ANTHONY MINGHELLA: Spritzig aber nicht herzzerreißend

Einmal Golden Globe und siebenmal für den Oskar nominiert – ein guter Film ist „Cold Mountain“ damit aber noch lange nicht.

Überzogen ruppig aber trotzdem oskarreif: Renée Zellweger in der Rolle des sentimentalen Rauhbeins Ruby.

„Herr der Ringe“ hat es vor gemacht, „Der letzte Samurai“ hat es übernommen und „Kill Bill“ war dabei eine besonders „spritzige“ Variante. All diese Filme haben gemein: die zwar authentischen aber deswegen besonders grausigen Kampfszenen. Da ist es nur
eine Frage der Zeit gewesen, bis Bilder von abgehackten Köpfen, verstümmelten Körpern und auseinander klaffenden Wunden auch vom amerikanischen Bürgerkrieg auf der Leinwand zu sehen sind. Und wen gab es besseres als Anthony Minghella, dessen Film „The English Patient“ bereits einen Oskar nach dem anderen absahnte?

Wir schreiben das Jahr 1964. Es ist die Kesselschlacht von Petersburg, Virginia. Eine Sprengladung der Unionisten reißt den Schützengraben in die Luft. Inmitten der Detonation: der geschmeidige Inman (Jude Law). Er fällt ins Koma, ein Fiebertraum versetzt ihn und das Publikum drei Jahre zurück.

Und zwar nach Cold Mountain, North Carolina. Die Sonne scheint, die Weiden blühen, Vogelgezwitscher – allein der Anblick der blonden Südstaaten-Schönheit Ada (Nicole Kidman) lässt den schweigsamen Dorf-Adonis den Acker noch wilder pflügen. Es ist die berühmte Liebe auf den ersten Blick. Die beiden kommen sich näher, nippen auch schon gemeinsam am Tee, doch als in der Dorfkappelle der Ruf ertönt „Hurra, der Krieg ist da!“, bleibt ihnen nur noch ein kurzer aber leidenschaftlicher Abschiedskuss.

Auch wenn es ganze zwei Stunden dauert, im Film sogar vier Jahre, bis sie sich wieder sehen – der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Aus der feinen Pfarrerstochter wird eine depressive Landgöre, ihr Vater stirbt, ihr Hof verkommt und vor lauter Angst lässt sie sich sogar von einem krähenden Hahn einschüchtern. Käme da nicht die burschikose Ruby (Renée Zellweger) angetrampelt, die sie und die Farm wieder auf Vordermann bringt. Im zweiten Strang geht es um die scheinbar endlose Odyssee des Inman. Er überlebt schwer verletzt, desertiert, schleppt sich mühevoll von einem Unterschlupf zum nächsten, wird von einer Kräuterhexe aufgepäppelt und von Nymphen begrabscht und alles nur, um seiner Liebe wieder zu begegnen. In einem völlig unspektakulären Moment finden sie sich. Doch der großen Liebe wird auch nach der Heimkehr nicht viel Zeit gegönnt. Eine blonde Killerbestie beendet die Südstaaten-Tragödie so blutig wie sie begann. Nur ruhiger, sinnlicher im Schnee, der sich langsam rot verfärbt.

In „Cold Mountain“ bemüht sich Minghella den Schrecken des amerikanischen Bürgerkriegs an Hand einer dramatischen Liebesgeschichte möglichst authentisch darzustellen. Dazu gehören Schönheiten, deren Barthaare verfusseln, Locken verstrubbeln, denen blutige Wunden und tiefe Narben die samtene Haut verschandeln. Schweißtriefende Gesichter machen selbst vor Nicole Kidman nicht halt. Dazu gehören auch Milizen die ihre MitbürgerInnen terrorisieren, unzählige wirre Köpfe, die unterm Einfluss des Kriegstraumas durchs Land irren und das Elend einer ganzen Generation, die für ihre anfängliche Kriegseuphorie einen hohen Preis zu zahlen hat.

Zwar gelingt Minghella einiges davon, aber sein Werk soll sich in die Reihe seiner vorigen Erfolge einreihen. Und Filme, die mit einem so hehren Anspruch auftreten, locken die Kritiker förmlich aus ihren Ecken. Kein Wunder also, dass „Cold Mountain“ nicht nur zum Auftakt der Berlinale, sondern auch in den USA heftig auseinander genommen wurde. Zugegeben, wer ein Epos über den amerikanischen Bürgerkrieg ins Kino bringen will, muss sich zwangsläufig an der Filmlegende „Vom Winde verweht“ aus dem Jahre 1939 messen lassen. Misslingt der Versuch, droht ihm schnell der Vergleich mit dem TV-Abklatsch „Fackeln im Sturm“. „Cold Mountain“ lässt sich eher der letzten Kategorie zuordnen. Weder weiß Minghella mit den Gründen des Sezessionskriegs etwas anzufangen noch mit einer herzzerreißenden Liebesgeschichte. Kriege werfen stets die moralische Frage auf nach Recht und Unrecht. Dazu gehört auch die allgemeine Tendenz Hollywoods, die Südstaaten zu glorifizieren, obwohl sie es waren, die mit Sklaverei und Sezessionsbestrebungen Millionen von Menschen ins Unglück trieben. Schwarze kommen bei Minghella aber nur als Eierdiebe und Kanonenfutter vor!

Auch die Liebesgeschichte überzeugt nicht wirklich. Der ansonsten intellektuell angehauchte Jude Law ist mit seinem struppigen Vollbart als Landei ebenso fehl am Platz wie Nicole Kidman, die zweifelsohne viele unterschiedliche Rollen zu besetzen weiß, nicht aber die einer scheuen Pfarrerstochter (der Spiegel schreibt sie sei „kalt wie ein Fisch“). Und reicht ein einziger Kuss wirklich, die beiden so innig zu verbinden, dass sie füreinander in den Tod gehen würden? Da scheint es viel stärker zwischen Inman und der jungen Witwe Sara zu knistern, die er auf seiner Flucht vor marodierenden Soldaten für kurze Zeit schützen muss.

Doch zum Glück ist da die furiose Renée Zellweger. Zwar überzieht sie ihre Rolle als resolute Haushaltshilfe gnadenlos, aber man amüsiert sich über jede Szene, die sie dem lieblos dargestellten Paar stiehlt. Wenn ein Oskar für den sieben Mal nominierten Film verliehen wird, dann bitte an sie. Alles andere wäre maßlos übertrieben.


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