Willis Tipps: Juni 2022

Sibirien – unbekannt und hochspannend

Die Landmasse vom Ural bis zur Beringstraße gegenüber von Alaska, die pauschalisierend als Sibirien bezeichnet wird, ist riesig, wird aber nur von knapp 34 Millionen Menschen bewohnt. Musik von dort? Bis auf den Kehlkopf- und Obertongesang aus Tuwa (Huun-Huur-Tu) Fehlanzeige in Europa! Diese Lücke schließt nun die Doppel-CD Folk and Great Tunes from Siberia and Far East in faszinierender Weise. Die 34 Stücke, von denen einige aus den späten 1990ern stammen, deutlich überwiegend aber in jüngster Zeit aufgenommen wurden, decken Traditionelles und vor allem ganz Modernes im Rock-, Elektronik- oder Dub-Stil ab. Egal in welcher Form begegnen einem hier die musikalischen Wurzeln zahlreicher Völker, die in Sibirien leben, mit einem gewissen Schwerpunkt auf Tuwa. Meine Anspieltipps: Yat-Kha (Tuwa), das Frauentrio Ayarkhaan (Jakutien/Sakha), Olga Lastochkina (Kamtschatka), Inga (Burjatien), Ulger (Chakassien), Vedan Kolod (Krasnojarsk), Sretenie (Omsk) sowie New Asia (Altai), die auf dem gleichem Label gerade ein ganzes Album veröffentlicht haben. Dieses Doppelalbum bietet eine hochspannende Entdeckungsreise durch eine musikalisch überaus reiche Region, die jede*n mit offenen Ohren verblüffen wird. Diese Kompilation war längst überfällig!
V.A. – Folk and Great Tunes from Siberia and Far East – CPL Music

Iran virtuos

Künstlerinnen aus Iran haben es in ihrer Heimat schwer. Sängerinnen müssen in der Regel ins Ausland gehen. Instrumentalistinnen sind noch seltener anzutreffen. Shadi Fathi, eine Meisterin der viersaitigen Setar, der traditionellen Laute mit kleinem Korpus und langem Hals, ist eine der wenigen Ausnahmen. Die seit 2002 in Frankreich lebende Virtuosin spielt in verschiedenen Ensembles, ihre beiden Schallplatten hat sie allerdings mit dem Perkussionisten Bijan Chemirani, Sohn des bedeutenden Djamchid Chemirani, an der Zarb und der Daf aufgenommen. Vier Jahre nach dem ersten Album des Duos ist jetzt Âwât erschienen, auf dem sich an der persischen Überlieferung orientierte Eigenkompositionen und Improvisationen auf Basis des Dastgah-Repertoires der persischen Klassik finden lassen. An zahlreichen Stücken sind Gäste beteiligt, die Flöten, die Kamantsche-Spießgeige und ein Cello hinzufügen. Zudem rezitiert Fathi fünf persische Gedichte. Âwât ist ein Album, das vorwiegend die instrumentale Musizierkunst Persiens in ausgezeichneter Qualität und einer stilistischen Variationsbreite von elegisch bis treibend dokumentiert. Sehr gut!
Shadi Fathi & Bijan Chemirani – Âwât – Buda Musique

Finnisches Ein-Frau-Orchester

Man kann nicht oft genug betonen, dass in Finnland die musikalische Experimentierfreude zuhause ist. Maija Kauhanen stellt das mit ihrem aktuellen Album Menneet ganz frisch unter Beweis. Das ist jetzt das zweite Soloalbum der in Finnland mehrfach preisgekrönten Musikerin, die auch im Ensemble Okra Playground aktiv ist. Ihre Kompositionen sind unüberhörbar von den Traditionen der verschiedenen Regionen ihrer Heimat geprägt. Sie begleitet ihren schönen, glasklaren Gesang mit der traditionellen finnischen Kastenzither Kantele und steuert auch die Perkussion bei – alles im Alleingang. Die 23-saitige Kantele wird von ihr nicht nur gezupft, sondern auch geschlagen und mit dem Bogen gestrichen. Als Schlaginstrumente nutzt sie alles, was ihr in die Finger kommt, bis hin zu Kochutensilien. Herausgekommen ist dabei eine Platte, die überwiegend ruhig und melodiös daherkommt, aber im Stück „Käärme“ expressiv explodiert. Eine ganz feine Scheibe einer enorm vielseitigen, innovativen Künstlerin, die mit beiden Beinen in den Traditionen ihrer Heimat steht.
Maija Kauhanen – Menneet – Nordic Notes

Juni – Top 20

1. Oumou Sangaré · Timbuktu · World Circuit / BMG
2. Catrin Finch & Seckou Keita · Echo · Bendigedig
3. África Negra · Antologia Vol. 1 · Les Disques Bongo Joe
4. Marjan Vahdat · Our Garden Is Alone · Kirkelig Kulturverksted
5. De Kaboul à Bamako · Sowal Diabi · Accords Croisés
6. Vigüela · A la Manera Artesana · ARC Music
7. Rokia Koné & Jacknife Lee · Bamanan · Real World
8. Bonga · Kintal da Banda · Lusafrica
9. El Khat · Albat Alawi Op. 99 · Glitterbeat
10. Noori & His Dorpa Band · Beja Power!: Electric Soul & Brass from Sudan’s Red Sea Coast · Ostinato
11. Gonora Sounds · Hard Times Never Kill · The Vital Record / Dust-to-Digital
12. Park Jiha · The Gleam · Tak:til / Glitterbeat
13. V.A. · Folk and Great Tunes from Siberia and Far East · CPL-Music
14. Yungchen Lhamo · Awakening · Tibet Arts Management / Six Degrees
15. The Good Ones · Rwanda… You See Ghosts, I See Sky · Six Degrees
16. Amélia Muge · Amélias · Uguru
17. Perrate · Tres Golpes · Lovemonk
18. Somi · Zenzile: The Reimagination of Miriam Makeba · Salon Africana
19. Iberi · Supra · Naxos World Music
20. Black Mango · Quicksand · Gusstaff

Die TWMC TOP 20/40 bei: http://www.transglobalwmc.com/ und bei Facebook „Mondophon auf Radio ARA“ und www.woxx.lu/author/Klopottek.


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