FLORIAN GALLENBERGER: Mörder, Menschen, HeldInnen

Geschichte lässt sich nicht auf den Kampf von Gut gegen Böse reduzieren. Der Film „John Rabe“ erzählt die wahre Geschichte eines Nationalsozialisten, der Hunderttausende Chinesen vor der japanischen Soldateska rettete.

Humanitäre Nazis, böse Japaner und chinesische „Kinder“: „John Rabe“ erzählt eine Geschichte jenseits der Schwarz-Weißmalerei.

China applaudiert Hollywood. In der Schlussszene hält sich ein westliches Paar in den Armen, während ein Publikum von ChinesInnen ihnen zujubelt. Der Mann heißt John Rabe, ist Deutscher und hat wesentlich dazu beigetragen, dass über 200.000 Menschen vom „Massaker von Nanking“ verschont blieben. Seine Frau hatte er bereits tot geglaubt – das Schiff, das sie in Sicherheit bringen sollte, war vor seinen Augen von japanischen Bombern versenkt worden. Und es sind japanische Soldaten, die in der Schlussszene zwischen dem Ehepaar Rabe und der Menge stehen – ein Hinweis darauf, dass der achtjährige japanisch-chinesische Krieg gerade erst begonnen hat.

Doch zurück an den Anfang von
Florian Gallenbergers Film. Im Dezember 1937 wird John Rabe, Direktor des Siemens-Werkes in Nanjing, wie die Stadt heute heißt, befördert und soll nach Deutschland zurückkehren. Doch die Abschiedsfeier wird durch einen japanischen Luftangriff unterbrochen – die Kaiserliche Armee bereitet den Angriff auf die Stadt vor. Rabe zieht sich aufs Firmengelände zurück und lässt die Tore öffnen. In einer hochdramatischen Szene suchen er und die hereingeströmten chinesischen Flüchtlinge Schutz unter einer riesengroßen Hakenkreuzflagge. Die Bomber des mit Deutschland verbündeten Kaiserreiches drehen ab. Die Menschen sind gerettet. Im weiteren Verlauf des Films wird gezeigt, wie Rabe – manchmal als „chinesischer Schindler“ bezeichnet – gemeinsam mit anderen EuropäerInnen versucht, eine Art humanitäre Schutzzone zu etablieren, die der Zivilbevölkerung Sicherheit vor den durch die Stadt ziehenden plündernden und mordenden japanischen Soldaten bieten soll.

Paradox ist diese lebensrettende Nazi-Flagge nicht nur in ihrer Symbolik, sondern auch in ihrer Funktionalität: Das deutsch-japanische Bündnis, dessentwegen die Bomber abgedreht sind, ist gegen die Sowjetunion gerichtet, deren Bevölkerung ein paar Jahre später nicht minder unter der deutschen Invasion zu leiden haben wird als das chinesische Volk unter der japanischen. Auch die Hauptperson John Rabe, überzeugend gespielt von Ulrich Tukur, ist voller Widersprüche: Er bezeichnet die Chinesen als Kinder, die man erziehen müsse und hat ihnen als Hitler-Verehrer den Nazigruß beigebracht. Allerdings – dies macht der Film leider nicht nachvollziehbar – wurde die Figur Hitler 1937 anders gesehen, als dies aufgrund der Naziverbrechen und des Holocausts seit Kriegsende der Fall ist. Der chinesische Leader Chiang Kai-shek hatte jahrelang auf ein Bündnis mit Nazideutschland gesetzt, und auch für Rabes MitstreiterInnen war dessen Mitgliedschaft in der NSDAP unproblematisch. Was im Film entscheidend ist, um aus Rabe einen relativ sympathischen Helden zu machen, ist der Kontrast zum japanischen Militär, welches das absolute Böse verkörpert.

Angesichts der haarsträubenden Grausamkeiten die der Film zeigt, dürften sich manche ZuschauerInnen dabei ertappen, den Japanern möglichst bald die Atombombe auf den Hals zu wünschen. Dieser Gedanke liegt umso näher als die Bilder der Verwüstung jenen von Hiroshima gleichen. Die Inszenierung der Mordlust der Kaiserlichen Armee wird die ZuschauerInnen aber auch an Bilder vom deutschen Russlandfeldzug erinnern, wie sie zum Beispiel in der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ dokumentiert werden. Dass im Film ein einziger japanischer Offizier als „Guter“ auftritt, möchte man beinahe auf einen genetischen Defekt zurückführen – die Ausnahme, welche das Klischee bestätigt, alle Japaner seien als mordlustige Bestien geboren. Dass es in Japan bisher keinen Konsens darüber gibt, das Massaker von Nanjing aufzuarbeiten, trägt nichts zum Abbau der antijapanischen Vorurteile bei.

Natürlich gab es historisch gesehen innerhalb der japanischen Kriegsmaschine – wie innerhalb der deutschen – eine Minderheit von Individuen, die aktiv für Menschlichkeit eintraten: Sugihara Chiune zum Beispiel, der als Vize-Konsul in Litauen mehreren tausend Juden eine Ausreise vor dem deutschen Angriff ermöglichte.
Und im ebenfalls 2009 abgeschlossenen chinesischen Film „Nanjing! Nanjing!“ steht bemerkenswerterweise die moralische Verzweiflung des
– fiktiven – japanischen Soldaten Kadokawa im Mittelpunkt. Auch werden in dieser Produktion, anders als im eurozentrischen „John Rabe“, die ChinesInnen nicht nur als Menschenmassen und Opfer gezeigt, sondern leisten Widerstand gegen die Japaner.

Immerhin erschießt der einzige vollwertige chinesische Charakter im deutschen Film – die Studentin
Langshu (Zhang Jingchu) – zwei
japanische Soldaten. Doch bei
„John Rabe“ geht es vor allem, ganz Holly-wood-mäßig, um Einzelschicksale und große Gefühle. Trotz der immer wieder eingeblendeten Schwarz-Weiß-Originalaufnahmen war der Regisseur weniger um historische Exaktheit, als um die Gestaltung einer unglaublichen Geschichte bemüht. Das gelingt besser da, wo Schrecken und Betroffenheit nur suggeriert werden, als in den kruden Bildern und den theatralischen Dialogen. Auch die Vielschichtigkeit der Charaktere sucht man nach der ersten halben Stunde vergeblich, doch diese Vereinfachung unter dem Druck der dramatischen Ereignisse stört nicht wirklich. Alles in allem ist „John Rabe“ ein ansprechender Film über eine Geschichte, die viele Fragen aufwirft, und allein schon deshalb erzählt werden musste.

„John Rabe“, im Kinosch.


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