Anatolische Psychedelic-Queen
Auf ihrem dritten internationalen Album Anadolu Ejderi zieht Gaye Su Akyol alle Register. Sie hat diesmal auch Elemente aus Punk, Hip-Hop und Industrial Rock in ihre neuen Kompositionen mit einflieĂen lassen. Im Zentrum steht aber wie bisher ihre Mischung aus tĂŒrkischem Pop und Rock mit einer deutlichen Verortung in anatolischen psychedelischen KlĂ€ngen. Die ĂŒbliche Rockbesetzung ihrer Band wird angereichert mit Oud, elektrisch verstĂ€rkter Baglama und der dem Banjo Ă€hnlichen SazbĂŒĆ. Die Musik ist, wie bei ihr ĂŒblich, straff auf den Punkt gebracht und Akyols unverwechselbar prickelnde Stimme klingt ĂŒber weite Strecken wie direkt ins Ohr der Hörer*innen geraunt. Anadolu Ejderi ist der anatolische Drache, der aus tiefem Schlaf erwacht. Das ist durchaus als politisches Statement mit Hoffnungscharakter zu verstehen, denn Akyol sieht die TĂŒrkei politisch, kulturell und ökonomisch auf dem Weg in den Ruin. Was die Istanbulerin prĂ€sentiert, ist in allen Belangen der demokratische Gegenentwurf zur Erdogan-TĂŒrkei. Wieder eine erstaunliche Platte: erotisch und politisch und zudem psychedelisch anatolisch. In jeder Beziehung ĂŒberzeugend!
Gaye Su Akyol â Anadolu Ejderi â Glitterbeatâ©
Die wilde Form des Joik
Bei den SĂĄmi in Nordeuropa hat sich die FĂ€higkeit erhalten, KlĂ€nge und atmosphĂ€rische EindrĂŒcke aus Natur und Umwelt in der Musik zu verarbeiten. Torgeir Vassvik ist ein SĂĄmi aus Norwegen, der die raue und ursprĂŒngliche Variante des SĂĄmi-Joik in seiner ganz eigenen, auch von der AuĂenwelt inspirierten Form praktiziert. Auf seinem vierten Album verzichtet er auf andere Musiker*innen und begleitet seinen Gesang ganz allein mit einer Vielzahl von Klangerzeugern. WeiĂ man nichts ĂŒber den Hintergrund, erscheint die Platte wie eine abstrakte Klangreise. Ihre tieferen Schichten erschlieĂen sich, wenn man sich den Musiker in der einsamen Weite Nordnorwegens vorstellt und das Booklet zu Hilfe nimmt. Dann entdeckt man zum Beispiel den Klang des Windes, das Rauschen und Tosen des Wassers in Fluss und Meer. Die StĂŒcke sind unberĂŒhrt von eingĂ€ngigen Liedstrukturen oder sogar Pop-Elementen, an die wir gewöhnt sind. Es ist vielmehr eine ganz freie, passend begleitete Form des mĂŒndlichen Ausdrucks, die am ehesten mit den instrumentalen Expressionen von Free-Jazzern zu vergleichen ist. Dazwischen hört man Intermezzi mit Gitarre und Dobro. Das ist nichts zum Mitsingen und Mitklatschen, sondern um die Augen zu schlieĂen und gebannt zu lauschen. VorzĂŒglich!
Vassvik Solo â A Place behind the Gardens of the Houses. BĂĄiki â OK Worldâ©
High-Life Jazz aus Ghana
Schon in den 1920er-Jahren vermischten Musiker in Ghana dortige traditionelle Musik mit karibischem Calypso und Jazz-Elementen. Das sind die Wurzeln des High-Life, der auch im nahegelegenen Nigeria FuĂ fasste und spĂ€ter zum Afrobeat weiterentwickelt wurde. Zu den GroĂen des High-Life der 1970er-Jahre in Ghana zĂ€hlte Gyedu-Blay Ambolley, der als SĂ€nger und Saxofonist glĂ€nzte. In Europa wurde sein Name erst bekannt, als 2002 eine Kompilation mit klassischen ghanaischen Aufnahmen erschien. Heute etwa 75 Jahre alt, kann er es immer noch nicht lassen und hat nach seinem erfolgreichen Album von 2019 ein weiteres auf den Markt gebracht. Der Titel ist Programm Gyedu-Blay Ambolley & Hi-Life Jazz. Er rĂŒckt die Jazz-Elemente, die schon bei der Entstehung des High-Life bedeutsam waren, noch mehr in den Vordergrund. So finden sich dort neben Eigenkompositionen seine High-Life-Versionen von Klassikern des Jazz, wie unter anderem John Coltranes âLove Supremeâ, Thelonious Monks âRound Midnightâ und Miles Davisâ âAll Bluesâ. Von vorne bis hinten sehr ghanaisch, jazzy, zutiefst groovy und unwiderstehlich!
Gyedu-Blay Ambolley â Gyedu-Blay Ambolley & Hi-Life Jazz â Agogo Recordsâ©
Transglobal World Music Chart Dezember â Top 20
1. Souad Massi · Sequana · Backingtrack Production
2. Gaye Su Akyol · Anadolu Ejderi · Glitterbeat
3. Antonis Antoniou · Throisma · Ajabu!
4. Liraz · Roya · Glitterbeat
5. Constantinople, Kiya Tabassian & Ghalia Benali · In the Footsteps of Rumi · Glossa
6. Al-Qasar · Who Are We · Glitterbeat
7. Eliades Ochoa · Vamos a Bailar un Son (Special Edition) · World Circuit / BMG
8. Angélique Kidjo & Ibrahim Maalouf · Queen of Sheba · Mister Ibé
9. Wesli · Tradisyon · Cumbancha
10. Baul Meets Saz · Banjara · Uren Production
11. Eneida Marta · Family · Azziz Music
12. Majid Bekkas · Joudour · Igloo
13. Purbayan Chatterjee & Rakesh Chaurasia · Saath saath · Purbayan Chatterjee / Believe
14. Okra Playground · Itku · Nordic Notes
15. VRï · Islais a Genir · Bendigedig
16. Montparnasse Musique · Archeology · Real World
17. Vieux Farka Touré et Khruangbin · Ali · Dead Oceans
18. Batida · Neon Colonialismo · Crammed Discs
19. Lorraine Klaasen & Mongezi Ntaka · Ukubonga / Gratitude · Justin Time
20. Solju · Uvjamuohta / Powder Snow · Bafeâs Factory
Die TWMC TOP 20/40 bei: http://www.transglobalwmc.com/ und bei Facebook âMondophon auf Radio ARAâ und www.woxx.lu/author/Klopottek.


