ABU-ASSAD: Paradise Now

Der preisgekrönte Film „Paradise Now“ zeigt zwei palästinensische Selbstmordattentäter auf ihrem Weg nach Tel Aviv.

Bei Khaled und Said liegen die Nerven blank.

In Nablus, einer palästinensischen Enklave im Westjordanland, versuchen die beiden Freunde Khaled (Ali Suliman) und Said (Kais Nashef), über die Runden zu kommen. Das Leben in der abgeriegelten Stadt bietet kaum Abwechslung – und berufliche Perspektiven erst recht nicht. Für ein paar Schekel jobben sie in einer Autowerkstatt, nach getaner Arbeit ziehen sie an der Wasserpfeife und hängen in einem Café ab. Als Suha (Lubna Azabal), die wohlhabende und kosmopolitische Tochter eines gefeierten Märtyrers, nach einem längeren Auslandsaufenthalt nach Nablus zurückkehrt und ihren Wagen aus der Autowerkstatt abholt, bahnt sich zwischen ihr und Said eine Liebesgeschichte an.

Doch das Geschehen kippt schlagartig, als Said von Jamal (Arner Hlehel), dem Chefideologen einer nicht näher benannten Untergrundorganisation, abgepasst wird: Khaled und Said sind auserwählt worden, einen Selbstmordanschlag in Tel Aviv zu verüben, um gefallene Widerstandskämpfer zu rächen. Am nächsten Morgen werden ihnen zwecks Tarnung die Bärte abrasiert. Unter ihren dunklen Anzügen tragen sie Sprengstoffgürtel, die sie nicht selbst abnehmen können, ohne die Zündung auszulösen. Vom redegewandten Jamal werden sie auf ihren Auftrag eingeschworen: So viele Israelis wie möglich sollen sie mit in den Tod reißen. Um das Wohl ihrer Familien wird man sich kümmern. Und sie selbst werden zwei Engel ins Paradies tragen. Doch der erste Versuch, durch den Grenzzaun in israelisches Gebiet einzudringen, schlägt fehl: Die beiden Palästinenser müssen sich zurückziehen und verlieren sich bei der Flucht vor israelischem Gewehrfeuer aus den Augen. Während sie in Nablus nacheinander suchen, haben beide Zeit, über den Sinn der Operation nachzudenken …

„Paradise Now“ gewährt westlichen Kinogängern Einblicke in eine Welt, die ihnen sonst verschlossen bleibt, weil sie in den Nachrichtenblocks, die unser Bild der Palästinenser zementieren, keinen Platz findet. Man kennt die Bilder von fanatisierten Menschenmassen, die mit Flaggen bedeckte Särge durch enge Gassen tragen, mit Kalaschnikows in die Luft ballern, Davidsterne verbrennen und Hassparolen schreien. Hany Abu-Assads Film hat das große Verdienst, ein menschlicheres Portrait von den Palästinensern zu zeichnen und ihre Lebensbedingungen in den besetzten Gebieten differenzierter darzustellen: Said und Khaled sind zwei normale Mitzwanziger, die sich mit armseligen Jobs über Wasser halten, an der Eintönigkeit ihres Alltags leiden und sich nach einem besseren Leben sehnen, das ihnen jedoch durch die Besatzung versperrt wird. Ihre Sehnsüchte und Frustrationen sind nachvollziehbar, der Mut und die Lebensfreude, die sich in ihrer tiefen Freundschaft zeigen, machen sie sympathisch.

Differenziertes Portrait

Auf die Frage, welche Motive Selbstmordattentäter bewegen, gibt Abu-Assad zu Recht keine eindeutige Antwort. Nur selten beziehen die Charaktere so explizit Stellung, wie Said in seinem Schlussplädoyer. Meistens sieht man nur ihre angespannten Gesichter, sieht wie angestrengtes Denken sie zermürbt. Was genau in ihren Köpfen vorgeht, muss der Zuschauer selbst anhand der vom Regisseur gestreuten Hinweise rekonstruieren. Eine vereinfachende Botschaft gönnt uns Abu-Assad nicht: Said und Khaled treffen unterschiedliche Entscheidungen und auch die Motive eines jeden einzelnen bleiben vieldeutig. Lebensbejahung und Freundschaft scheinen Khaled mehr zu bewegen als die Hoffnung auf einen unblutig geführten Freiheitskampf, als er Said bittet, die Aktion abzublasen. Besonders verstörend wirkt Saids unerwartete Entschlossenheit. Während gerade er als der Nachdenklichere von beiden anfangs noch zweifelt, festigt sich sein Entschluss im weiteren Verlauf. Hoffnungen auf ein positives oder gar romantisches Ende, vom Regisseur geschickt in Aussicht gestellt, werden enttäuscht, so dass ein besonders bitterer Nachgeschmack zurückbleibt.

Bei der diesjährigen Berlinale erhielt „Paradise Now“ gleich drei Auszeichnungen: den Publikumspreis, den Preis des besten europäischen Films und eine Auszeichnung von Amnesty International. Trotzdem stieß der Film nicht auf ungeteilten Zuspruch. Gerade im deutschsprachigen Raum, in dem sehr sensibel auf Antisemitismusverdacht reagiert wird, wurden Stimmen laut, die dem Film Einseitigkeit oder gar Verherrlichung von Selbstmordattentätern vorwarfen. Auch wenn viele Kritiken überzogen waren (stellenweise sehr interessante, wenn auch äußerst polemische Verrisse unter www.juedische.at), lässt sich nicht leugnen, dass manche Szenen nicht bedenkenlos geschluckt werden dürfen.

Palästinensische Propaganda?

Vor allem die Schlussszene, in der Said sich in einem Bus in die Luft sprengt, wirft Fragen auf. Die Detonation selbst wird nicht dargestellt. Said sitzt im Bus, umgeben von arglosen Israelis, die Kamera zoomt sein Gesicht heran, bis man nur noch seine Augen sieht. Dann wird der Bildschirm weiß. Dass der Film in dem Moment abbricht, in dem das Leiden der israelischen Bombenopfer beginnt, lässt sich dramaturgisch leicht motivieren: Der Film zeigt uns die Sicht des Attentäters und für den ist die Story hier nun mal vorbei. Und doch muss gesagt werden, was der Film ausdrücklich nicht zeigt: verstümmelte Körper, Krankenwagen, weinende Angehörige. Vor allem fällt auf, dass die meistens Israelis im Bus Soldaten sind. Welchen Eindruck soll der Film dadurch vermitteln? Wirbt er um das Verständnis der Zuschauer, indem er suggeriert, dass Attentate nicht primär der Zivilbevölkerung gelten?

„Paradise Now“ ist kein überparteiischer Film. Die Sympathie des Regisseurs gilt ausdrücklich dem eigenen Volk, dessen miserable Lebensbedingungen und verzweifelten Kampf er dokumentieren will. Israelis kommen nur als Soldaten und Siedler vor. Kritik von Israelis an der eigenen Regierung wird ebenso ausgeblendet wie das Leiden israelischer Terroropfer. Aus seiner Parteinahme macht Abu-Assad allerdings auch keinen Hehl. Er will nicht versöhnlich stimmen, sondern dem verkürzten Bild palästinensischer Seelenlage ein differenzierteres entgegenstellen.

Im Utopia


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