Van Passel Frank: Villa des Roses

Die Luxemburger Koproduktion „Villa des Roses“ ist eine bitterböse Tragikomödie, die aber mit Schwächen zu kämpfen hat.

Treue und Untreue

(rw) – „Bis zum Tode treu“ – mit diesem Schlachtruf auf den Lippen ließen sich deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg abmetzeln. Und der Film „Villa des Roses“ beginnt mit einer Kriegsszene: Während rundherum die Bomben einschlagen, liegt ein Soldat im Schützengraben und interpretiert den Spruch um: Er blickt auf eine verwelkte Rose und das Abbild seiner Geliebten. Szenenwechsel mit Rückblende: Die hübsche Louise Créteur, junge Witwe und Mutter eines kleinen Jungen, verlässt ihre Heimatstadt Honfleur, um in Paris in einem Hotel zu arbeiten, das von einem englischen Paar geführt wird. Das Hotel entpuppt sich als Bruchbude, in der eine Reihe von abgetakelten Charakteren gestrandet ist. Louise verliebt sich prompt in einen der Hausgäste, den deutschen Dekorateur Richard Grünewald, und vernachlässigt darüber sogar ihren Sohn. Grünewald aber ist ein Schürzenjäger, und verlässt Louise, obwohl sie schwanger ist, nach dem Motto: „She’s a maid and I’m a gentleman.“

Dass der Ausbruch des Ersten Weltkriegs filmisch als Allegorie auf heutige Dekadenz eingesetzt wird, ist nicht besonders originell. Frank van Passel gelingt es aber mit seiner Verfilmung von Willem Elsschots flämischer Erzählung, Zynismus und Abgebrühtheit einer Epoche darzustellen, die streckenweise verdächtig aktuell wirken. Mit viel Witz und Ironie ist vor allem die erste Hälfte des Films in Szene gesetzt, und das Einblenden von Postkartenansichten, die das Paris der Zeit romantisiert darstellen, gibt dem Film nicht nur Rhythmus, sondern sorgt auch für historisches Flair. Für düster-ironische Stimmung sorgt auch der Rahmen der Handlung: das alte, bröckelnde Hotel, dessen Zimmer durch ein altertümliches System von kommunizierenden Röhren miteinander verbunden sind, und in dem die seltsamen Gestalten, die dort untergekommen sind, sich gegenseitig ausspionieren. Die meisten Szenen spielen sich innerhalb des Hotels ab, so dass sich der Film als Kammerstück präsentiert.

Schmachtender Augenaufschlag

Das Tempo und auch die Spritzigkeit der Dialoge geraten jedoch ins Stocken, als der Fokus sich immer stärker auf die scheiternde Liebesgeschichte richtet. Julie Delpy als Louise vermag dabei außer ihrem schmachtenden Augenaufschlag und ihrem Schmollmund schauspielerisch nicht viel auszurichten. Shaun Dingwall als Grünewald bleibt ebenfalls etwas blass. Weit beeindruckender ist Shirley Henderson als Köchin und Freundin von Louise. In einer Reihe von englischen und amerikanischen Filmen (unter anderem Harry Potter) hat sie sich einen Namen gemacht, und in „Villa des Roses“ beherrscht sie das Register der bitterbösen Kassandra perfekt.

Schade, dass sich der Film gegen Ende zu einer Romanze mit voraussehbarem Ende entwickelt. Der subversive Unterton, der die Liebesgeschichte anfangs begleitet, geht immer mehr verloren, und mit ihm auch der Schwung. Die Gegenüberstellung des untreuen Richard und der naiven, verzeihenden Louise wirkt spätestens nach einer recht detailgetreuen Abtreibungsszene eher unwahrscheinlich. Ein interessanter Aspekt ist die Auseinandersetzung um den Anspruch auf Treue, den beide Hauptfiguren verraten, und der in Kontrast zur Militärpropaganda entwickelt wird. Doch auch dieses Thema wird nur oberflächlich abgehandelt.

Dass van Passels Film nicht nur beim Hollywood-Film-Festival im Oktober den Preis für den besten Spielfilm, sondern auch drei Nominierungen auf den „British Independent Award“ erhielt, ist eigentlich nicht wirklich nachzuvollziehen. „Villa des Roses“ ist ein mittelmäßiger Film mit interessanten Ansätzen und einigen Längen, die auch nicht von der Tatsache wettgemacht werden, dass einige der Szenen dieser Samsa-Koproduktion in Luxemburg gedreht wurden.

Gegen Harry Potter und James Bond hatte „Villa des Roses“ diese Woche keine Chance und ist somit nicht mehr im Kino-Programm vertreten. Und dies trotz den von der EU ernannten „Cinéd@ys“, die bis zum 24. November das europäische Kino mehr in den Fordergrund stellen wollen. Da es sich bei „Villa des Roses“ um eine Luxemburger Koproduktion handelt, hat die Redaktion entschieden diesen Text trotzdem zu veröffentlichen.


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