Cronenberg David: Spider

Leise und subtil webt David Cronenberg die Fäden einer psychologischen Fallstudie.

Der einzige Effekt auf den Cronenberg diesmal setzt ist das grandiose Schauspiel von Ralph Fiennes.

Einsamer Spinnenmann

Die Mutter nannte ihn Spider, ihren introvertierten wortkargen Sohn, der nie so war wie andere Kinder, und ihr Kummer bereitete. Er liebte Geschichten über Spinnenmütter, die ihre Kokons für immer verlassen, ohne sich noch einmal umzudrehen, und webte gern wortlos an allen möglichen Fäden herum.

Zwanzig Jahre später steigt er als Dennis Cleg (Ralph Fiennes) aus dem Zug und sucht eine Adresse im Außenbezirk Londons: ein offenes Wohnheim für psychisch kranke Menschen. Seit dem Tod der Mutter hat er in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt gelebt. Warum, das möchte er im nachhinein klären, eine Reise ins verwirrte Innere, auf der ihn das Publikum begleiten darf.

Dennis fällt sofort auf, mit seiner zerzausten Frisur, dem verlangsamten, zögernden Gang, dem suchenden Blick, der sich an kleinste Details haftet. Die neue Bleibe ist ein nüchternes, heruntergekommenes Haus, geleitet von einer strengen und kühlen Frau. Details in der Umgebung wecken in ihm Bilder der Vergangenheit, zumindest beflügeln sie seine Fantasie zum kreativen Schaffen seiner Konstrukte. Schnell stellt sich heraus, dass Dennis sich eine Vergangenheit zusammenspinnt, die wohl nicht ganz so gewesen sein kann. Demnach hätte der Vater die Mutter kaltblütig getötet, um sie am Tag darauf durch die Geliebte, eine Prostituierte, zu ersetzen. Dennis sucht und sucht nach Zusammenhängen, betrachtet Fragmente alter Familienszenen. Er späht durch Fenster hinein, bebildert Erlebnisse seiner Kindheit, besucht das Lokal in dem sein Vater, und wohl auch die Mutter, an vielen Abenden saßen und tranken, während er allein zu Hause blieb.

Minutiös kritzelt Dennis seine Beobachtungen in ein kleines Heft, das er sorgfältig im Zimmer des Wohnheims versteckt. Oft mit dem Rücken zur Kamera gedreht, füllt er Seiten mit seiner eigenen Schrift, die Außenstehenden ebenso unverständlich bleibt wie es sein Gemurmel tut. Keiner versteht die „Spinnensprache“, er bleibt allein in seinem Kokon und verwickelt sich immer mehr in den Fäden seiner eigens geschaffenen Realität.

Nach und nach merkt das Publikum, wie geschickt es selbst von Cronenberg auf falsche Pisten geführt wird bis hin zur kompletten Verwirrung. Wie schon in vorigen Filmen hebt der kanadische Regisseur chronologisches, lineares Denken auf, überlappt Bilder aus Phantasie und Wirklichkeit, verwischt so zeitliche und räumliche Grenzen, so wie wir es auch von David Lynch kennen.

Effekt Fiennes

Nicht laut, bunt und schockierend wie in anderen Cronenberg-Filmen („Crash“, „eXistenZ“, „Naked Lunch“), sondern subtil und leise führt er diese psychologische Studie. Er setzt sie in ein karges, nüchternes Umfeld, befreit sie von allem Überflüssigen. Es wird kaum gesprochen, es gibt keine Spezialeffekte, keine „verrückten“ Bilder. Der einzige Effekt ist Ralph Fiennes selbst in der grandiosen Darstellung des psychisch Kranken. Ihn scheinen introvertierte, geheimnisvolle Rollen besonders anzuziehen („Red Dragon“, „The English Patient“). Und so war er es, der mit dem Skript von Patrick McGrath zu Cronenberg kam und ihn bat, diese Geschichte unbedingt zu verfilmen. Die Person des Spider symbolisiert quasi den Missverstandenen, ein Gefühl das Cronenberg als unabhängig schaffender Regisseur laut eigenen Aussagen nachvollziehen kann.

Mit Respekt zeichnet er das Porträt eines einsam Schaffenden, der zäh an seinem Werk arbeitet und sich erst zufrieden gibt, als er den letzten Teil seiner fragmentierten Vergangenheit in sein Gedankenpuzzel fügen kann. Der Film ist wohl eher ein kleiner Cronenberg-Film, der vor allem durch seine perfekte Fotografie und exzellenten Schauspieler frappiert, so auch Miranda Richardson in ihrer dreifachen Rolle als Mutter, Prostituierte und Leiterin des Wohnheims.

Wie sich die traumatischen Ereignisse damals reell abgewickelt haben, wird am Ende nebensächlich. Viel wichtiger sind Gefühle und Atmosphäre die der Film vermittelt. Ob Spider ein Mörder ist oder ob er sich seine Mitschuld am Tod der Mutter nur zurechtphantasiert hat, darüber lässt sich dann nach dem Kinobesuch in der Stammtischrunde spekulieren.

Sylvie Bonne


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