FRANCOIS OZON: Abschied vom Leben

In „Le temps qui reste“ begleitet François Ozon einen sterbenden Modefotografen zum letzten Sonnenbad.

Dem Ende nah, ohne sich selbst zu verraten: Melvil Poupaud in „Le temps qui reste“.

Romain, ein schwuler Modefotograf um die 30, führt ein hedonistisches, hektisches Leben zwischen internationalen Fototerminen und Koksparties. Bis er während einem Shooting umkippt. Der ärztliche Befund lässt keine Hoffnung : Romain leidet an Krebs im Endstadium. Die Chemotherapie, die ihn ohnehin nur durch ein Wunder heilen könnte, schlägt Romain aus. Ihm bleiben drei Monate, vielleicht nur einer.

In seinem neusten Film „Le temps qui reste“, der in Cannes unter der Rubrik „Un certain regard“ lief, geht es Kultregisseur François Ozon nicht darum, den Tod eines außergewöhnlichen Menschen zu zeigen. Romain (Melvil Poupaud) ist weder ein Held, noch ein menschliches Wrack. Er ist ein normaler Mensch, der mit einer furchtbaren, aber unabänderlichen Situation fertig werden muss. Romain gibt zu, dass er kein netter Typ ist. Seinen Liebsten verheimlicht er seine Krankheit, obwohl er weiß, dass sie nach seinem Tod an Schuldgefühlen leiden werden. Er verspürt auch nicht das Bedürfnis, sich mit seinen Eltern zu versöhnen – weder mit seiner Mutter, deren Fürsorge er abblockt, noch mit seinem Vater, dessen Verschlossenheit ihn frustriert. Denn mehr als den Tod selbst fürchtet Romain das Mitleid seines Umfeldes und den Verlust der Kontrolle über sein eigenes Leben. Nur seiner Großmutter (wunderbar interpretiert von Jeanne Moreau) vertraut er sich an. Weil auch sie bald sterben wird.

Romain bäumt sich nicht gegen die Krankheit auf: Von Anfang an ist ihm klar, dass er keine Chance hat. Auch wenn er mit seiner Digitalkamera sein Umfeld abknipst, so tut er dies nicht, um durch die Kunst der Vergänglichkeit ein paar Eindrücke zu entreißen. Im reflexartigen, unüberlegten Ablichten lebt lediglich ein Rest der alten Vorstellung weiter, etwas schaffen zu müssen, was über das eigene Leben hinaus Bestand hat. Aber eben dieser Wunsch macht für einen Narziss wie Romain keinen Sinn mehr.

Seinen Freund stößt er ebenso von sich wie seine Familie, um sich einen Freiraum zu schaffen, in dem er allein sterben kann. Damit niemand sieht, wie er zusehends schwächer wird. Die Momente, in denen Ozon das körperliche Leiden seines Protagonisten in den Vordergrund stellt, sind rar. Ozon zeigt den physischen Verfall so, wie Romain es sich selbst wünschen würde. In ruhigen Einstellungen, ohne Sentimentalität, aber ästhetisch und stilsicher bis zuletzt. Als Romain gegen Ende des Films, abgemagert und mit kurz geschorenen Haaren, zum Sterben an den Badestrand geht, wirkt er wie ein buddhistischer Asket, der der Welt freiwillig entsagt. Hinter der Stilisierung, in der das Hässliche des Todes nur am Rand vorkommt, schimmert unsere größte Angst durch: Dass wir so nicht sterben wollen. Dass wir uns in einem Krankenhausbett noch einmal die Windeln vollkacken, bevor man uns gehen lässt.

Nicht die fortschreitende Krankheit interessiert Ozon, sondern die psychischen Stadien, die Romain durchläuft: Wut, Fassungslosigkeit, Trauer, bis er sich schließlich seinem Schicksal fügt. Von Ingmar Bergmans ¬Wilde Erdbeeren« (1957) – dessen berühmte Waldszene er zitiert – hat Ozon die Idee entlehnt, die Hauptfigur in Rückblenden die eigene Vergangenheit noch einmal erleben zu lassen. Doch anders als Bergmans Isak Borg, der im Alter bitter und schroff wird, durchläuft Romain keinen Läuterungsprozess. Die Konfrontation mit seiner Vergangenheit führt bei ihm nicht zum Schluss, falsch und ohne zwischenmenschliche Wärme gelebt zu haben. Romain bleibt narzisstisch, und das ist auch in Ordnung. Wieso sich ändern, nur weil man gleich sterben wird? Wieso sentimental werden und sich nach einer Nähe sehnen, die man nie vermisst hat?

Seinen Frieden schließt Romain nur mit sich selbst. Als er gegen Ende des Films dem Kind, das er selbst einmal war, einen Ball zurückspielt, fügt sich sein Leben zu einem Ganzen, das er so stehen lassen kann. Nur das zählt.


Cet article vous a plu ?
Nous offrons gratuitement nos articles avec leur regard résolument écologique, féministe et progressif sur le monde. Sans pub ni offre premium ou paywall. Nous avons en effet la conviction que l’accès à l’information doit rester libre. Afin de pouvoir garantir qu’à l’avenir nos articles seront accessibles à quiconque s’y intéresse, nous avons besoin de votre soutien – à travers un abonnement ou un don : woxx.lu/support.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Wir stellen unsere Artikel mit unserem einzigartigen, ökologischen, feministischen, gesellschaftskritischen und linkem Blick auf die Welt allen kostenlos zur Verfügung – ohne Werbung, ohne „Plus“-, „Premium“-Angebot oder eine Paywall. Denn wir sind der Meinung, dass der Zugang zu Informationen frei sein sollte. Um das auch in Zukunft gewährleisten zu können, benötigen wir Ihre Unterstützung; mit einem Abonnement oder einer Spende: woxx.lu/support.
Tagged , .Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Kommentare sind geschlossen.