ROLAND EMMERICHS: Mit offenen Augen

Zieht euch warm an, die Eiszeit kommt. „The Day After Tomorrow“ zeichnet ein fatalistisches Bild der Auswirkungen der Naturkatastrophe – Kritik am Konsumverhalten bleibt dem Publikum erspart.

Dabei hatte er es doch kommen sehen: Klimaforscher Jack Hall (Dennis Quaid) versuchte vergeblich die Öffentlichkeit vor der neuen Eiszeit zu warnen.

Was haben „Der weiße Hai“ und „Erin Brockovich“ gemeinsam? In beiden Filmen ist das Böse besiegbar. In Roland Emmerichs „The Day After Tomorrow“ dagegen ist die angekündigte Naturkatastrophe so global, dass es sich kaum noch lohnt, dagegen anzukämpfen: Die von Menschen gemachte Erwärmung der Erdatmosphäre löst eine neue Eiszeit aus, welche die gesamte Nordhemisphäre trifft.

Der Film ist deswegen aber noch längst kein Exemplar globalisierenden Humanismus‘. Während die ersten Szenen auf ein breiter angelegtes Szenario hindeuten, verengt sich die Sichtweise sehr schnell auf Nordamerika: Die USA werden zum Schauplatz einer Wetterkatastrophe, die nur der Vorläufer einer neuen Eiszeit ist. Europa ist – wie nett – eine Meldung am Rande wert: Der Kontinent ist unter einer fünf Meter hohen Schneeschicht begraben. Wie sich die Katastrophe in Asien abspielt, erfahren wir erst gar nicht. Im Zentrum des Geschehens stehen die Zerstörungen durch Extrem-Graupel, Tornados und Stürme in Hollywood, Los Angeles und vor allem New York.

Produziert nach dem 11. September, schockiert der Film vor allem durch die Szenen, die sich in dieser Stadt abspielen: Vögel, die die Stadt verlassen, Sturmflut in den Straßen von New York, Wolkenkratzer, deren Fenster vor Kälte zerbersten, und schließlich ein Schneesturm, in dem ganz New York versinkt. Die Analogie zwischen Eissturm in New York und Terrorismusschlag gegen die Twin Towers ist also überdeutlich, aber eigentlich nicht nachvollziehbar. Soll hier etwa das Phänomen des kriegerischen Islamismus mit dem einer Naturkatastrophe gleichgesetzt werden, die Amerika in seiner Gesamtheit zerstören wird? Dienen beide nur als Bestrafung für westliche Dekadenz? Vielleicht ging es dem Regisseur Roland Emmerich tatsächlich um das ausgelöste Gefühl kollektiver Machtlosigkeit, einziger gemeinsamer Nenner zwischen realer Attacke und fiktiver Bedrohung.

Die Frage ist jedoch, ob der Regisseur mit seinem ungewohnt fatalistischen Film überhaupt tiefschürfende politische Aussagen machen wollte. Kritik am Konsumverhalten, das doch laut Darstellung zur Katastrophe geführt hat, ist unnötig, denn Schuld tragen die politisch Verantwortlichen, verkörpert durch einen uneinsichtigen US-Vizepräsidenten.

Im Mittelpunkt des eisigen Geschehens steht jedoch ein recht banales Beziehungsdrama: Ein Wissenschaftler (Dennis Quaid), der alles hat kommen sehen, will seinen Sohn (Jake Gyllenhaal) aus New York herausretten, weil er nach jahrelangem Versagen in seiner Vaterrolle zumindest einmal sein Versprechen halten möchte. Und ab der zweiten Filmhälfte ist es aber vor allem die filmische Darstellung der Naturkatastrophen, die jegliche politische und zwischenmenschliche Subtilität im Schneegestöber begräbt. Dabei gelingt es Emmerich nicht einmal, damit dauerhaft Spannung aufzubauen: Das Wetter als Hauptdarsteller ist halt nicht besonders sexy. So bleibt ihm nichts anderes, als katastrophenmäßig immer noch eins draufzulegen, bis schließlich die Hälfte der USA unter Eis verschwindet. Da ist es fast schon ein Happy End, wenn in New York eine Handvoll Menschen überleben. Der einzig politische Moment der Story – die spannende Frage, wie sich eine durch eine solche Katastrophe entfachte Fluchtbewegung von Millionen an Wohlstand gewöhnten Menschen Richtung Süden auswirken würde – wird lediglich gestreift.

Immerhin: Trotz der mageren Story und mittelmäßigen schauspielerischen Leistungen bleibt es ein Verdienst des Films, die Sorglosigkeit in Frage zu stellen, welche die (westliche) Welt gegenüber den klimatischen Veränderungen und anderen menschenbedingten Einschnitten ins Ökosystem an den Tag legt. Das Verdrängungsprinzip herrscht: Keine neue Erkenntnis, aber einzig nachhaltiger Wert des Films.

Im Utopolis in Luxemburg, im Kinosch in Esch/Alzette und im Prabbeli in Wiltz.


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