JAMES CAMERON: Hollywood-Traum und -Alptraum

Ein Science-Fiction-Film zeigt blauhäutige Humanoiden und schwebende Berge in 3D. Und deren Feind – ein Imperium ohne Namen.

Mensch und Avatar: Aus dieser Metapher bastelt James Cameron einen Film, der auch die politische Aktualität mit einbezieht.

„Ich kann nicht untätig bleiben angesichts der Bedrohungen für das amerikanische Volk. Irrt euch nicht: Das Böse existiert in der Welt.“ Blaue, halb nackte Gestalten, die Na’vis, attackieren den Luftkissen-Bagger mit Lanzen. „Zu sagen, Gewalt könne manchmal notwendig sein ist kein Aufruf zu Zynismus – es ist die Erkenntnis der Geschichte, der Unvollkommenheit des Menschen und der Grenzen der Vernunft.“ Feuerbefehl. Inmitten des Schreiens der verletzten Na’vis bricht der Kilometer hohe „Heimatbaum“ zusammen. Der Weg zu den Unobtanium-Lagerstätten ist frei.

Dass die Nobelpreis-Rede des US-Präsidenten auf den gleichen Tag fiel wie die Premiere von „Avatar“, dem 3D-Blockbusters in spe, ist ein willkommener Zufall. Barack Obamas beeindruckende PR-Mischung von Lüge und Weisheit steht damit James Camerons entlarvender und dabei unterhaltsamer Film über Amerikas Alpträume und Träume zur Seite. An Furchtbarem greift „Avatar“ Motive aus 200 Jahren US-Expansionismus auf, von den Indianerkriegen über Vietnam bis zur jüngsten Irak-Invasion. Wunderbar sind dagegen die herrlichen Landschaften – schwebende Berge – die bezaubernde Natur – bunte Riesenblüten – und die „guten Wilden“ – mit der Prinzessin Neytiri, einer Art „Pocahontas in Blau“ (Zoë Saldaña). Natürlich verliebt sich der Held Jake Sully (Sam Worthington) in sie, natürlich wird aus seinem anfänglich tollpatschigen Umgang mit Umwelt und Lebewesen eine authentische Einsicht in die Ökospiritualität der Na’vi …

„Avatar“ verfällt zwar nicht in Kitsch, zeichnet sich aber auch nicht durch komplex inszenierte Charaktere aus. Das verzeiht man dem Film gerne, denn er hat eine gute Geschichte zu erzählen, die anhand atemberaubender Effekte – möglichst in 3D anzuschauen – überzeugend umgesetzt ist. Vieles hat Cameron auf dem Ideenhaufen der Science-Fiction-Literatur herausgeklaubt, doch nicht ohne Originalität filmisch zusammengesetzt. So ist die Behandlung des Motivs des Avatars und der geistigen Interaktion bemerkenswert: auf menschlicher Seite als Kampfroboter und Gentech-Avatare, bei den Na’vis dagegen als psycho-organische Steckverbindung mit den „Wildpferden“ und mit den Stimmen der Ahnen am Seelenbaum.

Die politische Botschaft des Films ist zwar nicht aufdringlich, dafür umso eindeutiger: Ein Volk werde einfach zum Feind erklärt, um sich dann mit militärischen Mitteln einen Weg zu den Bodenschätzen zu bahnen, erklärt ein – spät – erwachter Sully die Vorgehensweise gegen die Na’vi. Klarer kann eine Verurteilung des Irak-Kriegs wohl nicht ausfallen. Was ist die Schlussfolgerung des Films, der in einem großen 3D-Endkampf gipfelt? Dass man solche Kriege trotz Feuerkraft und Sensortechnik verlieren kann? Zieht man die Parallele zu den Indianerkriegen und der Vergänglichkeit von Siegen der Ureinwohner wie Little Big Horn, so bleibt der Schluss in diesem Punkt offen. Doch eines sagt der Film deutlich: Wo solche Kriege geführt werden, wird sich jeder wahre Mensch lossagen wollen von seinem Land – oder seiner Spezies?

Avatar – Aufbruch nach Pandora, im Utopolis und CinéBelval.


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