LSAP-KONGRESS: Rotes Tuch

von | 31.03.2006

Ein Initiativ-Antrag der Jusos, von der Gewerkschaftslinken unterstĂĽtzt, sorgte fĂĽr Wirbel auf dem Kongress. Doch statt Kritik ernst zunehmen, verlangt die Parteispitze UnterstĂĽtzung beim Regieren.

(Foto: RK)

„Unsere Minister arbeiten. Miesmacherei ist nicht angebracht.“ Diese Aussage von Ben Fayot während des LSAP-Kongresses am vergangenen Wochenende fasst zusammen, wie die FĂĽhrungsriege der Partei derzeit mit Kritik umgeht: Sie verweist auf den FleiĂź und die Fähigkeit ihrer Regierungsmitglieder und geht Fragen nach dem Inhalt ihrer Politik aus dem Weg. So war denn auch der Konter von Juso-Präsident Jean-Paul Espen, Fayot habe „am Thema vorbei“ geredet, mehr als nur eine AufmĂĽpfigkeit gegen den „Oberlehrer“ Fayot. Niemand hatte die Sekundärtugenden der MinisterInnen in Frage gestellt. Espen verwies auf die Zeit vor den Wahlen 1999, als inhaltliche Kritik mit Appellen zu Geschlossenheit ebenfalls „untergebuttert“ wurde, und auf das anschlieĂźende desaströse Wahlergebnis.

Ausgelöst wurde die Auseinandersetzung durch einen Initiativ-Antrag der Jusos, in dem es hieĂź: „Seit die LSAP an der von der CSV dominierten Regierung teilnimmt, hat unsere Partei leider den Mut verloren, konkrete Ideen zu vertreten, und beschränkt sich darauf, vage Meinungen auszudrĂĽcken, die den christlichen Partner kaum stören können.“ So verliere die Partei an Profil und verwandle sich in ein „verzagtes Anhängsel der Regierung“. Die Jusos forderten deshalb unter anderem, das Exekutivkomitee solle die Politik der LSAP wenn nötig auch gegen die Regierung verteidigen.

Profil zeigen

Das Dokument war erst einen Tag vor dem Kongress erarbeitet worden. „Wir haben festgestellt, dass viele Parteimitglieder unzufrieden waren mit der Art, wie die LSAP ihre Ideen vertritt“, so Jean-Paul Espen gegenĂĽber der woxx. „Wir freuen uns, dass unsere Initiative so viel UnterstĂĽtzung fand.“ Binnen einer halben Stunde hatten die Jusos 73 Unterschriften von KongressteilnehmerInnen zusammengetragen, darunter die der prominenten GewerkschafterInnen John Castegnaro, Vera Spautz und Nico Wennmacher.

„Ich sehe diesen Antrag als einen Ansporn fĂĽr die Partei, sich selbst in Frage zu stellen, sich auch unter Druck zu setzen“, begrĂĽndete Castegnaro seine UnterstĂĽtzung. Derzeit versuche die CSV vorzugeben, welche Einsparungen im Budget nötig seien. Die LSAP mĂĽsse klarmachen, dass sie auch ein Wort mitzureden habe. Das Vertrauen des Gewerkschafters in die ParteikollegInnen scheint nicht groĂź zu sein. Zwar lobte er die vom Kongress verabschiedeten Vorschläge gegen die Arbeitslosigkeit, aber er mahnte: „Unsere Abgeordneten und Minister mĂĽssen sich auch daran halten.“

Präziser war da schon die Kritik von Nico Wennmacher: „Die Vorschläge enthalten zwar die Schaffung von Online-Diensten, erwähnen aber langjährige Forderungen wie Wohnungsbauprogramme und ArbeitszeitverkĂĽrzung nicht.“ Auch Vera Spautz warnte: „Zugtickets und Kindertagesstätten werden teurer, die Desindexierung des Kindergeldes ist im Gespräch.“ Die LSAP mĂĽsse ĂĽberlegen, was sie mittragen wolle und was nicht. Die spontane UnterstĂĽtzung des Juso-Antrages durch zahlreiche Kongressteilnehmer zeuge von einer gewissen Unzufriedenheit in der Partei.

Gespenst Neuwahlen

An der Parteispitze dagegen ĂĽberwog der Reflex, den Ăśberbringer der schlechten Botschaft zu köpfen. Der Fraktionsvorsitzende Ben Fayot lieĂź kein gutes Haar an dem Antrag und rief stattdessen dazu auf, die Arbeit der LSAP-Vertreter in der Regierung und der Fraktion „mit Begeisterung“ zu unterstĂĽtzen. „Sie bereiten Reformen vor, die dieses Land entscheidend verändern werden“, versprach er, ohne zu bedenken, dass spätestens seit Schröders Agenda 2010 das Wort „Reformen“ einen zweifelhaften Beigeschmack hat. Parteipräsident Alex Bodry bemängelte, der Text des Juso-Antrages sei „nicht ausgereift“. EntrĂĽstet gab er sich vor allem ĂĽber die negative Ausrichtung: „Man könnte meinen, zwei Jahre lang habe es keine sozialistischen Minister, keine Fraktion und keine Pressekonferenzen der LSAP gegeben.“ Weit von sich wies er auch die Forderung, die Parteilinie gegen die Regierung zu vertreten: „Dann gehen wir wählen.“

Gesundheitsminister Mars Di Bartolomeo wurde noch deutlicher: „Wenn das, was die Jusos uns vorwerfen, stimmte, dann mĂĽssten sie unseren Austritt aus der Regierung fordern. Die Bilanz ist aber eine andere.“ Di Bartolomeo fĂĽhrte das Beispiel der „Mammerent“ an: „Es hieĂź, Juncker habe durchgesetzt, sie aus der Rentenkasse zu finanzieren. Das ist nicht der Fall, nicht jetzt, und auch in Zukunft nicht.“ In väterlicher Manier bot er den Jusos an, ihre Kritik den Ministern zu unterbreiten: „Unsere TĂĽren sind immer offen.“ Auch Bodry zeigte sich versöhnlich: Er schlug vor, nicht ĂĽber den Initiativ-Antrag abzustimmen, sondern die Parteileitung zu beauftragen, sich damit zu befassen.

Auf diesen Kompromissvorschlag gingen die Jusos ein. „Es war unklar, wie eine Kampfabstimmung ausgehen wĂĽrde“, erläuterte Jean-Paul Espen. „Mit der Weiterleitung wurde der Grundgedanke des Antrags angenommen. Zudem gibt es einen verbindlichen Auftrag vom Kongress an die Parteileitung.“ Und falls trotzdem nichts passiert? „Auf dem nächsten Kongress wird es dann keinen Kompromiss mehr geben“, versichert der Juso-Präsident.

KOMMENTAR

Pragmatisch

Sieht man sich die Kritik der Jusos genauer an, so zeugt sie weniger von jugendlichem Idealismus und linker Ideologie als von Pragmatismus. Ihr Initiativ-Antrag kreist um die Frage, wie die LSAP bei den Wahlen 2009 abschneidet, wenn sie so weitermacht. Das interessiert natĂĽrlich Jung-PolitikerInnen, die erst am Anfang ihrer Laufbahn stehen, kann aber auch den JĂĽngeren unter den MinisterInnen nicht völlig gleichgĂĽltig sein. DarĂĽber hinaus ist die Basis der Jusos von der gegenwärtigen Krise direkt betroffen. Zwar arbeiten die wenigsten bei Villeroy oder TDK, doch die Jugendarbeitslosigkeit erreicht mittlerweile Rekordhöhen. SchlieĂźlich laufen auch die angekĂĽndigten SparmaĂźnahmen auf einen Einstellungsstopp im staatlichen und parastaatlichen Sektor hinaus, dies umso zwingender je besser es LSAP und Gewerkschaften gelingt, „den Besitzstand zu wahren“.

Die UnterstĂĽtzung der Gewerkschaften fĂĽr das Vorpreschen der Jusos ist in erster Linie ein Warnsignal: Die sozialistischen Minister sollen bei den kommenden Tripartite-Verhandlungen ein offenes Ohr fĂĽr die Argumente und Forderungen des OGBL haben. Die bescheidenen Vorschläge des Kongresses gegen die Arbeitslosigkeit lassen vermuten, dass die LSAP eher defensiv an die sozialen Probleme herangeht. Symptomatisch: Die Partei, die 2004 auszog um den öffentlichen Transport gratis anzubieten, diskutiert jetzt nur noch ĂĽber eine Vorfinanzierung des FĂĽhrerscheins fĂĽr wenig Qualifizierte – „um ihre Flexibilität zu steigern“.

Auch Alex Bodry hat gute GrĂĽnde, KritikerInnen in den eigenen Reihen nicht völlig unterbuttern zu lassen. Je mehr es in der Parteibasis rumort, umso wichtiger wird seine Rolle als Parteipräsident, der MilitantInnen und MandatarInnen aussöhnen soll. In seiner geschickt vorgetragenen Kongressrede ĂĽbte er zwar scharfe Kritik an der CSV, doch das weist ihn noch lange nicht als Parteilinken aus. Er versicherte, das Arbeitsrecht werde nicht angetastet, der Index nicht abgeschafft und keine direkten Einschnitte bei den Einkommen vorgenommen. Die beiden letzten Punkte lassen viel Raum fĂĽr Interpretationen. Das Defizit, „das wir nun auslöffeln mĂĽssen“, fĂĽhrt er auf die ĂĽberzogene Ausgabenpolitik zurĂĽck und erwähnte mit keinem Wort Junckers Steuerreform. Dementsprechend sieht er auf der Ausgabenseite mehr Möglichkeiten, als manchen SozialistInnen lieb sein kann.

Wirklich linke Kritik wurde auf dem Kongress nicht geäußert. Weder die CIA-Flüge oder die Telefonüberwachung noch die Vorstöße von Robert Goebbels und Jeannot Krecké in Sachen Atomenergie sorgten für Gesprächsstoff. Zum Thema Migration äußerten sich nur Jean Asselborn und Ben Fayot, der das neue Asylgesetz als fortschrittlich, sozial und gerecht bezeichnete. Er blieb unwidersprochen. Nicht einmal die Jusos scheint zu stören, dass die sozialistischen Minister die Asylpolitik Luc Friedens kontinuierlich fortsetzen.

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