JIM JARMUSCH: Liebe zum Detail

Das neueste Werk aus Jim Jarmuschs wundersamer Filmwelt tanzt zwar wie immer aus der Reihe – der Ausnahme-Regisseur bleibt sich selbst dennoch treu.

Frau Swinton als platinblonde Botin : Ob sie nur über Filme reden will oder etwas anderes dahinter steckt, muss der Zuschauer wohl selbst herausfinden.

„Das Leben ist nichts wert.“ Jim Jarmuschs Filme geben einem immer wieder Denkspiele mit auf den Weg, Rätsel, die es zu dechiffrieren gilt. Sein zehnter Film „Limits of Control“ steht seinen ersten großen Werken, wie dem Klassiker „Dead Man“, in nichts nach. Er kommt leise daher, legt das Augenmerk auf die Bildeinstellungen, stellt den einsamen Filmhelden Lone Man, einen von Isaach De Bankolé gespielten Auftragskiller, in den Mittelpunkt und hat – wie alle Jarmusch Filme – mitunter Längen. Dazu kommen die typischen Motive, wie Tauben oder das ständige Aneinandervorbeireden seiner Figuren. „Tu no hablas español, verdad?“ fragen sie den Filmhelden, wann immer er auf jemanden trifft, der ihm die nächste Station seiner Reise in einem Streichholzschächtelchen übermitteln wird. Und ohne sich von seiner kategorischen Verneinung beeindrucken zu lassen, monologisieren sie dann auf Spanisch über Literatur, den Dichter William S. Burroughs, Kunst von Dalì und Picasso oder eben Film.

„Die besten Filme sind die, an die man sich wie an einen Traum erinnert, von dem man nicht weiß, ob man ihn wirklich geträumt hat“, lässt er Tilda Swinton sagen, bevor die mondäne Frau ihren Regenschirm aufspannt und mit einer koketten Drehung von dannen zieht. Das hat etwas surreales, märchenhaftes, wie überhaupt alle Figuren, auf die der Held trifft, etwas Mysteriöses an sich haben.

Wie ein Puppenspieler führt Jarmusch seinen Helden an unsichtbaren Fäden durch das vielschichtige Spanien. Vom Madrider Flughafen in die surrende Stadt, von dort nach Sevilla, von Sevilla in ein andalusisches Dorf. Hineingeworfen in das Leben, dreht sich der einsame Held um seine eigene Achse und folgt wie bei einer Schnitzeljagd den ihm vorgegebenen Pfaden. Mal scheint ihn dabei ein Bild in einer Kunstgalerie anzusprechen, mal verfolgt er interessiert ein Flamencospektakel oder sieht wohlgefällig einer nackten Frau beim Schwimmen zu. Jarmusch bricht bewusst Klischees und Stereotype und setzt auf seine eigenen Charaktere. Es verwundert nicht, dass diese meist Outsider sind. Der Indianer, der Asiate und nun der introvertierte Afroamerikaner.

In starken Farbkontrasten – sattes Bordeauxrot gegen strahlendes Weiß und klassisches Blau – ist der Film gehalten. So entstehen Bilder von hohem ästhetischem Reiz. Folkloristisches, wie die Probe einer Flamencotänzerin, alterniert mit Gekünsteltem, zum Beispiel der grell-weißen Tilda Swinton. Ein Film Noir in bunten Farben und eine „Liebeserklärung an die Künstlichkeit“, wie Jarmusch einmal im Interview bekannte.

Rituale, etwa die morgendlichen Tai Chi-Übungen oder das Espressotrinken aus zwei verschiedenen Tassen, scheinen so unwandelbar wie die Befolgung von Prinzipien. „Kein Sex bei der Arbeit“ schwört der Filmheld – selbst dann nicht, wenn sich eine nymphengleiche, splitternackte Schönheit im Hotelzimmer neben ihn legt. Wiederholung erscheint damit als zentrales Prinzip des Films: Die Streichholzschachteln, die Monologe, die zwei Espressotassen. Jarmusch bleibt sich eben treu.

Nur hält der Film leider nicht, was er verspricht. Geduldig sitzt man im Kinosessel und wartet nach so vielen Stationen auf die Auflösung. Am Ende kommt der Knall, und man fragt sich, ob das alles war. Doch die Kunst liegt in der Liebe zum Detail. Wozu ein berauschendes Ende, wenn der ganze Film ein liebevoll durchkomponiertes Kunstwerk ist? So werden große Jarmusch-Fans gewiss nicht enttäuscht, denn hieß es nicht schon bei Ghost Dog „Der Weg ist das Ziel“?

The Limits of Control, im Utopia.


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