Folgen haben kann.

Eine Petition auf change.org, die forderte, Kurbo wieder vom Markt zu nehmen, erhielt innerhalb einer Woche rund 85.000 Unterschriften. Petitionärin Holly Stallcup sorgt sich besonders um solche Kinder und Jugendliche, die anfällig dafür sind, eine Essstörung zu entwickeln oder bereits betroffen sind. Wie sie in einem Kommentar auf der Petitionsseite erklärt, spricht sie aus persönlicher Erfahrung: „I have had an eating disorder since high school and am still fighting for recovery today. An app like this would have made my battle one million times harder and my sickness one million times easier to live into. With this enabling, dangerous app available to me as a child I might have died from my disease.“

Es ist nicht auszuschließen, dass „Kurbo“ viele Kinder – egal welchen Gewichts – erstmals mit dem gesellschaftlichen Druck, das eigene Essverhalten minutiös zu überwachen, in Berührung bringen wird. Die App vermittelt den Eindruck, dass ausgewogene Ernährung und Bewegung für alle gleichermaßen zugänglich sind. Dass Nahrungsmittel im „grünen“ Bereich je nach Lebenssituation und sozio-ökonomischem Hintergrund nicht in gleichem Maße verfügbar sind als solche im „roten“, wird ausgeblendet. Vieles deutet darauf hin, dass das Unternehmen mit der App potenzielle Kund*innen anwerben will: Wer bereits als Kind seine Kalorienzufuhr reguliert, wird das mit großer Wahrscheinlichkeit auch als Erwachsener tun.

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