Terrorismus und Kolonialismus: Gedanken über den universellen Wert des Menschenlebens

Die Fernsehbilder waren so beeindruckend, dass die Strassen Luxemburgs fast leer waren an diesem 11. Sept. 2001.

Mit am meisten berührten mich die Aufnahmen der vielen Menschen die vor dem Inferno flüchteten : Gesichter von Menschen aller Ethnien : Sekretärinnen, Angestellte, Passanten…und man ahnte sofort , dass viele andere nie wieder laufen würden. Man ahnte es würde viele unschuldige Opfer geben, eine Katastrophe von Menschenhand verursacht. Und ausnahmsweise fand sie nicht in einem Drittweltland statt, sondern im Zentrum des reichsten und mächtigsten Landes der Erde.

Es dauerte einige Zeit bis sich dann die ersten Politiker zu Worte meldeten. Präsident Bush sprach von “ Krieg gegen Amerika „.Andere westliche Politiker stimmten ihm zu: es sei “ ein Anschlag gegen Die Freiheit, gegen Die Demoratie, ja gegen Die Zivilisation schlechthin „. Es folgte der Aufruf zum “ gemeinsamen Kampf der zivilisierten Welt gegen die Kräfte der Finsternis um den internationalen Terrorismus zu vernichten „Es war die Rede vom “ ersten Krieg des 21. Jahrhunderts „.Ein heiliger Krieg gegen den Terrorismus. Bundeskanzler Schröder war sichtlich froh, dass Herr Putin gewillt war, sich an diesem Feldzug zu beteiligen. Israel war selbstverständlich dabei, anscheinend sogar die Chinesen, die ja auch Probleme haben mit moslemischen Minoritäten , die nach Selbstbestimmung und Freiheit streben…

Die Rhetorik liess mich plötzlich erfrieren. War auf einmal alles so einfach ?Alle Politiker mit Schlips gehörten zur einzigen , umfassenden Zivilisation und alle Terroristen trugen Turban ? Und die “ Kräfte des Guten “ würden ihren Kreuzzug gegen die “ Kräfte des Bösen „in Angriff nehmen ?

Herr Putin erklärt sich also bereit “ gegen den Terrorismus zu kämpfen „. Das hat er doch immer schon gesagt …und getan. Es steigen mir Bilder hoch vom zerstörten Grosny, das in seiner Gesamtheit ausschaut wie die Strassen um das World Trade Centre, eine ehemalige Hauptstadt die von Putins Militär fast von der Landkarte ausradiert wurde. Ich denke an Berichte von Amnesty International oder Human Rights Watch von russischen Konzentationslagern wo Folter auf der Tagesordnung steht mit den Massengräbern gleich nebenan , von Familienmitgliedern die noch zahlen müssen damit man ihnen die Leiche ihres von russischen Soldaten zu Tode gefolterten Sohnes aushändigt . Putin nennt den Präsidenten von Tschetschenien einen Terroristen und möchte ihn liquidieren so wie seinen Vorgänger ; dabei waren beide in demokratischen, von der OECD anerkannten ( !), Wahlen gewählt worden. Wo sind die Terroristen, wo sind die Demokraten ? Die Vereinigten Staaten, ein 600-Millionen Land, hat 5000 Menschen bei dem schrecklichen Anschlag verloren, Tschetschenien, wo vor der Massenflucht 1 Million Menschen lebten, hat 100000 Menschen verloren, dabei allein in Grosny 5000 Kinder. Und es sind keine Fernsehteams dabei , wenn die Uberlebenden versuchen mit ihren Schmerzen zurechtzukommen, es wird ihnen keine psychologische Hilfe angeboten .

Auch der israelische Präsident Scharon stellt sich gerne als Vorposten im Kampf gegen den Terrorismus dar. Mit seiner Genehmigung wurden, allein in den letzten 12 Monaten, 150 palestinänsische Kinder erschossen, auch alles “ Terroristen „, die Steinchen gegen Panzer warfen. Herr Scharon ist Spezialist in Präventivschlägen : seine Jagdbombern und Helikopter amerikanischer Herkunft erschiessen Menschen auf offener Strasse. Das sind auch alles Terroristen , sagt er. Beweise braucht er nicht zu liefern. Dabei kommen auch Frauen und Kinder um, obwohl sie in einem Gebiet leben, in dem Herr Scharon , nach internationalem Recht, gar nichts zu suchen hat. Und trotzdem lässt er immer weitere Siedlungen dort bauen, lässt Häuser und Felder der Dorfbewohner zerstören und raubt ihnen u.a. 80 Prozent ihrer Wasserreserven. Die Menschen müssen dort wie in Ghettos , in grösster Armut und unter ständiger Bedrohung leben. Eigentlich nennt man so etwas Kolonialkrieg, doch Israels Regierung “ bekämpft den Terrorismus „. Sie weiss, auch wenn die Weltgemeinschaft sie fortgehend für ihr Verhalten verurteilt, die USA werden jede Resolution in der UNO mit ihrem Veto blockieren.

Wer vom “ Krieg des Guten gegen das Böse „spricht, identifiziert sich und sein Land mit dem Guten . Der frühere amerikanische Präsident Ronald Reagan teilte eine ähnliche, nicht so besonders nüancierte, Weltsicht. Doch gerade er bekam Probleme mit der amerikanischen Justiz, weil er heimlich illegale Geschäfte mit dem Iran der Ayatollas betrieb und mit dem Geld Terroristen bewaffnete und ausbildete, die dann Attentate auf einfache Bergbauern im Norden Nicaraguas verübten. Es gäbe eine sehr lange Liste ähnlicher Beispiele in der amerikanischen Geschichte.

Das Hauptanliegen westlicher Politik gegenüber moslemischen Ländern ist auch nie Demokratie oder das Wohlergehen der Bevölkerung gewesen. Es ging immer um Profit und Sicherung der Erdölreserven. Im Iran wurde einst das brutale, undemokratische Regime des Schahs unterstützt. Dann, nachdem die Mullahs an die Macht kamen, wurde Hussein im Irak aufgerüstet gegen den Iran. Der Krieg zwischen den beiden Ländern forderte fürchterliche Opfer unter der Zivilbevölkerung. Schliesslich als Iraks Armee so stark war, dass sich Israel bedroht fühlte und nach der Kuweitinvasion, liess die westliche Propaganda Hussein zum leibhaftigen Teufel erklären . Schliesslich wurde seine Armee und seine Wirtschaft von den amerikanischen Militärstrategen und dem “ Desertstorm „-Bündnis aufgerieben. Das Volk litt schrecklich und blutet bis heute, während der Diktator im Amt gelassen wurde. In Afghanistan kamen die Taliban mit amerikanischer und pakistanischer Unterstützung an die Macht, weil die USA sich Zugang zu den Erdölreserven der früheren Sowjetrepubliken verschaffen wollten.(Dem Kommandanten Massud, der Offenheit und Demokratieverständnis zeigte, traute man das nicht zu)

Die aktuelle Rhetorik lässt weiter viel Blutvergiessen befürchten. Ohne Zweifel haben die Amerikaner das Recht die Urheber des Massakers vom 11. September vor Gericht zu bringen und zu bestrafen. Soll jetzt aber ein Krieg als Vergeltung für den Terroranschlag begonnen werden, diesmal getragen von einem Bündnis der “ zivilisierten „, heisst reichen, Länder gegen eines der ärmsten Länder der Erde, ein Volk gebombt und gejagt werden, das seit der brutalen Invasion der Sowjetarmee nicht mehr zur Ruhe kommt ? In den letzten 20 Jahren ist ohnehin schon jeder zehnte Afghane im Krieg gestorben und jeder fünfte musste aus seinem Lande fliehen.Sollen jetzt 6 Millionen Afghanen in Todesangst leben, für eine Person gegen die bisher keine Beweise veröffentlicht wurden. Soll weiter das Blut der Unschuldigen fliessen, diesmal ohne Kameras ? Sollen gefährliche Unruhen in andern islamischen Ländern in Kauf genommen werden, während die Lösung des Palestinakonfliktes, die doch von zentraler Bedeutung wäre, in weite Ferne rückt ?

Ich wünsch mir, dass die europäischen Regierungen trotz der nicht endenwollenden Fernsehbilder und der Kreuzzugrhetorik des amerikanischen Präsidenten (ist er sich bewusst welche Assoziationen das Wort “ Kreuzzug “ bei moslemischen Menschen bewirkt ?) Vernunft bewahren, wie es Premier Jospin formuliert, und nicht den Blick vor planetarischen Zusammenhängen verschliessen. Die westlichen Länder haben gegenüber den Ländern der Dritten Welt genug Blut an den Händen… Es gab ja sehr viele Solidaritätskundgebungen mit den amerikanischen Opfern. Ich habe am letzten Freitag mitgeschwiegen, allerdings indem ich auch den Ruandern, Irakern, Kurden, Tibetern und Vietnamesen gedacht habe, sowie den Millionen unschuldiger Minenopfer in der Dritten Welt (in der Hoffnung , dass die USA doch endlich das Abkommen zu einem weltweiten Verbot von Landminen mitunterzeichnen werden…)


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