ATOM-RENAISSANCE: Risiken und
Nebenwirkungen

Die Atomindustrie wittert Morgenluft. Doch dem Anspruch, das Klimaproblem zu lösen, kann sie nicht gerecht werden. Und neue Antworten auf die alten Fragen zur Sicherheit und zur Müllentsorgung hat sie nicht zu bieten.

Mehr als einen Kompromiss – die Beschränkung der Laufzeiten der Atomkraftwerke (AKW) – hatten die Grünen in Deutschland vor neun Jahren dem Koalitionspartner SPD nicht abtrotzen können. Doch auch wenn dieses Resultat weit entfernt vom angepeilten mittelfristigen Atomausstieg war, kann man im Nachhinein nicht von einem Misserfolg reden. Denn obwohl nun CDU und FDP regieren und der Nuklearindustrie großzügige Laufzeitverlängerungen gewähren wollen, wird ein regelrechter Wiedereinstieg – also ein Neubau von AKW – parteiübergreifend abgelehnt. Klar ist aber, dass auch die Verlängerung, wenn sie beschlossen werden sollte, Signalwirkung haben wird – ähnlich wie Anfang dieses Jahres in Schweden die Annullierung des Ausstiegsbeschlusses von 1980. Es geht eben, so die Botschaft, doch nicht ohne die Atomkraft; steigende Ölpreise und vor allem die drohende Erderwärmung scheinen sie unverzichtbar zu machen. Großbritannien, Italien, China – alle Länder, die den Bau von AKW planen, berufen sich auf den Klimaschutz.

Dabei sind die nuklearen Brennstoffe nur bedingt als Alternative zu den CO2-trächtigen Energieträgern Kohle, Öl und Gas geeignet. Zum einen beträgt der Treibhausgas-Ausstoss pro Kilowattstunde keineswegs Null. Mehr noch als bei anderen „CO2-freien“ Energiequellen wird beim Bau und Unterhalt der Anlagen Kohlendioxid ausgeschieden – ganz zu schweigen von den Treibhausgasen, die bei der Gewinnung und Aufbereitung der Brennstoffe anfallen. Zum anderen entsteht ein Großteil des einzusparenden CO2s gar nicht in der Stromproduktion, sondern in den Heizungseinrichtungen und in den Fahrzeugen des Straßenverkehrs. Und schließlich könnten aus industrietechnischen Gründen weltweit pro Jahr höchstens 30 Gigawatt zusätzlicher Atomstrom-Kapazität geschaffen werden – ein Bruchteil des Gesamtstromverbrauchs.

Die Atomkraft ist nicht nur kein Allheilmittel für die Energiekrise; gegen ihren weiteren Einsatz sprechen auch ihre seit langem bekannten Risiken und Nebenwirkungen. Ein weltweiter Ausbau der Nuklearenergie würde die Gefahr eines schweren Unfalls und der Verbreitung von Atomwaffen drastisch erhöhen. Ein Schnäppchen ist der Atomstrom ebenfalls nicht: Schließt man die Kosten für den gesamten Lebenszyklus eines AKW in die Kalkulation ein, so kommt man leicht auf Beträge, die höher liegen als beim Ökostrom. Dabei kann es sich freilich stets nur um Schätzungen handeln, denn insbesondere die Aufwendungen für die Entsorgung und Lagerung des Atommülls sind unmöglich zu beziffern. Zwar preist die Atomlobby seit Jahrzehnten die Recyclingmöglichkeiten an, doch gibt es zurzeit keine auch nur ansatzweise funktionierende Methode zur Neutralisierung radioaktiven Mülls.

Daran erinnerte der am Dienstag von Arte ausgestrahlte Dokumentarfilm über die Verfrachtung französischer Brennelemente nach Russland, wo nach einer Wiederanreicherung ein Großteil des abgereicherten und bis auf Weiteres unbrauchbaren Urans vor Ort unter freiem Himmel gelagert wird. Die Behauptung, dass 96 Prozent des nuklearen Brennstoffs wiederverwertbar seien, entpuppt sich als Bluff: Zwar werden nur vier Prozent als Restmüll eingestuft, doch der Großteil des übrigen Materials wird „in Reserve“ gelegt oder – in Russland – zu gerade mal einem Zehntel wiederverwertet. Und das CO2, das bei den dafür notwendigen aufwändigen Transporten anfällt, verschlechert weiter die Klimabilanz der Atomkraft. Eine Zukunftstechnologie stellt man sich anders vor!


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