Spielberg Steven: Minority Report

Der neue Spielberg-Film „Minority Report“ ist (fast) bis zum Schluss spannend und actiongeladen. Die Geschichte ist aber an vielen Stellen zu dünn und nicht immer logisch.

Märchenhafter Sci-Fi-Thriller

Washington D.C. im Jahr 2054. Seit sechs Jahren ist in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten kein Mord mehr passiert. Das, was wie ein Wunder klingt, trägt einen Namen: Pre-Crime Department. Herzstück dieser polizeilichen Behörde sind drei Pre-Cogs. Diese hilflosen, in einem Bassin mit milchiger Flüssigkeit verwahrten Nachkömmlinge von Crack-Müttern haben durch den Drogenkonsum ihrer Eltern eine besondere Begabung erlangt: Sie können in die Zukunft schauen. Das heißt, sie sehen Verbrechen voraus, bevor diese überhaupt begangen werden. Verkabelt mit einem Scanner werden ihre Prophezeiungen für die Pre-Cops sichtbar gemacht, die mit diesen Informationen Täter und Opfer sowie Tatort und -zeit ausmachen, um dann das bevorstehende Verbrechen zu verhindern. Ein scheinbar perfektes System zur Verbrechensbekämpfung, dessen Zuverlässigkeit für den Leiter John Anderton (Tom Cruise) außer Frage steht.

Seit sein eigener Sohn Opfer eines Verbrechen wurde, ist der selbstmitleidige Pre-Cop besessen von der Möglichkeit, die Zukunft verhindern zu können. Eine Idee, die erst ins Wanken gerät, als Anderton selbst von den Pre-Cogs als Mörder erkannt wird. Ein Wettlauf gegen ein angeblich unausweichliches Schicksal beginnt.

Film noir in Grau-Blau

Steven Spielbergs düstere Zukunftsvision in Blau-Grau basiert auf einer Kurzgeschichte des Science-Fiction Autors Philip K. Dick, der ebenfalls die Vorlage zum Kultfilm „Blade Runner“ und für „Total Recall“ lieferte. „Minority Report“, so will es der Regisseur ausdrücklich verstanden wissen, handelt von den gefährlichen Möglichkeiten in einem Überwachungsstaat. Ein Thema, welches angesichts der Anti-Terror-Maßnahmen nach dem 11. September erschreckende Aktualität nicht nur in den USA erlangt hat (der Film wurde aber vor den Anschlägen auf das World Trade Center fertig gestellt).

In der von den Drehbuchautoren Jon Cohen und Scott Frank überarbeiteten Geschichte wird der Leitsatz „That what keeps us safe, also keeps us free“ derart auf die Spitze getrieben, bis sich die Freiheit des Einzelnen in ihr Gegenteil verkehrt: Der gläserne Mensch ist allgegenwärtig. Ob im Kaufhaus, im Fahrstuhl oder in der U-Bahn, bei Eintritt wird erst einmal die Iris überprüft. Flächendeckende Rasterfahndungen mit spinnenähnlichen, krabbelnden Iris-Scannern gehören zum Alltag dieser kalten Big-Brother-Welt ebenso wie überwachte Transportwege, in der Gleiter sogar das Gesetz der Schwerkraft außer Kraft setzen. Beim Einkaufen wird der Kunde nach dem obligatorischen Scan von einer Stimme persönlich begrüßt und sogar die Müsli-Packung spricht mit ihrem Käufer.

Diese futuristischen Gags und Effekte, von Spielberg während eines dreitägigen, vorbereitenden Think-Tanks mit Zukunftsforschern und Technologen zusammengetragen, eignen sich für die Spannung und zur Unterhaltung vorzüglich, die Handlung machen sie allerdings nicht plausibler.

Das ist vielleicht auch das größte Ärgernis dieses ansonsten meisterhaft inszenierten „Film noir“: Einige Szenen sind, bei genauerer Betrachtung, unlogisch, andere wiederum werden durch ein Sammelsurium an (Märchen-)Effekten bis ins Lächerliche verzerrt. So zum Beispiel, als Anderton auf der Suche nach Beweisen für seine Unschuld die Pre-Crime-Erfinderin Hineman (Lois Smith) besucht, eine Märchentante mit Harry-Potter-Qualität. In deren verwunschenen Garten wird unser Held beinahe von aggressiven, genetisch manipulierten Pflanzen gefangen. Auch sonst wimmelt der Film von Querverweisen: Hitchcock, Ingmar Bergman, Stanley Kubrick, Ridley Scott, sie alle werden in diesem pompösen, 147 Minuten langen Werk zusammengeführt – stilistisch perfekt, aber Spielbergs eigene Handschrift geht dabei verloren. Es ist, als habe sich Spielberg nicht wirklich entscheiden können: für einen plausiblen Sci-Fi-Thriller oder für ein unterhaltsames Zukunftsmärchen. Allerdings mit Seifenoper-Happy End.

Letztlich ist es wohl vor allem dem Tempo (Kamera: Janusz Kaminsik) sowie den souveränen Schauspielleistungen eines Tom Cruise und einer Samantha Morton (als Super-Pre-Cog Agatha) zu verdanken, dass das Publikum gnädig über all die Unstimmigkeiten hinweg sieht und doch bis kurz vorm Ende mit den HeldInnen mitfiebert.

Ines Kurschat


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