KINO: Der Preis der Kunst

Hoffman glänzt in „Capote“, dem faszinierenden Porträt eines Künstlers, der sein Werk über alles stellt.

Von der hohen Kunst der Selbstzelebration, bis in die Abgründe des Alkoholikerdaseins. Philipp Seymour Hoffmann in „Capote“.

Truman Capote ist bereits als Autor von „Breakfast at Tiffany’s“ bekannt, als ein einspaltiger Artikel in der New York Times seine Aufmerksamkeit zurückhält: In einer Kleinstadt in Kansas wurde eine vierköpfige Familie von unbekannten Einbrechern regelrecht hingerichtet. Die Mörder entkamen mit ihrer Beute – um die fünfzig Dollar. Fasziniert von der Sinnlosigkeit des Massakers reist Capote nach Kansas. Seinem literarischen Ansehen und der geschickten Vermittlung seiner langjährigen Freundin Harper Lee (Catherine Keener) verdankt das exzentrische Genie, das mit seinem tuntigen Auftreten im ländlichen Kansas zunächst auf Ablehnung stößt, seine Kontakte zur einheimischen Bevölkerung. Er verschafft sich Einblick in die polizeilichen Ermittlungen, führt zahllose Interviews mit Betroffenen. Vor allem einer der schließlich gefassten Täter zieht ihn in seinen Bann. Hinter Perry Smiths durchdringenden Augen wittert Capote seine Story.

„Capote“ erzählt den Entstehungsprozess von „In Cold Blood“, dem bahnbrechenden Roman, mit dem Truman Capote die Grenzen zwischen journalistischer Reportage und fiktionaler Erzählung sprengte. Vom relativ unbekannten Bennett Miller behutsam inszeniert, lebt „Capote“ von der schauspielerischen Leistung des Hauptdarstellers, Philip Seymour Hoffman, die völlig zu Recht mit einem Oscar belohnt wurde. Durch Filme wie „Magnolia“ und „Happiness“ als brillanter Nebendarsteller bekannt, beweist Hoffman erstmals, dass er einen Film nahezu im Alleingang tragen kann.

Hoffman zeigt Truman Capote selbst als Schauspieler. Feminin, hypersensibel, hochbegabt und mit einer unmelodiösen, heiseren Babystimme versehen, die ihn unfreiwillig arrogant und unsympathisch erscheinen ließ, sah sich Capote vor die Wahl gestellt, seine Person zurechtzustutzen oder der Welt sein Ego aufzuzwingen. Er entschied sich für Letzteres und inszenierte sich selbst erst als literarische Sensation und Enfant terrible, dann als unumgehbare Größe der New Yorker High Society. Die manieristischen Gesten des homosexuellen Dandys, der seine Zigarette wie einen Seidenfächer zwischen seinen dicklichen Fingern hält, vollführt Hoffman mit einer natürlichen Leichtigkeit, die weit über bloße Nachahmung hinausgeht. Mit Bravour zeigt er die verwischten Übergänge zwischen Capotes Selbstdarstellung und Person und der Unsicherheit, die an den dünnhäutigen Stellen seiner Maske durchschimmert.

Letztere bekommt zusehends Risse, als sich zwischen Capote und dem zum Tode verurteilten Mörder ein verzweifeltes Spiel entwickelt: Während Smith seine Geschichte nur stückweise preisgibt, um sich Capotes Unterstützung im Berufungsverfahren zu sichern, kann Capote seinen Roman erst nach Smiths Hinrichtung beenden. Wie Capote sich zwischen künstlerischer Ambition und Mitleid (oder Zuneigung) entscheiden wird, steht für ihn nie wirklich in Frage. Der Egomane, der sein Werk bereits als Welterfolg feiert, bevor auch nur ein einziges Wort des Romans steht, berauscht sich vielmehr an der eigenen Zerrissenheit. Er gefällt sich in der tragischen Rolle des faustischen Künstlers, der seinem Werk alles opfern muss, selbst die eigene Menschlichkeit. Wider Willen offenbart Capote seine bis ins Absurde reichende Selbstverliebtheit, hinter der die Belange anderer Menschen zurücktreten müssen.

Nach „In Cold Blood“ hat Capote keinen Roman mehr vollendet. War es sein schlechtes Gewissen, das Erschrecken vor der eigenen Skrupellosigkeit, das ihn im Alkohol versinken ließ? Zahlte Capote den Preis dafür, dass er seiner künstlerischen Ambition alles andere unterordnete, wie der Film suggeriert? Das Gleichnis ist zu moralisch und sentimental, um wahr zu sein. Über der Moral steht hier bloss noch ein simpler Fakt: Wohin Capote auch blickte, er sah nur Capote.

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Im Utopia


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