MIKE NICHOLS: Es ist Krieg

In „Closer“ widmet sich Regieveteran
Mike Nichols erneut dem Geschlechterkampf. Der Film macht vor (Seelen-)Striptease nicht halt – und bleibt trotzdem an der Oberfläche.

Zwangspause in Sachen Zahnpasta-Lächeln: Julia Roberts (mit Jude Law) macht auf ernst.

Kein „Englishman in New York“, sondern eine New Yorkerin, die in London auf die Liebe ihres Lebens trifft. Das ist die vordergründige Geschichte, welche die Theateradaption von Starregisseur Mike Nichols („Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, „Die Reifeprüfung“) erzählt. Die andere aber handelt von den psychologischen und kommunikativen Wirrungen der Liebe und dem Schmerz, den Menschen einander unter Berufung auf Amors Pfeil zufügen können. Der Plot beruht auf Patrick Marbers erfolgreichem Bühnendrama und ist schnell erzählt. Die Stripperin Alice (Natalie Portman) aus New York verliebt sich in den erfolglosen Londoner Schriftsteller Dan (Jude Law), der wiederum ein Jahr darauf der erfolgreichen Fotografin Anna (Julia Roberts) begegnet und erneut Feuer fängt. Als diese sein Werben aus Rücksicht auf Alice zunächst ablehnt, arrangiert der Gekränkte ein Treffen zwischen Anna und dem Dermatologen Larry (Clive Owen). Entgegen Dans Absicht verlieben sich die zwei und heiraten. Doch Dan kann Anna nicht vergessen. Bald darauf treffen sich die beiden heimlich – bis ihre PartnerInnen von dem Betrug erfahren.

Das Beziehungsquartett ist Ausgangspunkt für einen schonungslosen Kampf um Liebe und Wahrheit – oder das, was manche Männer und Frauen dafür halten. Männer seien die größeren Lügner, „weil sie immer vom Trieb geleitet werden, mit anderen Männern konkurrieren müssen“. Dieser Satz vom 74-jährigen Regisseur Mike Nichols ist offensichtlich die Handlungsmaxime der männlichen Protagonisten in der Versuchsanordnung.

Larry (überzeugend unsympathisch gespielt von Clive Owen) ist ein erfolgreicher, aber schmieriger Gockel, für den Frauen offenbar lediglich Sammelobjekte zur Selbstbefriedigung sind statt Menschen mit eigenen Gefühlen. Als Larry, der gerade von einem Seitensprung mit einer Prostituierten zurückkehrt, von der Affäre seiner Frau erfährt, ist er außer sich. Ihn interessiert aber weniger, warum ihn seine Frau betrogen hat, sondern was genau sie an dem Nebenbuhler so reizt. (Männliche) Selbstkritik kommt nicht vor – stattdessen geht es um Macht und Manipulation. Sowohl Larry als auch Dan verlieren sich – jeder auf seine Weise – und ihre Partnerinnen im rücksichtlosen Bestreben nach Besitznahme.

Obwohl es in dem Drama fast die ganze Zeit um Sex geht, wird darüber in erster Linie geredet. Die Sprache ist dabei Kampfinstrument und Ohnmachtsbekundung zugleich. „Wie schmeckt sein Samen?“, brüllt Larry rasend vor Eifersucht. „Wie deiner, nur süßer“, bellt Anna, nicht minder verletzt, zurück. Da hilft es nichts, dass die von Dan verlassene Stripperin Alice beschwörend erklärt: „Das ist kein Krieg.“ Larry, der sie im Stripperclub aufsucht und sie zur gemeinschaftlichen Rache aufstacheln will, hat dafür nur ein zynisches Lachen übrig. Vielleicht ist es das, was den Film trotz aller szenischer Intensität und sprachlicher Freizügigkeit seltsam oberflächlich erscheinen lässt: Die Frauen reagieren in dem Bäumchen-wechsle-dich-Reigen lediglich auf ihre Partner. Sie lassen sich manipulieren und erdulden (fast) bis zum Schluss die Rachegelüste ihrer gekränkten Geliebten. Sie sind zwar keineswegs die besseren Menschen und am Lügen und Betrügen ebenfalls kräftig beteiligt. Über ihre Motive erfährt das Publikum allerdings wenig. Da nützt es auch nichts, dass Julia Roberts sich offenbar eine Zwangspause in Sachen Zahnpasta-Lächeln verordnet hat und nun die Ernsthafte mimt. Tritt sie als Anna am Anfang noch sehr selbstsicher und emanzipiert gegenüber den Männern auf, lässt sie sich in einer späteren Szene von Larry zum Sex erpressen. Ist das weiblicher Masochismus oder die kalkulierte Aktion einer von bösen Männern völlig Desillusionierten? Natalie Portman als Alice wirkt mit ihrem romantischen Glauben an die ewige Liebe indes zu naiv und unversehrt, um
als Stripperin wirklich zu überzeugen.

So bleibt am Ende ein Gefühl der Leere und der Ungläubigkeit zurück. Sind die Verhaltensweisen der Protagonisten tatsächlich schlüssig, gar exemplarisch – oder handelt es sich bei den Kämpfenden, eventuell mit Ausnahme von Alice, nicht um besonders hedonistische Exemplare einer egomanen Yuppiegeneration? Vielleicht hätte Nichols sich seinen Titel mehr zu Herzen nehmen müssen und vor allem seinen weiblichen Protagonisten ein wenig „closer“ rücken sollen.


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