MICHAEL CUNNINGHAM: „It’s not a Biggie“

Zwei Männer, eine Frau, ein Baby. Die viel versprechende Geschichte über eine ungewöhnliche Dreiecksbeziehung von Michael Cunningham ist zu blass und zu dünn inszeniert, um wirklich zu überzeugen.

Unkonventionelle Familie oder konservatives Wertemodell? Sissy Spacek mit Colin Farrell und Robin Wright Penn.

„It’s just love, man“, sagt Hippie Carlton zu Bruder
Bobby, als dieser ihn mit einer Freundin beim Sex überrascht. Es ist das Jahr 1967. Der kleine Bobby aus Cleveland wächst dank großem Bruder und freakigen Eltern ganz im Sinne von Love, Peace und Happiness auf. An einer solchen Pädagogik sind freilich Zweifel angebracht: Würde ein Teenager tatsächlich mit einem Neunjährigen derlei Geheimnisse teilen, und kurz darauf sogar eine Kapsel mit LSD? Da muss man schon ganz schön zugedröhnt sein.

Um derartige Bedenken geht es Regisseur Michael Mayer in „A Home at the End of the World“ nicht. Sein Filmdebüt basiert auf dem Roman von Erfolgsautor Michael Cunningham (The Hours), und auch das Drehbuch stammt von ihm. Seine Geschichte um Hippie-Waisenkind Bobby Morrow ist eben märchenhaft und skurril. Doch vielleicht hätte Cunningham das Schreiben besser erfahrenen Drehbuchautoren überlassen. Denn anders als in seinem 350-seitigen Roman wirkt der Plot auf Zelluloid ziemlich dünn.

Als Bobby im Teenageralter ist, sind seine Familienangehörigen bereits alle tot. Eine neue Familie findet er bei seinem Klassenfreund Jonathan (Harris Allan), dessen Mutter (Sissy Spacek) den charmanten Hippie trotz exzessiven Marihuanakonsums wie einen zweiten Sohn bei sich aufnimmt. Ein paar Jahre später, der erwachsene Jonathan (gespielt von Dallas Roberts) ist längst nach New York gezogen und lebt dort ein ausschweifendes schwules Liebesleben, verlässt auch Bobby auf Drängen seiner Pflegeeltern das heimische Nest. Er zieht zu Jonathan. Dort trifft er dessen charmante und flippige Mitbewohnerin Clare (Robin Wright Penn) und verliebt sich in sie. Und weil Bobby (Colin Farrell) nicht allein sein kann; Clare, die eigentlich Jonathan will, mit Bobby vorlieb nimmt und Jonathan wiederum seine heimliche Jugendliebe Bobby nicht verlassen mag, entsteht eine Dreiecksbeziehung. Als Clare schwanger wird, zieht das Trio sogar gemeinsam aufs Land.

Die Entwicklung finden Sie unglaubwürdig? Genau da liegt das Problem. Familien werden vielleicht durch Schicksalsschläge zerstört, doch mit etwas Mut, einer großen Portion Unkonventionalität und viel Liebe können Menschen neue Lebensformen schaffen. So lautet die zentrale Botschaft des Filmes. Sie trägt aber nicht.

Dafür bleiben Handlung und Charaktere zu sehr an
der Oberfläche. Zahlreiche Nebenstränge, wie Bobbys Flirt mit der Pflegemutter und Jonathans Eifersucht, Clares Gefühle für beide Männer, Jonathans Aids-Krankheit werden ein-, aber nicht ausgeführt. Die Personen bekommen auch im weiteren Verlauf der Handlung keinerlei psychologische Tiefenschärfe. Ihre Motive bleiben im Dunkeln, wirken deshalb unglaubwürdig. Sie erklären sich bestenfalls aus einem romantischen Verständnis von Liebe, das einfach da ist – allen angedeuteten emotionalen Konflikten zum Trotz. Angesichts des ernsthaften Themas – drei Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Begehren auf der Suche nach einem neuen Verständnis von Familie und Freundschaft – ist dies nur ärgerlich. Hat sich der über coole 60er und 70er-Jahre-Songs und ästhetische Punkbilder geschickt aufgebaute Wohlfühlfaktor erst einmal verflüchtigt, kehrt Ernüchterung ein. Das wertkonservative Ende ist absehbar: Jonathan wird sterben, zurück bleiben Bobby, Clare und das Baby – und damit eine Familie, wie sie Amerikas Filmproduzenten am liebsten mögen. Und das soll alles gewesen sein?

Weitaus amüsanter sind da die Hintergründe um eine Szene mit Farrell, die aus der Originalfassung verschwand: Ein splitternackter Farrell kommt aus dem Badezimmer; Frontalansicht. Die Produktionsfirma ließ die unverhüllte Sequenz streichen – angeblich weil der Anblick für das Publikum so ablenkend gewesen sein soll. Das Original gelangte dennoch irgendwie ins Internet, wo begeisterte Fans in Foren sogleich die Größe von Farrells Genital diskutierten. „It’s not a Biggie“, so dagegen der Kommentar eines Unbeeindruckten. Dieselbe Aussage trifft auch auf Michael Mayers Filmdebüt zu.


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