KINO: Systemkritik à la Hollywood

In den USA hat Crash, ein Film über Rassismus in Los Angeles, das Publikum polarisiert. Seine Wirkung verdankt er der schonungslosen Darstellung von Gewalt.

Officer Ryan (Matt Dillan) macht ausnahmsweise seinen Job.

Der Film beginnt mit einem Crash. Der Autounfall ist nur die erste einer langen Reihe von brutalen Kollisionen, bei denen EinwohnerInnen von Los Angeles – Angehörige verschiedener Ethnien und sozialer Schichten – aufeinander prallen und einander anbrüllen, demütigen oder erschießen. Mit vorgehaltener Waffe überfallen zwei schwarze Gangster den Staatsanwalt Rick Cabot und seine Frau. Wütend und verängstigt igelt sich diese in ihrer Luxusvilla ein und lässt ihren Frust an ihrer mexikanischen Haushaltshilfe aus. Ein schwarzes, mittelständisches Paar wird ebenfalls überfallen – allerdings von weißen Polizisten, die ihre Macht missbrauchen, um die Frau vor den Augen ihres hilflosen Gatten zu befingern. Der Vergewaltiger in Uniform muss seinerseits mit ansehen, wie eine afro-amerikanische Angestellte der Krankenkasse sich weigert, seinem schwerkranken Vater die amtliche Bescheinigung auszustellen, die dieser braucht, um sich von einem kompetenteren Arzt untersuchen zu lassen.

Dem Regisseur Paul Haggis gelingt es, diese und noch andere Erzählstränge zu verbinden, indem er unterschiedliche Personen mehr oder weniger zufällig aufeinander treffen lässt. Zusammengehalten wird das Ganze durch die arg überstrapazierte Metapher der Kollision und durch die Rassismus-Thematik, die in jeder einzelnen Szene präsent ist.

Haggis erhebt den Anspruch, ein schonungsloses Porträt der amerikanischen Gesellschaft zu zeichnen. Die überzogene Darstellung von Gewalt wirkt sich jedoch kontraproduktiv auf das kritische Potenzial aus, das der Film durchaus hat. Dadurch, dass es im ganzen Film keine Szene ohne latente oder offene Gewalt gibt, wirkt das Bild, das Crash vom Leben in Los Angeles vermittelt, nicht realistisch: Laut Crash regiert in LA uneingeschränkt das Gesetz des Stärkeren. Jeder läuft Gefahr überfallen zu werden. Anstatt die Bürger zu schützen, terrorisiert die Polizei die ethnischen Minderheiten, die über keine legalen Mittel verfügen sich zu wehren. Opfer von Gewalttaten denken nicht einmal daran, sich an die Staatsgewalt zu richten, sondern greifen ganz selbstverständlich zur Selbstjustiz. Die Revolver sitzen dermaßen locker, dass ein falsches Wort oder eine zweideutige Geste Schießereien auslösten. Indem Haggis eindeutig auf Schockeffekte setzt, verliert Crash an Glaubhaftigkeit. Der Regisseur verfehlt das Genre: Während er seinen Film als gesellschaftskritische Diagnose verkaufen will, produziert er apokalyptische Science-fiction.

In puncto Ästhetik gehorcht der Film den bekannten Vorgaben aus Hollywood. Eindringliche Großaufnahmen werden aneinander gereiht und mit gefühlsbeladener Musik untermalt. Die schockierenden Bilder lassen keine Distanz und keine Überlegung zu. Nachdenklichkeit, Selbstironie und Subtilität sucht man ver
gebens.

Immerhin winkt am Schluss kein Happy-End. Dennoch wird geweint, man umarmt sich über ethnische und soziale Grenzen hinweg und sagt einander, dass man sich liebt. Anstatt nahe zu legen, dass gesellschaftliche Probleme nach gesellschaftlichen Lösungen rufen, wird das amerikanische Zusammengehörigkeitsgefühl beschworen. Anstatt zu fragen, inwiefern fehlgeleitete Stadtplanung, die Verbreitung von Schusswaffen, von den Medien geschürtes Angstempfinden, ein Mangel an sozialen Sicherheitssystemen und ein auf Wettbewerb und Leistungssteigerung ausgerichtetes Weltbild zu Rassismus beitragen, verkündet der Film die originelle Botschaft, dass böse Menschen auch ein wenig gut sein können und gute Menschen manchmal auch ein bisschen böse. Zur Erkenntnis, dass gesellschaftliche Formen, die den Einzelnen weniger unter Druck setzen, möglich und wünschenswert sind, reicht es nicht.


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