ANDERS-THOMAS JENSEN: Adams Aebler

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Das offenbart das introspektive Seelendrama um einen Pfarrer und einen kriminellen Neonazi.

Es gibt sicher Angenehmeres als einen Neonazi im Haus zu haben.

Stumm und abweisend tritt der Neonazi Adam (Ulrich Thomsen) seinem Bewährungshelfer Pfarrer Ivan (Mads Mikkelsen) entgegen. Obwohl Adam am Liebsten einen großen Bogen um den Geistlichen machen möchte, ist er wohl oder übel dazu verpflichtet erst die ihm auferlegten Sozialstunden abzuarbeiten. Als einschlägig bekannter Neonazi wird er im Rahmen eines Resozialisierungsprogramms aufs Land versetzt.

Pfarrer Ivan stellt seinen Schützlingen frei, welche Aufgabe sie während ihrer Zeit in der Kirchengemeinde bewältigen möchten. Adam, der nicht das geringste Interesse an Sozialarbeit zeigt, hätte sich sein patzig dahingenuscheltes „Kuchenbacken“ besser zweimal überlegen sollen. Was damit beginnt, dass Adam dem Pfarrer ein Schnippchen schlagen möchte, indem er sich ausmalt eine ruhige Kugel auf dem Kirchgut schieben zu dürfen, wandelt sich zum Machtkampf zwischen Gut und Böse. Es wäre auch zu simpel gewesen, wäre der Sträfling mit dem Hegen und Pflegen der Pfarreiäpfel, die er für sein späteres Backwerk verwenden soll, davongekommen. Wie im alten Testament befallen den bis zu Adams Erscheinen stets kerngesunden Apfelbaum, gleich mehrere vernichtende Plagen.

Adam stört das Faulen der Früchte anfangs nur wenig. Für den Ex-Häftling versteckt sich kein göttlicher Wink hinter dem Geschehen und seine Aufgabe einen Kuchen zu backen nimmt er auch nicht so ernst: Bleibt kein Obst mehr übrig, wird er auch keinen Kuchen backen müssen. Ivan jedoch ist davon überzeugt, dass das Sterben der Äpfel ein Appell Gottes an den Menschen ist, dem Bösen zu Widersagen. Der Pfarrer verhält sich wie ein Job des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Durchhalten lautet seine Devise, auch wenn einem alles genommen wird, denn am Ende winkt die göttliche Belohnung. So ignoriert er kategorisch jedes Missgeschick, das ihm in die Quere kommt und hält stillschweigend auch die rechte Wange hin, wenn er schon links geohrfeigt wurde. Eine verständliche Einstellung, muss man doch bedenken, dass er neben den Sträflingen auch noch einen behinderten Sohn in Obhut hat.

Die unterschiedlichen Ansichtsweisen der beiden Hauptcharaktere führen dazu, dass Adam mit brutalster Gewalt versucht Ivans tiefen Glauben an das Gute im Menschen und an das Gottgegebene zu brechen. Er quält den Pfarrer bis zur Bewusstlosigkeit mit Schlägen und spart nicht mit Andeutungen daran, dass Gott ihn eigentlich hasst. Erst scheint es auch als gelänge es Adam Ivans positiven Geisteswillen zu unterbinden. Der Pfarrer beginnt die Behinderung seines Sohnes und die unverändert kriminelle Energie seiner Schützlinge bewusst wahrzunehmen. Er fühlt sich als Versager und fängt an zu zweifeln. Aber der Drehbuchautor wäre nicht Anders Thomes Jensen, wenn der Film so trostlos und einseitig zu Ende ginge. Erst als Ivan vor Gram zu sterben droht, und eine Zeit lang niemand mehr die Leitung über die Kirchgemeinde hat, fängt Adam an, die Zwischenfälle als Besonderheiten zu erleben. Er beginnt zu verstehen, dass Ivan nicht dümmlich naiv die Laster seiner Schützlinge übersieht, sondern jedem die Möglichkeit gibt sich aus eigener Kraft heraus zu ändern. Ob diese Erkenntnis Adam nun dazu bewegt seine Aufgabe zu erfüllen und ob überhaupt noch Äpfel zu diesem Zweck übrig geblieben sind, ist wirklich einen Kinobesuch wert.

Adams Aebler, im Utopia


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