JASON REITMAN: Hoch oben und tief unten

„Up in the Air“ stellt geschickt existentielle Lebensfragen in einer Zeit von Wirtschaftskrise und Informationsüberfluss und schafft somit ein unterhaltsames und melancholisches Bild der Gegenwart.

Die jüngere Angestellte hat den Boss davon überzeugt, dass sie es besser machen kann …

Wenn Ryan Bingham (George Clooney) in seinem frisch gebügelten Designeranzug in einem Büro auftaucht, heißt das nichts Gutes. Die Firma für die er arbeitet wird nämlich von feigen Chefetagen in ganz Amerika beauftragt, Angestellte schnell und auf professionelle Art zu entlassen. Das Geschäft mit den Abschiebungen läuft besser denn je und bevor die bestürzten Angestellten die Entlassungsmappe mit den handelsüblichen Trostfloskeln aufgeschlagen haben, sitzt Ryan schon im Flugzeug, um in der nächsten Firma seine eingeprobten Entschuldigungen preiszugeben. Nebenbei gibt Ryan auch Selbsthilfeseminare in denen er seinen Zuhörern rät, vom Leben nur das mitzunehmen, was sie tragen können. Emotionale Last wie Beziehungen machen einen nur langsamer, und wer langsam lebt, stirbt schnell. Dies ist das Motto, nach dem Ryan sein Leben aufgebaut hat. So zieht er mit seinem pedantisch gepackten Rollkoffer von einem Staat in den nächsten und die Anonymität, die nur Flughäfenlounges und Hotelbars bieten, gefällt ihm. Einsamkeit ist für Ryan ein Privileg, er genießt die kleinen Freuden im Leben eines ?Frequent Travellers`: sein größter Stolz sind die Flugmeilen, die er im Laufe der Jahre angesammelt hat, und seine Treuekarten vom Mietwagenverleih oder Hotelketten lassen seine Augen jedes Mal funkeln, wenn er sie in einer Bar vor sich ausbreitet.

Doch dann lernt Ryan in einer Hotel-lounge sein weibliches Ebenbild kennen. Alex ist genau wie Ryan beruflich ständig unterwegs und versteht sich gerade deswegen auf Anhieb mit ihm: „Ich bin du, nur mit einer Vagina“. Nachdem die beiden Flugmeilen verglichen und erörtert haben, welche Treuekarte am eintragreichsten ist, teilen sie sich das Hotelzimmer. Es kommt zu einer Affäre, die in zwei gefüllte Terminkalender eingetragen wird, in Hotels stattfindet und ohne Laptop und Smartphone wohl undenkbar wäre.

Doch Ryans Höhenflug wird unterbrochen als er erfährt, dass er vielleicht nie wieder beruflich abheben muss. Eine jüngere Angestellte hat seinen Boss (Jason Bateman) davon überzeugt, Entlassungen per Video-Chat im Internet auszuführen um somit der Firma eine erhebliche Kostensenkung zu ermöglichen. Um Natalie Keener (Anna Kendrick) erstmal mit der Kunst des professionellen Abweisens bekannt zu machen, schickt er die junge Karrierefrau mit Ryan auf die Reise.

Nachdem Regisseur Jason Reitman erfolgreich das Teenie-Alter in „Juno“ behandelt hat, verfilmt er nun Walter Kirns Roman „Up in the Air“. Im Film sehnen sich Menschen nach Sicherheit, ihr Scheitern wird allerdings durch die heutigen Kommunikationsmittel verschlimmert. Da gibt es zum einen die junge Natalie, die ihre Träume opfert um mit ihrem Freund zusammenzuziehen, der ihr kurz darauf per SMS den Korb gibt. Ryan ist alleine, pflegt den Kontakt zu seiner Familie so gut wie gar nicht und flirtet mit seiner Affäre per Online Chat. Später findet er heraus, dass er nur die Hälfte über Alex wusste. Hinzu kommen die unzähligen Angestellten, die durch einen Video-Chat mit einem Angestellten einer anderen Firma erfahren, dass die eigene sie nicht mehr braucht.

Manche Darsteller sind übrigens keine Schauspieler, sondern Leute die im wahren Leben ihren Job verloren haben. Der schwarze Humor, der mittels der Laiendarsteller verschiedene Kündigungsszenen im Film auflockern soll ist trotzdem ein wenig fehl am Platz. Die Bilder in „Up in the Air“ sind oft in Blau- und Grautönen gehalten. Sie wirken so steril wie Flughäfen und frisch geputzte Hotelzimmer, und vermitteln so gekonnt das entfremdende Gefühl von Orten an denen alle nur auf der Durchreise sind. Bewegend sind auch die fast schon erleichterten Gesichtsausdrücke der Angestellten, die als einzig Übriggebliebene in leeren Büros sitzen und schon länger den Besuch von Ryan erwartet haben.

Der Film wurde größtenteils durch Marken wie American Airlines, Hertz und Hilton ermöglicht, die Reitman Drehorte für Hotel- und Flughafenszenen bereitstellten. So ist „Up in the Air“ voll gepackt mit nervigem Product-Placement, welches oft von der Stimmung ablenkt. Trotzdem ist der Film sehr unterhaltsam und weit tiefgründiger als die meisten großen Hollywood Produktionen.

Im Utopolis und CinéBelval.


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