MIKE NICHOLS: Es ist Krieg

von | 21.01.2005

In „Closer“ widmet sich Regieveteran
Mike Nichols erneut dem Geschlechterkampf. Der Film macht vor (Seelen-)Striptease nicht halt – und bleibt trotzdem an der Oberfläche.

Zwangspause in Sachen Zahnpasta-Lächeln: Julia Roberts (mit Jude Law) macht auf ernst.

Kein „Englishman in New York“, sondern eine New Yorkerin, die in London auf die Liebe ihres Lebens trifft. Das ist die vordergrĂĽndige Geschichte, welche die Theateradaption von Starregisseur Mike Nichols („Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, „Die ReifeprĂĽfung“) erzählt. Die andere aber handelt von den psychologischen und kommunikativen Wirrungen der Liebe und dem Schmerz, den Menschen einander unter Berufung auf Amors Pfeil zufĂĽgen können. Der Plot beruht auf Patrick Marbers erfolgreichem BĂĽhnendrama und ist schnell erzählt. Die Stripperin Alice (Natalie Portman) aus New York verliebt sich in den erfolglosen Londoner Schriftsteller Dan (Jude Law), der wiederum ein Jahr darauf der erfolgreichen Fotografin Anna (Julia Roberts) begegnet und erneut Feuer fängt. Als diese sein Werben aus RĂĽcksicht auf Alice zunächst ablehnt, arrangiert der Gekränkte ein Treffen zwischen Anna und dem Dermatologen Larry (Clive Owen). Entgegen Dans Absicht verlieben sich die zwei und heiraten. Doch Dan kann Anna nicht vergessen. Bald darauf treffen sich die beiden heimlich – bis ihre PartnerInnen von dem Betrug erfahren.

Das Beziehungsquartett ist Ausgangspunkt fĂĽr einen schonungslosen Kampf um Liebe und Wahrheit – oder das, was manche Männer und Frauen dafĂĽr halten. Männer seien die größeren LĂĽgner, „weil sie immer vom Trieb geleitet werden, mit anderen Männern konkurrieren mĂĽssen“. Dieser Satz vom 74-jährigen Regisseur Mike Nichols ist offensichtlich die Handlungsmaxime der männlichen Protagonisten in der Versuchsanordnung.

Larry (ĂĽberzeugend unsympathisch gespielt von Clive Owen) ist ein erfolgreicher, aber schmieriger Gockel, fĂĽr den Frauen offenbar lediglich Sammelobjekte zur Selbstbefriedigung sind statt Menschen mit eigenen GefĂĽhlen. Als Larry, der gerade von einem Seitensprung mit einer Prostituierten zurĂĽckkehrt, von der Affäre seiner Frau erfährt, ist er auĂźer sich. Ihn interessiert aber weniger, warum ihn seine Frau betrogen hat, sondern was genau sie an dem Nebenbuhler so reizt. (Männliche) Selbstkritik kommt nicht vor – stattdessen geht es um Macht und Manipulation. Sowohl Larry als auch Dan verlieren sich – jeder auf seine Weise – und ihre Partnerinnen im rĂĽcksichtlosen Bestreben nach Besitznahme.

Obwohl es in dem Drama fast die ganze Zeit um Sex geht, wird darĂĽber in erster Linie geredet. Die Sprache ist dabei Kampfinstrument und Ohnmachtsbekundung zugleich. „Wie schmeckt sein Samen?“, brĂĽllt Larry rasend vor Eifersucht. „Wie deiner, nur sĂĽĂźer“, bellt Anna, nicht minder verletzt, zurĂĽck. Da hilft es nichts, dass die von Dan verlassene Stripperin Alice beschwörend erklärt: „Das ist kein Krieg.“ Larry, der sie im Stripperclub aufsucht und sie zur gemeinschaftlichen Rache aufstacheln will, hat dafĂĽr nur ein zynisches Lachen ĂĽbrig. Vielleicht ist es das, was den Film trotz aller szenischer Intensität und sprachlicher FreizĂĽgigkeit seltsam oberflächlich erscheinen lässt: Die Frauen reagieren in dem Bäumchen-wechsle-dich-Reigen lediglich auf ihre Partner. Sie lassen sich manipulieren und erdulden (fast) bis zum Schluss die RachegelĂĽste ihrer gekränkten Geliebten. Sie sind zwar keineswegs die besseren Menschen und am LĂĽgen und BetrĂĽgen ebenfalls kräftig beteiligt. Ăśber ihre Motive erfährt das Publikum allerdings wenig. Da nĂĽtzt es auch nichts, dass Julia Roberts sich offenbar eine Zwangspause in Sachen Zahnpasta-Lächeln verordnet hat und nun die Ernsthafte mimt. Tritt sie als Anna am Anfang noch sehr selbstsicher und emanzipiert gegenĂĽber den Männern auf, lässt sie sich in einer späteren Szene von Larry zum Sex erpressen. Ist das weiblicher Masochismus oder die kalkulierte Aktion einer von bösen Männern völlig Desillusionierten? Natalie Portman als Alice wirkt mit ihrem romantischen Glauben an die ewige Liebe indes zu naiv und unversehrt, um
als Stripperin wirklich zu ĂĽberzeugen.

So bleibt am Ende ein GefĂĽhl der Leere und der Ungläubigkeit zurĂĽck. Sind die Verhaltensweisen der Protagonisten tatsächlich schlĂĽssig, gar exemplarisch – oder handelt es sich bei den Kämpfenden, eventuell mit Ausnahme von Alice, nicht um besonders hedonistische Exemplare einer egomanen Yuppiegeneration? Vielleicht hätte Nichols sich seinen Titel mehr zu Herzen nehmen mĂĽssen und vor allem seinen weiblichen Protagonisten ein wenig „closer“ rĂĽcken sollen.

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