NANCY MEYERS: Junge Männer und Alterssex

Ergraut und ihre Falten hat sich die 58-Jährige auch nicht wegspritzen lassen. Und doch ist es bei Diane Keaton anders: irgendwie sexy.

Reif, geschieden, begehrt: Diane Keaton als Erica Berry (Foto: Warner Brothers)

Gilt ein alter Knacker, der mit einer dreißig Jahre jüngeren Frau ins Bett hüpft, von jeher als beneidenswert und in gewisser Hinsicht potent, hat die umgekehrte Konstellation etwas leicht Anrüchiges. Was kann schon einen knackigen jungen Mann an einer Frau interessieren, deren Altersflecken womöglich gerade den Ehemann in die Arme einer anderen getrieben haben?

Altersflecken hat Diane Keaton noch keine. Und der eigentliche Plot des Films „Something’s Gotta Give“ von Nancy Meyers beantwortet diese Frage auch nicht wirklich. Die Handlung ist eigentlich gewöhnlich. Keaton spielt Erica, die sich auf ein besinnliches und arbeitsintensives Wochenende mit der unterhaltsamen Schwester auf ihrem Landsitz in den Hamptons freut. Stattdessen stößt sie in ihrer Küche auf den Musikproduzenten Harry Sanborn, der es eigentlich auf ihre Tochter Marin abgesehen hat. Gespielt von Jack Nicholson ist Sandborn im Unterschied zu Keaton nicht nur alt, sondern auch noch fettleibig. Sein Motto: Er geht grundsätzlich nur mit Frauen unter 30 aus. Doch bevor es zum Liebesspiel mit Ericas Tochter Marin kommt, streikt sein mit Viagra voll gepumptes Herz plötzlich. Aus dem Draufgänger wird ein gebrechlicher Lustgreis. Ausgerechnet Mutter Erica soll ihn gesund pflegen und schon sticht Amors Pfeil zu.

Nichts Außergewöhnliches also. Geschichten über einen alten Graukopf, der es auf junge Hüpfer abgesehen hat, um sich dann doch für die Weisheit zu entscheiden, gibt es zuhauf. Wäre da nicht die Nebengeschichte mit dem Jüngling Dr. Julian Mercer. Die betagte Erica wird von Mr. Perfect nicht nur bewundert – sie zieht ihn an. Magisch. Körperlich. Sexuell. Ist es das, was Diane Keaton so begehrenswert macht? Der Tabubruch?

Über den Zungenkuss gehen die Szenen zwar nicht hinaus. Dass es aber überhaupt dazu kommt, ist für Hollywood schon etwas Außergewöhnliches. Aber nicht nur für Hollywood. Selbst Hannelore Elsner in „Die Kommissarin“ hat niemals ihren jüngeren Gehilfen Jan auf den Mund geküsst. Es bleibt stets bei doppeldeutigen Anspielungen. Und in der US-Dauersoap „Golden Girls“ schwärmt die sex-besessene Blanche zwar immer wieder für knackige Kerle. Aber nur verbal. Doch ihre Eroberungen, die dann auf dem Bildschirm erscheinen, sind alles graumelierte Fuffziger und aufwärts.

Dabei ist die Realität längst eine andere. Zumindest die Klatschpresse ist voll von alternden Damen, die es vorziehen, sich das Bett mit deutlich jüngeren Männern zu teilen. Susan Sarandon, Shirley MacLaine, Madonna, Cher, Demi Moore und Liz Taylor finden: Junge Männer sind als Sexpartner nicht zu verachten. Trotz aller Erfahrung, Gelassenheit, Selbstsicherheit und auch Ansprüche – Jugend ist aufregend, irgendwie hipp. Trendfeste SexualwissenschaftlerInnen unterschiedlicher Länder haben schon vor einiger Zeit Statistiken vorgelegt, die belegen, dass immer mehr Frauen ab 50 Beziehungen zu jüngeren Männern eingehen. Diese Erkenntnis ist also nicht neu. Dass solche Beziehungen aber in Hollywood vor offener Kamera salonfähig gemacht werden, hingegen schon. Während es alternde Filmdiven bisher nämlich immer schwerer hatten, Rollen zu besetzen, in denen sie auch sexuell begehrt werden, scheint bei Männern das ungeschriebene Gesetz zu gelten: Der Sex-Appeal bei Typen wie George Clooney, Sean Connery und Pierce Brosnan wächst mit der Anzahl ihrer grauen Haare.

„Something’s Gotta Give“ bricht mit diesem Muster. Und Diane Keaton erfüllt ihre Rolle gut, authentisch. Auch wenn sie hinterher zugibt, dass es für sie alles andere als angenehm war, Frauenschwarm Keanu Reeves zu knutschen. Eine Kussszene mit Jack Nicholson sei ihr leichter gefallen, weil er physisch nicht so perfekt sei, sagte Keaton und fügte hinzu: Für Jüngling Reeves hingegen sei es sicherlich so gewesen, als würde er seine Mutter küssen. Unverständlich diese Äußerung. Zum Glück vertuscht sie ihre Unsicherheit in dem Film ganz gut. Keaton ist der Spaß beim Drehen sogar deutlich anzusehen. Ihre Tränen lösen im Publikum Lachkrämpfe aus, ihre bissigen Bemerkungen Heiterkeit, ihre Gefühlsausbrüche Mitleid. Das macht den Film sehenswert. Und außerdem: Am Ende des Filmes bleibt dann doch alles beim Alten. Denn Mitleid hat der Zuschauer mit dem Jüngeren. Keanu Reeves geht als einziger im Film leer aus. Leider.


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