CHINA: Nur Verlierer

Die Krise im Tibet macht deutlich, dass im Olympiajahr die Stunde der Wahrheit für das chinesische Regime geschlagen hat.

Seit einer Woche ist die Welt um einen Mythos ärmer: jenen der Gewaltlosigkeit des tibetischen Widerstands. Zwar gibt es keinen stichhaltigen Grund, von einem Gesinnungswandel des Dalai Lama auszugehen. Doch die Berichte über Gewalt auch auf tibetischer Seite, bis hin zu Pogromen gegen Han-Chinesen, scheinen sich zu bestätigen. Das ist nicht erfreulich, aber auch nicht verwunderlich. Im Kosovo waren Ende der 90er-Jahre auch immer mehr Menschen des gewaltlosen – und erfolglosen – Widerstands überdrüssig geworden. Das Kalkül, eine Eskalation und damit eine Internationalisierung des Konflikts herbeizuführen, war von Erfolg gekrönt: Es kam 1999 zu einer militärischen Intervention des Westens mit den bekannten Folgen.

Dass diese Rechnung im Tibet ebenfalls aufgeht, ist unwahrscheinlich. Sogar eine dramatische Verschlimmerung der Situation dürfte kaum zu Reaktionen im Westen führen – schließlich wurden auch Hunderttausende Tote in Tschetschenien stillschweigend hingenommen. Für die politischen, wirtschaftlichen und sportlichen Eliten des Westens zählen die Menschenrechte wenig im Umgang mit bestimmten Staaten. Die chinesische Regierung kann triumphieren, sie hat kaum substanzielle Sanktionen zu befürchten.

Doch ein solcher Sieg könnte China teuer zu stehen kommen. Die Ausrichtung der Olympischen Spiele in diesem Jahr sollte das nach der Unterdrückung der Studentenrevolte 1989 stark lädierte Image des Regimes aufpolieren. Derzeit geschieht das Gegenteil. Unabhängig davon, was man von den tibetanischen Patrioten und ihrer westlichen Fangemeinde hält, das Vorgehen des chinesischen Staates ist schockierend: völlig überzogene Propaganda, Einschüchterungsversuche gegenüber den Medien und der massive Einsatz von Spezialeinheiten, um die Bevölkerung zu terrorisieren. Wie die Prozesse gegen „Randalierer“ verlaufen werden, ist absehbar – nicht zuletzt angesichts der Grundrechtsverletzungen in „normalen“ politischen Prozessen wie jenem gegen den Dissidenten Hu Jia.

Gewiss, dieses harte Durchgreifen dient der Regierung dazu, klar zu machen, wie wichtig ihr die territoriale Integrität Chinas ist. Doch es kann nicht dazu dienen, die Probleme Tibet und Dissidenz im Allgemeinen zu lösen. Nachdem die Regierung die „Ordnung? im Tibet wieder hergestellt hat, könnte sie, ohne ihr Gesicht zu verlieren, den Weg des Dialogs und der Menschenrechte wählen, wie 2001 bei der Vergabe der Olympiade versprochen.

Was wäre die Alternative? Eine Fortsetzung der gewaltsamen Unterdrückung wird nicht reichen, alle kritischen Stimmen zum Verstummen zu bringen. Weitere Krisen werden folgen und zu weiteren Sensibilisierungskampagnen im Westen führen. Auch während der Olympiade werden sich Zwischenfälle nicht vermeiden lassen. Die Möglichkeiten, Journalisten, Sportler, ja, gewöhnliche Touristen einzuschüchtern, sind begrenzt. Die Regierung könnte es am Ende bedauern, die Spiele überhaupt ausrichten zu müssen.

Gewiss, auch in diesem schlimmstmöglichen Szenario würden die Manager und Diplomaten weiterhin mit freundlichem Lächeln ins Land der Mitte reisen. Doch das Image Chinas in den westlichen Zivilgesellschaften wäre durch eine solche Olympiade nicht verbessert, sondern dauerhaft beschädigt, wie seinerzeit nach 1989. Die chinesische Bevölkerung müsste einmal mehr die Zeche zahlen für die Fehler ihrer Regierung.


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