PSYCHIATRIE: Wenn Mama abtaucht

Psychisch erkrankte Eltern sind noch immer ein gesellschaftliches Tabu. Die Folgen haben die Kinder zu tragen: nicht selten werden sie mit der Situation allein gelassen.

Viele Kinder von psychisch kranken Eltern fragen sich: Bin ich schuld an ihrem Leiden.

Die kleine Marie hat oft Angst und ist traurig, weil ihr Vater Selbstgespräche führt, deren Inhalt sie nicht versteht. Auch ihre Mutter macht sich Sorgen und befürchtet, dass ihr Mann seine Arbeitsstelle verliert. Bis auf einen von Maries Freunden weiß niemand über die Psychose ihres Vaters Bescheid: „Die können das eh nicht verstehen“, meint Marie.

Ortswechsel: Patrick ist zwölf Jahre alt. Er führt den Haushalt, kocht und versorgt seine Mutter. Ganze Tage liegt die schwer Depressive teilnahmslos im Bett.

So wie Marie oder Patrick leben viele Kinder und Jugendliche in Luxemburg mit einem Vater oder einer Mutter, die an einer schizophrenen Psychose oder schweren Depressionen leiden. Wieviele es sind, darüber gibt es keine Angaben. Doch die Statistiken in anderen Länder ergeben ein drastisches Bild: „In Deutschland sollen laut einer Studie aus dem Jahr 2003 rund 200.000 bis 300.000 Kinder ein an Schizophrenie erkranktes Elternteil haben“ berichtet Marie-Jeanne Schon, Diplompsychologin am Centre Hospitalier, und sie ergänzt:“Bei rund einer Million Kinder ist ein Elternteil alkoholabhängig.“

Zumindest in den Betreuungsinstitutionen wird das Thema als wichtig wahrgenommen – das bewies die hohe Teilnehmerzahl des Kolloquiums „Les parents en souffrance psychique et leurs parents“. Anfang der Woche von der asbl „Réseau Psy – Psychesch Hëllef dobaussen“ und der Kinder- und Erwachsenen-Psychiatrie des Centre Hospitalier organisiert, fanden sich rund 100 Interessessierte aus unterschiedlichen Bereichen ein – etliche mussten gar laut der Organisatoren aus Platzgründen abgewiesen werden.

Ziel des Kolloquiums, an dem einige namhafte Referenten aus Belgien und Deutschland teilgenommen haben, war neben dem Erfahrungsaustausch denn auch die Frage, wie diesen Problemkonstellationen in Zukunft besser begegnet werden kann. Während in Luxemburg die Eltern kranker Kinder – wenn auch noch nicht ausreichend – Therapie- und Beratungsangebote vorfinden, sind die Kinder kranker Eltern meist auf sich selbst gestellt. Manchmal werden sie regelrecht vergessen. „Ich habe schon erlebt, dass eine akut psychisch kranke Frau in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen wurde und niemand sich erkundigt hat, ob sie eine Mutter ist. Ihr Kind, das alleine zuhause war, fand letztlich bei einer Lehrerin Unterschlupf“, erzählt Frédérique van Leuven beim Kolloquium. Sie ist Kinderpsychiaterin im „Service de Santé Mentale Le Méridien“ in Brüssel, einem multidisziplinären Dienst, der psycho-soziale Netzwerkarbeit betreibt. Nicht selten kommt es vor, dass Menschen in der unmittelbaren Umgebung einer Familie, Verwandte oder Freunde, wenig über die psychische Erkrankung eines Elternteils wissen. Viele Kinder müssen so letztlich allein mit der Situation zurecht kommen. Auch Schamgefühle hindern oft daran, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Viele Kinder haben zudem Schuldgefühle: Sie nehmen das Verhalten ihrer Eltern persönlich und führen es auf ihre vermeintliche Unzulänglichkeit zurück, etwa bei schulischen Leistungen. Sie haben oft tiefe Zweifel über ihre eigene Selbstwahrnehmung und leiden an Loyalitätskonflikten, Einsamkeit und an der Angst, selbst erkranken zu können.

„Im Moment existieren keine Modelle in Luxemburg, um mit diesen zerbrechlichen Familienkonstellationen zu arbeiten“, stellt die Diplompsychologin Marie-Jeanne Schon fest, die das Kolloquium mitorganisiert hat. Gerade bei solchen Problemen müssten die noch immer bestehenden Gräben zwischen der Erwachsenen- und der Kinderpsychiatrie überwunden und Synenergien zwischen den einzelnen Hilfsdiensten geschaffen werden. „Bessere Netzwerke könnten verhindern, dass Kinder allzu leichtfertig in einer Pflegefamilie platziert werden“, meint Schon.

Der Prozentsatz von Kindern, die aus dem Elternhaus genommen werden ist hoch, wenn dort eine Alkohol- oder Drogenproblematik besteht oder wenn ein Elternteil an einer fortgeschrittenen psychischen Erkrankung leidet. So sollen in Belgien rund zwei Drittel der Kinder in Pflegefamilien aus Familien mit einem akut psychisch erkrankten Elternteil stammen. Das ist nicht unproblematisch, auch weil das Kankheitsbild und das Ausmaß einer Erkrankung oft schwer zu ermitteln ist. So sind manch psychisch Erkrankte sozial gut integriert und pathologische Aspekte werden nur von der Familienzelle wahrgenommen. Hinzu kommt, dass Familienstrukturen häufig nicht leicht durchschaubar sind. Das macht auch den Zugang zu den Kindern kompliziert ? zumal man oft mit dem Misstrauen der Eltern konfrontiert ist.

Es bestehe also nicht nur die Gefahr, zu stigmatisieren, sondern auch „das Risiko, eine Erkrankung nicht wahrzunehmen“, beschreibt die Kinderpsychiaterin Frédérique van Leuven das Dilemma. Oft werde eine Pathologie erst mit der Einweisung ins Krankenhaus festgestellt. Für viele Kinder biete sich dann auch zum ersten Mal die Gelegenheit, offen über ihre Erlebnisse mit der psychischen Erkrankung ihrer Eltern zu reden – sofern jemand sie dazu ermuntert. „Das Leiden vieler Kinder beruht weniger auf der Krankheit ihrer Eltern als vielmehr darauf, dass sie nicht verstehen, was passiert“, so van Leuven. Wichtig ist deshalb auch, dass die Erwachsenenpsychiatrie adäquate Räumlichkeiten bietet, wo Eltern und Kinder sich begegnen können. „Kinder sollten in den Krankenhausaufenthalt miteinbezogen werden, indem man sie nach ihren Erlebnissen befragt und sie auch informiert“, meint van Leuven. Viele Kinder hätten eine Menge an Fragen: Bin ich schuld an der Krankheit? Wozu dienen die Medikamente? Wie hoch ist das Risiko, selbst einmal zu erkranken, in das tiefe Loch einer Depression zu stürzen oder Stimmen zu hören? Gerade diese Frage ist nicht unberechtigt, denn Studien haben gezeigt, dass Kinder von schizophrenen oder depressiven Eltern nicht nur durch die Situation zu Hause beeinträchtigt sind, sondern dass sie auch ein genetisches Risiko tragen, selbst zu erkranken. „Bessere Netzwerke könnten verhindern, dass Kinder allzu leichtfertig in einer Pflegefamilie platziert werden“

„Bessere Netzwerke könnten verhindern, dass Kinder allzu leichtfertig in einer Pflegefamilie platziert werden“

Wird ein Elternteil in die Psychia-trie eingewiesen, dauert der Aufenthalt meist mehrere Monate – eine sehr belastende Situation für die familiäre Struktur. Wichtig ist dann, dass der gesunde Elternteil offen mit der Krankheit des Partners umgeht und ausgleichend wirkt. Falls es Engpässe in der Versorgung gibt, sind flexible Betreuungsmöglichkeiten vonnöten, um zu verhindern, dass Kinder in eine Pflegefamilie müssen. „Eine Platzierung bedeutet meistens einen schweren Bruch zwischen Eltern und Kind, vor allem, wenn sie länger andauert“, so Eric Ceusters, Psychiater und Verantwortlicher des Réseau Psy. Die Qualität der Bindung – auch zum erkrankten Elternteil – werde häufig unterschätzt. „Die Schwere einer Erkrankung stellt nicht zwangsläufig die Elternschaft in Frage“, meint auch van Leuven. Statt Kinder zu platzieren, könnten vernetzte Strukturen bei der Organisation des Alltags helfen. Die Elternschaft wird von vielen Eltern als positive Erfahrung wahrgenommen. Problematisch seien eher die gesellschaftlichen Erwartungen: Psychische erkrankte Menschen stehen unter einem enormen Druck, sich als gute Eltern zu bewähren.

Doch es gibt auch Konstellationen, in denen es für die die Kinder und Jugendlichen besser ist, wenn sie das Elternhaus verlassen können. „Ich hatte Fälle, wo der Leidensdruck von Kindern oder Jugendlichen irgendwann so groß wurde, dass sie darum baten, in ein Internat gehen zu können“, erzählt van Leuven. Dennoch sei es für viele nicht einfach, sich von psychisch erkrankten Eltern zu lösen.Dies gilt besonders für jene Kinder, die quasi die Elternrolle übernommen haben, die unter dem Druck stehen, Entscheidungen zu treffen, denen sich die erkrankten Eltern nicht mehr gewachsen fühlen. Einige geraten dann in enorme Loyalitätskonflikte. So etwa die sechzehnjährige Paula, die jahrelang den Haushalt für ihre Mutter besorgte. Als Paula sich verliebte und ausziehen wollte, esaklierte die Lage. Die Mutter fiel tiefer in ihren Wahnstrudel und drohte zu verwahrlosen.

Um Kinder und Jugendliche wie Paula, Marie oder Patrick in ihrer Autonomie zu stärken, bedarf es letztlich auch vernetzter Präventionsprojekte. „In Luxemburg fehlen flexible Modelle und Strukturen, wo Kindern geholfen werden kann, ohne dass sie selbst zu Patienten werden“, meint Marie-Jeanne Schon. Eine Möglichkeit hierzu ist unter anderm die Kunsttherapie. Kinder und Jugendliche können ihre Sorgen auf künstlerische Art und Weise ausdrücken – das hilft ihnen, Worte für das zu finden, was sie zu Hause erleben. Sie lernen dann auch andere Kinder kennen, die das gleiche Problem haben. Für Eric Ceusters vom Réseau Psy ist neben der Therapie auch die Pädagogik wichtig: „Viele Eltern wissen nicht, wie sie mit ihrem Kind umgehen sollen und sind verunsichert.“ Es gebe eine enorme Nachfrage in puncto Erziehung. „Es ist klar, dass hier etwas passieren muss“, so Eric Ceusters. „Die Psychiatriereform hat gut angefangen, aber sie ist noch lange nicht zu Ende.“


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