AUTORITÄRE GEWALT: Wie die Welle zum Tsunami wird

Wie verführend Autorität ist und wie auch Bildung vor einer verheerenden Gemeinschaftsideologie nicht schützen kann, thematisiert der Klassiker „Die Welle“ in einer Neuverfilmung.

Schulalltag, eine Party, die im Zigarettendunst dahindümpelt. „Es gibt nichts mehr, wogegen man sich heute noch auflehnen könnte … die meist angeklickte Seite im Internet sei Paris Hilton“ – mit diesen Worten lässt der junge deutsche Regisseur und Drehbuchautor Dennis Gansel einen Teenager das Lebensgefühl der eigenen Generation beschreiben. Wo diese Leere hinführen kann, und wie die Sehnsucht nach Anerkennung, nach Verbindlichkeit und Gemeinschaft pervertieren kann – diese Aspekte thematisiert Gansels neuer Film. Er zeigt, wie der Einzelne auch im Jahr 2008 noch für totalitäre Ideologien anfällig ist. Dabei schneidet der Film Themen wie etwa die Diskussion über so genannte Verlierer an, die in der Leistungsgesellschaft keinen Anschluss mehr finden und irgendwann zu Amokläufern werden. Er tangiert gesellschaftspolitische Debatten wie die einer autoritären Pädagogik, die mittels Disziplin wieder für Ordnung sorgen will oder jene über die Integrationsgesellschaft.

Der Plot des Films ist nicht neu. Er basiert auf einer wahren Begebenheit, einem Sozialexperiment unter dem Motto „The Third Wave“, das im April 1967 an einer High School in Kalifornien durchgeführt wurde, um das Potenzial autoritärer Bewegungen zu ergründen. Auslöser des Experimentes war die Diskussion in einer Schulklasse darüber, wie sich das nationalsozialistische Regime in Deutschland überhaupt etablieren konnte. Die Schüler zeigten sich sicher, dass sich eine derartige Manipulation der Massen nicht wiederholen könne.

Ron Jones, Geschichtslehrer der Klasse, entschied sich, diese Behauptung an der Realität zu prüfen. Er versuchte eine ähnliche Situation wie im Dritten Reich nachzustellen, indem er den autoritären Führer mimte, die Schüler Einheitskleidung tragen ließ und innerhalb der Klasse strenge Verhaltensnormen einführte. Schon nach wenigen Tagen zeigte das Experiment verheerende Ergebnisse. Ron Jones musste mit Entsetzen feststellen, mit welcher Leichtigkeit die Schüler sich vereinnahmen und manipulieren ließen. Er brach das Experiment ab und verglich die begeisterten Anhänger und ihr autoritätsgläubiges Gebaren mit dem Verhalten der Jugendorganisationen im nationalsozialistischen Deutschland. Ron Jones‘ Erfahrungen wurden bereits 1981 für das US-Fernsehen verfilmt. Im gleichen Jahr verarbeitete Morton Rhue das Drehbuch zum Roman „The Wave“. Dieser Jugendroman mauserte sich zum Lektüreklassiker der Sekundarstufe.

Vierzig Jahre nach dem kalifornischen Experiment hat nun Dennis Gansel den Stoff erneut herausgekramt und die Geschichte in das moderne Deutschland verlegt. Mittels lauter Popmusik, dem Aufgreifen von Aspekten der Sprayer- oder Skatekultur, coolen Outfits sowie schnellen Kameraschwenks gelingt es Gansel, dem Lebensgefühl der heutigen Teenager nachzuspüren. Im Gegensatz zur wahren Begebenheit hat Gansel jedoch das Ende abgeändert.

Auch wenn es sich um ein komplexes Thema handelt, gelingt es Gansel durchaus, die Geschichte auf eine spannende Art zu veranschaulichen. Natürlich werden dabei einige Aspekte pointiert. So stellt der Film unterschiedliche Charaktere innerhalb einer Klasse mit ihrem jeweiligen sozialen Hintergrund vor: Etwa Tim, den Klassenaußenseiter, auf dem alle herumhacken und der sich nach Anerkennung sehnt. Oder Sinan, der nicht mehr „der Türke“ sein will. Dann gibt es da auch noch die Schöne, die den Ton angibt und die politisch Engagierte mit den Filzlocken. Mögen diese Stereotypisierungen auch ein wenig plakativ sein, machen sie dennoch Sinn, um die Wirkkraft der Gruppendynamik auf gänzlich unterschiedliche Menschen auszuloten. Gansel kommt ohne Moralkeule aus. Das auch, weil der Zuschauer anfangs mit dem Lehrer sympathisiert: Gansel hat als Lehrer einen antiautoritären Kumpeltyp im Ramones-T-shirt gewählt, der bei seinen Schülern Vertrauen genießt. Diese Charakterisierung bewirkt auch, dass die schnelle Verführbarkeit der Schulklasse glaubhaft ist.

Vorgeworfen wurde Gansel, dass sein Film, verstanden als Warnung vor dem Faschismus, diesen ganz undifferenziert im Nirgendwo verortet. Der Film begründe nicht wirklich, zu welchem Zweck sich die Schüler vereinnahmen ließen – sehe man vom Gemeinschaftsgefühl ab. Das stimmt sicherlich. Andererseits gelingt es ihm dennoch, darauf aufmerksam zu machen, wie verführend Autorität sein kann. Eine Verführbarkeit, auf die die politische Theoretikerin Hannah Arendt schon 1963 verwies. Denn gerade im Kontext der Familie und der Institution Schule erlernt das Individuum Gehorsamkeit und Unterordnung, die positiv sanktioniert werden. Der Film dagegen regt dazu an, kritisch zu bleiben und Autorität zu hinterfragen. Auf jeden Fall ein sehenswerter Kinofilm, der (nicht nur) im Schulunterricht zu angeregten Diskussionen führen kann.


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