KINO: Pop goes Politik

Halb Zorro, halb Bakunin: In „V for Vendetta“ macht ein vermummter Superheld Jagd auf
seine Erzfeinde und ein faschistisches Regime.

Rebel without a cause: In „V for Vendetta“ unterliegt die Theorie der brutalen Praxis.

Halb Zorro, halb Bakunin: In „V for Vendetta“ macht ein vermummter Superheld Jagd auf seine Erzfeinde und ein faschistisches Regime.

„Ein kontroverser Film in einer Zeit voller Kontroversen. Er wird die Menschen zum Nachdenken bringen.“ Produzent Joel Silver war sich der Dringlichkeit seiner Mission bewusst, als er „V for Vendetta“ auf der Berlinale vorstellte. Und, behandelt der Streifen nicht wirklich Themen, die uns auf den Nägeln brennen? Folterskandale, Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten, Manipulation durch Neocons und gleichgeschaltete Medien, Angst vor Terroranschlägen und Vogelgrippe? Und provoziert er nicht mit seiner politisch unkorrekten Legitimierung terroristischer Gewalt? Ist der Terrorist des einen etwa der Freiheitskämpfer des anderen? Zumindest vordergründig gibt sich „V for Vendetta“ als gewagte Reflektion über gegenwärtige Bedrohungen, die ins düstere London des Jahres 2020 projiziert werden.

Unter der Führung des Diktators Sutler (John Hurt mit klassischem Hitlerscheitel) hat sich das Vereinigte Königreich zu einem faschistischen Polizeistaat entwickelt. Während die Bevölkerung über Riesenbildschirme indoktriniert wird, landen Angehörige ethnischer und sexueller Minderheiten in Konzentrationslagern und werden bei der Entwicklung von Biowaffen als Versuchskaninchen missbraucht. Bei einem Brand entkommt jedoch eine der Testpersonen und macht Jagd auf die Folterknechte in Weiß und das hinter ihnen stehende Regime. Sein entstelltes Gesicht versteckt der mysteriöse Rächer hinter einer grinsenden Maske, seinen Namen verbirgt er hinter einem Emblem – einem roten „V“.

Nicht umsonst klingt manches bekannt: Dem Film liegt die gleichnamige Comicserie aus den Achtzigern zugrunde, deren Autoren John Lloyd und Alan Moore sich ihrerseits von George Orwells „1984“ inspirieren ließen. Moore hat sich inzwischen von der Verfilmung distanziert, da diese – seiner Ansicht nach – die moralisch ambivalente Figur des maskierten Rächers völlig undifferenziert zum Helden umwertet. Mit dem visionären Scharfsinn und politischen Bewusstsein eines George Orwell haben Regisseur James McTeigue und die an der Produktion beteiligten Wachovski-Brüder ohnehin nicht viel am Hut. Für Orwell war die Kunstform dystopischer, also anti-utopischer, Fiktion kein Selbstzweck. Er bediente sich ihrer, um Kriegserlebnisse greifbar darzustellen und seinen Lesern die Mechanismen real existierender totalitärer Systeme vor Augen zu führen. Dagegen wird das kritische Moment, das „V for Vendetta“ im Ansatz hat, durch die Verlagerung der Problematik in ein völlig unrealistisches Niemandsland abstruser Science-Fiction, entschärft.

Letzten Endes steht hinter der arg überladenen Story bloß das um anarchistisches Gedankengut und allerlei Popkultur angereicherte Leitmotiv der Matrix-Trilogie: Einem messianischen Superhelden obliegt es, die Menschheit von ihrer Verblendung zu befreien und zu ihrem Heil zu führen. Dabei zischen, in Choreographien ungemein ästhetisch inszenierter Gewalt, Kugelschwärme und Messerklingen über die Leinwand. Das blutige Ballet gipfelt in der Apotheose des Helden, der dem feindlichen Kugelhagel standhält und dann alle Gegner virtuos abmurkst.

Gelinde gesagt, ist die Botschaft des Films – Legitimierung terroristischer Gewalt im Interesse einer stummen Masse – nicht nur sehr diskutabel. Sie wird zudem durch die Psychologisierung der Figuren in den Hintergrund gedrängt. Was als Gesellschaftskritik beginnt, endet als sentimentale Romanze, wenn Evey (Natalie Portman mit Märtyrerglatze) in der nach Vergeltung dürstenden Kampfmaschine doch noch menschliche Gefühle weckt.

Anstatt „V for Vendetta“ ernst zu nehmen, tut man besser daran, sich an den vielen Genrezitaten zu berauschen. „Zorro“, „Batman“, „Das Phantom der Oper“, Kubricks „Clockwork Orange“ und Dreyers „Passion der Jeanne d’Arc“: Der Streifen jongliert mit einer Fülle an Bezügen und unterschwelliger Symbolik. Heraus kommt ein postmodernes Spektakel, eine Bilderorgie aus Glamour und Trash. Zum Nachdenken bewegt „V for Vendetta“ damit weniger. Eher zum Schmunzeln.


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