PLATEAU DU KIRCHBERG: Luxtopia

Ohne breit angelegte und demokratisch abgestimmte Planung wird Luxemburg den eingeschlagenen Weg zum 700.000-Seelen-Staat kaum unbeschadet überstehen. Die Entwicklung des Kirchbergplateaus dürfte als mahnendes Beispiel dafür herhalten.

Kein Building ohne Tiefgarage!
(Foto: Christian Mosar)

Am 7. August 1961 wurde in Luxemburg sozusagen per Gesetz eine Art Revolution losgetreten: Das als Kirchbergplateau bekannte Areal östlich des Alzettetals sollte urbanistisch erschlossen und zu einem neuen Viertel der Europahauptstadt werden. Um dies zu ermöglichen, wurde damals der „Fonds d’Urbanisation et d’Aménagement du Kirchberg“ geschaffen. Die benötigten Flächen wurden zwangsenteignet und dem „Fonds“ übertragen.

Als sichtbarstes Zeichen einer sich anbahnenden neuen Epoche wurde eine knallrote (!) Brücke zwischen der bestehenden Stadt und dem neuen Viertel sowie das „Héichhaus“ errichtet.

Aber auch sonst hatten sich die politischen Entscheidungsträger ganz den damals geltenden urbanistischen Modeerscheinungen verschrieben. Etwa zur gleichen Zeit als Brasiliens Kunsthauptstadt „Brasilia“ quasi aus dem Nichts heraus geschaffen wurde, übte man sich in Luxemburg im „Zoning“. Das breite Areal wurde nach Funktionen eingeteilt – hier Büros, da Schulen und etwas weiter weg auch schon mal Wohnungen – und mit breiten, voll auf das Automobil abgestimmten Einbahnstraßen versehen. Zwischen den pompös angelegten Neubauten und den endlosen grauen Straßen sollten sich vor allem großzügige Grünflächen entfalten. Das nannte sich in jener Zeit „Gartenstadt“.

Damit den AutofahrerInnen die Lust am Erkunden des Plateaus nicht verging, wurde vor allem für eines gesorgt: Parkraum. Heute weist der Kirchberg pro 100 Quadratmeter Wohn- oder Bürofläche mindestens einen – vornehmlich unterirdischen – PKW-Stellplatz auf. Zum Vergleich: Im Zentrum der Stadt Luxemburg wird bei Neubauten „nur“ ein Parkplatz für jeweils 250 Quadratmeter vorgeschrieben.

Langsam aber sicher merkten die von so viel Fortschritt etwas geblendeten LuxemburgerInnen, dass mit dem Viertel irgendetwas nicht stimmte. Frühmorgens wurden die Bürobauten von Tausenden von EurokratInnen gestürmt, die sich am Abend schnellstmöglich auf Luxemburgs damals einzigen Autobahnkilometern aus dem Staub machten. Niemand, der auf Kirchberg malochte, schien auch da leben zu wollen. Es dauerte aber bis Ende der 80er Jahren, bevor endlich ein Umdenken stattfand und die bisherigen Planungen grundsätzlich umgeschmissen wurden.

Klassische Stadt

Sichtbarstes Zeichen dieses Umdenkens war der „Rückbau“ der Autobahn selbst: Angelegt als „boulevard urbain“ sollte die West-Ost-Trasse nunmehr die einzelnen Teile des Kirchbergs eher verbinden, statt sie wie bislang zu trennen. Allerdings vergingen zwischen der Idee und der Verwirklichung dieses Umbaus (der immer noch nicht vollständig abgeschlossen ist) eine recht lange Zeit. Ganz abgeschworen wurde dem Auto dabei freilich nicht: Jedem Bauvorhaben geht auch heute noch die Aushebung einer imposanten Tiefgarage voraus. Und wer sich auf der Homepage des „Fonds“ (www.kirchbergonline.lu) die aktuellen Planungen ansehen will, wird virtuell per Auto von einem Gebäude zum anderen spazieren geführt.

Als die Planer daran gingen, fehlende Versorgungs- und Freizeitinfrastrukturen vorzusehen, waren die städtebaulichen Filetstücke zum größten Teil bereits vergeben. Luxemburgs größter Kinokomplex musste auf einer Minimalfläche unterkommen – das reinste Kontrastprogramm zum restlichen Kirchberg. Erst jetzt wurde auch damit begonnen, eine effiziente Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz vorzusehen. Pech allerdings, dass das Konzept eines BTB, der im Jahre 2002 hätte betriebsbereit sein können, auf der Strecke blieb und Luxemburgs modernstes Stadtviertel nur mit Bussen erreichbar ist. Diese müssen sich zudem kreuz und quer von einem Provisorium zum anderen hangeln.

Wie dem auch sei, die neue Losung, die Fernand Pesch, Präsident des Fonds, nicht müde wird der Öffentlichkeit vorzujubeln, heißt „klassische europäische Stadt“. Damit ist vor allem eine sehr viel dichtere Bebauung gemeint, die es erlauben soll, künftig auch wieder in kleineren Dimensionen zu denken und zu bauen. Freilich fördert trotz aller guter Vorsätze die Logik des „Fonds“ die weitere Ghettoisierung: Zur Finanzierung der nötigen Arbeiten wird das Bauland hauptsächlich an Privatpromoteure veräußert. Dies geschieht zu „Marktpreisen“, wie Pesch auf Rückfrage bestätigt. Nachteil: Das Land ist jetzt schon teuer und wird mit der weiteren Valorisierung für Normalsterbliche fast unerschwinglich. Dafür bekommt der Fonds zwar sehr viel Geld, gibt das Heft des Handelns aber aus der Hand.

Der Markt solls richten

So erklärt sich, weshalb auch nach vierzig Jahren immer noch nicht klar ist, wohin die Reise gehen soll. Allein was die angestrebte Bevölkerungszahl anbelangt, operieren die Verantwortlichen mit Szenarien, die recht weit auseinander liegen. So wird in einem moderierten Szenario von 21.500 Arbeitsplätzen, 4.700 EinwohnerInnen und 5.900 SchülerInnen gesprochen, während das „scénario de potentialité maximum“ fast 30.000 Arbeitsplätze, 20.000 EinwohnerInnen und 6.200 SchülerInnen vorsieht.

Die Chance, mit einem einzigen, zudem öffentlichen Träger eine einheitliche Stadtentwicklung zu betreiben, wurde vertan. Die „Reform“ Ende der 80er hat lediglich bewirkt, die Art der Bebauung des Kirchbergs zu verändern, sie ist aber keine zielgerichtete Strategie um eine echte Durchmischung zu erreichen. Der Verdacht, die heutige Planung des Viertels würde wie schon 1961 zum größten Teil vom Amtszimmer her betrieben, bleibt bestehen. Man bekommt kaum den Eindruck, dass es gelingt, den Kirchberg als Ganzes in den Griff zu bekommen. Dabei macht sich die eher eingeschränkte demokratische Kontrolle des „Fonds“ ebenfalls negativ bemerkbar. Die Jahresberichte mögen auch noch so bunt sein. Es bleibt dabei, dass die wichtigen Einzelentscheidungen in der Hand einiger weniger Funktionäre liegen, die zudem auch kaum demokratisch legitimiert sind. Das Modell sich autonom gebender Entwicklungsgesellschaften scheint somit kaum geeignet, das Luxemburg der 700.000 EinwohnerInnen sinnvoll vorzubereiten.


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