ASHLEY JUDD: Fischen im Trüben

Ashley Judd tappt als energische Kommissarin auf der Suche nach einem Serienmörder im Dunkeln. Und mit ihr das Publikum.

Ashley Judd alias Kommissarin Jessica Shepard kramt in Erinnerungen.

Ein Film noir sollte Philip Kaufmans „Twisted“ werden, mit allem Drum und Dran. Ein nebeliges San Francisco, schummrige Bars und darüber, unheilvoll schwebend, die Schatten der Vergangenheit. Es geht um Schuld und Doppelmoral, Kindheitstraumata und falsche Fährten.

Jessica Shepard (Ashley Judd) macht sich unbeliebt. Nach einer gelungenen Festnahme wird sie zur Kommissarin im Morddezernat befördert, was viele ihrer männlichen Kollegen nur zähneknirschend akzeptieren. Gleich an ihrem ersten Arbeitstag wird sie zu allem Überfluss mit einer übel zugerichteten Wasserleiche konfrontiert. Sie muss feststellen, dass es sich bei dem Toten um einen Mann handelt, mit dem sie einen One-Night-Stand hatte. Bald häufen sich die Leichen: Die Opfer sind immer in der gleichen Weise gekennzeihnet und hatten darüber hinaus alle ein Verhältnis mit Shepard. Der Ermittlerin und ihrem Partner Mike Delmarco (Andy Garcia) wird schnell klar, dass sie es hier mit einem Serienmörder zu tun haben. Die Polizei hat keine heiße Spur, und deshalb wird Jessica Shepard bald zu ihrer eigenen Hauptverdächtigen. Sie ist das einzige Glied, das die Opfer verbindet. Könnte sie etwas mit den Morden zu tun haben?

Im Zentrum dieses Psychothrillers steht die Frage, ob Mörderinstinkt vererblich ist. Als Shepard noch ein Kind war, brachte ihr Vater mehrere Menschen um, darunter auch ihre Mutter, und erschoss sich danach selbst. Die Erinnerung an dieses traumatische Erlebnis verfolgt die nach außen hin so resolute Frau. Sie beginnt ihren eigenen Geisteszustand in Frage zu stellen. Kaum zu glauben, dass die derart in Bedrängnis geratene Ermittlerin trotzdem weiterhin den Fall betreuen darf, aber dafür sorgt Polizeichef Mills (Samuel L. Jackson), Shepards väterlicher Freund, der schützend die Hand über sie hält.

Philip Kaufman wollte einen Psychothriller inszenieren, mit einer starken, unbequemen Frauenfigur im Mittelpunkt. So weit, so lobenswert, doch der Regisseur von „The Unbearable Lightness of Being“ schafft es in „Twisted“ lediglich, das Potenzial anzudeuten, das in dieser Geschichte steckt. Anstatt die Abgründe seiner Figuren auszuloten, verliert er sich in einem oberflächlichen Wirrwarr von Handlungssträngen, die letztendlich zwar den Zuschauer auf die falsche Fährte locken sollen, seinen Blick aber auch vom Wesentlichen ablenken. Ashley Judd wirkt zu glatt, um ihre Figur wirklich glaubhaft zu gestalten, während Andy Garcia und Samuel L. Jackson in ziemlich schemenhaft bleibenden Rollen ihre Möglichkeiten nicht ganz ausspielen können.

Obwohl der Film nicht allzu anspruchsvolle Zuschauer immer zweifellos bei der Stange hält, so ist die Intrige doch zum Schluss klar zu durchschauen. Im Dunkeln bleibt allerdings Sinn und Zweck der Veranstaltung. Wenn das Licht im Saal wieder angeht, hat man das Gefühl, den eigentlichen Film verpasst zu haben. Aus dem Konflikt zwischen Moral und Selbstverwirklichung, der sich erst zum Schluss andeutet, hätte man eine interessante Intrige spinnen können. So bleibt „Twisted“ leider nur sehr leichte Kost.


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