Willis Tipps: Januar 2021

Berührendes Bosnien

Wer die Musik des Balkans auf schmissige Blaskapellen reduziert, liegt falsch. Uralte Wurzeln hat der ruhige, melancholische Sevdalinka, der in Bosnien-Herzegowina zu Hause ist. Amira Medunjanin ist die führende Vertreterin dieses Gesangsstils, die aber auch andere Formen glänzend beherrscht. Jetzt ist ihr zehntes Album unter dem Titel For Him and Her veröffentlicht worden. Es enthält Lieder des serbischen Sängers und Komponisten Toma Zdravkovic und der bosnischen Sängerin Silvana Armenulic, die mit ihrer Kooperation den jugoslawischen Folk der 1960er und 1970er geprägt haben. Amira Medunjanin hat zwölf ihrer Lieder neu aufgenommen und entführt uns damit in eine Vergangenheit, in der die ethnische Vielfalt des Balkans nicht nur als selbstverständlich, sondern auch als bereichernd begriffen wurde. Im Westen ist solche Musik damals nicht wahrgenommen worden. Natürlich hat dieses Album eine nostalgische Komponente. Es ist aber weit mehr, da es daran erinnert, dass ein Zusammenleben ohne Hass und Rassismus grundsätzlich möglich war und ist. Eine berührende Platte einer großen Sängerin!

Amira Medunjanin – For Him and Her – Croatia Records

Kleinasiatische Zusammenhänge

Bereits 2001 hatten diese beiden Meister zusammen aufgenommen. Jetzt ist ihre dritte gemeinsame Platte erschienen. Der Istanbuler Derya Türkan spielt die gestrichene Laute Kemençe, während der Athener Sokratis Sinopoulos die schon im historischen Konstantinopel bekannte, ebenfalls gestrichene Politiki Lyra zum Klingen bringt. Beide Musiker gehören zu den Besten auf ihren Instrumenten und beide haben eine beeindruckende Karriere vorzuweisen. So spielte Türkan schon im Ensemble des Experten für Alte Musik, Jordi Savall, und Sinopoulos begleitete die Sängerin Maria Farantouri. Auf Soundplaces bringen sie zusammen, was historisch und stilistisch zusammengehört, nämlich die verschiedenen Facetten der Musik Kleinasiens. So reisen sie vom Istanbuler Maqam zum Rebetiko Izmirs/Smyrnas, besuchen Inseln der Ägäis und kommen schließlich nach Konya, dem Zentrum der Derwische. Auf der CD finden sich acht filigrane, ruhige Stücke, die nicht nur die instrumentelle Perfektion der beiden beweisen, sondern auch von ihrer tiefgründigen kulturellen Seelenverwandtschaft zeugen.

Derya Türkan & Sokratis Sinopoulos – Soundplaces – Seyir Muzik

Frischer Groove aus Guinea

Nakany Kanté stammt aus dem westafrikanischen Guinea-Conakry und lebt seit über zehn Jahren in Barcelona. Trotzdem haben ihre Platten auch in der alten Heimat großen Erfolg. Ihre dritte Scheibe ist sowohl in Guinea als auch in Spanien eingespielt worden und trägt deshalb den Titel De Conakry à Barcelone. Musikalisch ist sie von den Traditionen des Malinke-Volkes geprägt, dem sie entstammt. Folglich spielt auch Perkussion eine große Rolle; hinzu kommen Gitarren, Bass, das Balaphon und die Kora. Die Lieder bewegen sich zwischen dem typischen, feinen Malinke-Groove, balladesken Stücken und Afropop. Nakany Kanté hat auch einen politischen Anspruch. So thematisiert sie die Zwangsverheiratung minderjähriger Mädchen und kritisiert Regierungen, die die Interessen ihrer Klientel gegen die Bevölkerung durchsetzen. Das hier ist eine schöne Platte einer bemerkenswerten, jungen Künstlerin aus Westafrika mit allen Texten und zahlreichen Fotos im Booklet.

Nakany Kanté – De Conakry à Barcelone – Kasba Music/Slow Walk Music

Januar – Top 20

1. Liraz · Zan · Glitterbeat (Israel/Iran)
2. Wowakin · Wiazanka · Baba Studio (Polen)
3. Kronos Quartet · Long Time Passing: Kronos Quartet & Friends Celebrate Pete Seeger · Smithsonian Folkways Recordings (USA)
4. Derya Türkan & Sokratis Sinopoulos · Soundplaces · Seyir Muzik (Türkei/Griechenland)
5. Elida Almeida · Gerasonobu · Lusafrica (Kapverden)
6. The Rheingans Sisters · Receiver · Bendigedig (UK)
7. Afel Bocoum · Lindé · World Circuit (Mali)
8. Star Feminine Band · Star Feminine Band · Born Bad (Benin)
9. Coco’s Lunch · Misra Chappu · Coco’s Lunch (Australien)
10. Songhoy Blues · Optimisme · Transgressive / Fat Possum (Mali)
11. Zedashe · Silver Sanctuary · Electric Cowbell (Georgien)
12. Bantu · Everybody Get Agenda · Soledad Productions (Nigeria)
13. Sofia Labropoulou · Sisyphus · Odradek (Griechenland)
14. Tara Fuki · Motyle · Indies Scope (Tschechische Republik)
15. Eliseo Parra · Cantar y Batir · Dalamix (Spanien)
16. A.G.A. Trio · Meeting · Naxos World (Türkei/Armenien)
17. Djely Tapa · Barokan · Label 440 / Disques Nuits d’Afrique / DT Productions (Mali/Kanada)
18. Sutari · River Sisters · AAUU (Polen)
19. Nakany Kante · De Conakry a Barcelone · Kasba Music (Guinea-Conakry)
20. Leyla McCalla · Vari-Colored Songs: A Tribute to Langston Hughes · Smithsonian Folkways Recordings (USA)

Die TWMC TOP 20/40 bei: http://www.transglobalwmc.com/ und bei Facebook „Mondophon auf Radio ARA“ und www.woxx.lu/author/Klopottek.


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