EU-AGRAR-REFORM: Bodenständig bleiben

von | 19.07.2002

EU-Kommissar Franz Fischler probt die kleine Revolution im europäischen Agrarsektor. In Luxemburg stemmen sich Bauernlobby und Agrarminister dagegen. Und das Bauernsterben geht weiter.

Durch Europas Bauernwelt geht ein Ruck. Ausgerechnet ein EU-Kommissar will den europäischen Agrar-Laden umkrempeln – und zwar radikal. Die Ideen sind nicht neu, allerdings kamen sie bislang aus dem Lager der Ă–ko-lobby. Jetzt hat Landwirtschafts-Kommissar Franz Fischler offensichtlich beschlossen, auf diesen Zug zu springen. Ob jedoch die Agrarminister der 15 EU-Mitgliedstaaten mit auf die Reise gehen, ist fraglich. In Luxemburg, das zeigen die ersten Reaktionen, will man lieber auf der alten Schiene weiterfahren.

Was Fischler will, ist tatsächlich eine Mini-Revolution in der Welt der eher starren Prinzipien der EU-Agrarpolitik: KĂĽnftig sollen Getreide, Rindfleisch oder Milch weder subventioniert noch aufgekauft werden. Die BrĂĽsseler ZuschĂĽsse wĂĽrden nicht mehr danach bemessen, was und wie viel der Betrieb produziert. Bauern und Bäuerinnen bekämen stattdessen eine einheitliche Einkommenspauschale, mĂĽssten sich allerdings an bestimmte Umweltnormen, Tierschutzvorschriften und Qualitätsstandards halten. „Was wir brauchen, ist keine Kosmetik sondern ein Face-Lifting“, so Fischler, nur so könne die Gemeinsame Agrarpolitik wieder glaubhafter werden.

Klasse statt Masse

Während die einen Fischlers Face-Lifting als „Ende des europäischen Agrarmodells“ (Spaniens Landwirtschaftsminister Miguel Canete) bezeichnen, sehen andere darin „die richtige Richtung“ (Renate KĂĽnast, deutsche Agrarministerin). Vor allem die Agrarlobby macht gegen Fischlers Plan mobil. „EU-Kommissar will Bauern im weltweiten Wettbewerb schwächen“, wettern etwa der deutsche und der französische Bauernverband in einer gemeinsamen Erklärung. „Vorschläge total unannehmbar“, titelt diese Woche der „Letzeburger Bauer“. Fischlers Pläne wĂĽrden in jedem Fall „die bäuerlichen Einkommen, die zurzeit völlig ungenĂĽgend sind, weiter verschlechtern“.

Ă„hnlich auch die Reaktion des Luxemburger Landwirtschaftsministers. Als „Katastrophe fĂĽr Luxemburg“ bezeichnete Fernand Boden die Fischlerschen Reformpläne am Montag im Anschluss an den Agrarminister-Rat. „Damit meinte ich die Entkoppelung der Direktzahlungen an die Produktion“, präzisiert Boden gegenĂĽber der woxx. Fischler will Prämien, die ein Betrieb derzeit fĂĽr Tier und Fläche erhält, kĂĽnftig auf seine Gesamtfläche ĂĽbertragen. Die Folge wird, so Boden, „ein Druck auf die coĂ»ts fonciers“ sein, die Pachtpreise werden steigen. „Ein solches Sytem kennen wir von den Milchquoten her“, kritisiert Boden.

Diese Kritik teilt auch die „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft“ (abl), eine agrarpolitische Organisation, der sowohl ökologische als auch konventionelle Bauern aus Deutschland angehören. An der ungerechten Verteilung der Zahlungen wĂĽrde sich zunächst nicht viel ändern, so das Fazit der abl, die jedoch den Plan prinzipiell begrĂĽĂźt. „Dies ist eine, vielleicht die entscheidende Schwäche des Fischler-Vorschlags“, sagt abl-Sprecher Lutz Ribbe. „Hier muss nachgebessert werden.“

Fischlers Zukunftsvision ist genau das Gegenteil von Bodens Politik in Luxemburg. Immerhin setzte sich Fernand Boden in seiner nunmehr siebenjährigen Praxis als Agrarminister in BrĂĽssel stets dafĂĽr ein, den hiesigen Bauern so viele Subventionen wie möglich ausbezahlen zu dĂĽrfen. „Die Luxemburger Bauern erfĂĽllen auch jetzt schon die erforderlichen Umwelt- und Tierschutz-Kriterien“, betont der Minister. Was haben sie dann von Fischlers Reform zu befĂĽrchten? „Unsere jetzigen Programme in diesen Bereichen wĂĽrden weniger stark unterstĂĽtzt“, vermutet Fernand Boden.

Solchen BefĂĽrchtungen hält Kommissar Fischler das Argument entgegen: Die eingesparten Direktzahlungen wĂĽrden wieder zur Förderung des ländlichen Raums in die Mitgliedsländer zurĂĽckflieĂźen. Doch davon hält der Luxemburger Minister ebenfalls nicht viel. „Die Kommission schlägt vor, diese Gelder nach einem SchlĂĽssel zu verteilen, in dem vor allem das Wohlstandsniveau eines Landes zählt“, sagt Boden, und da habe Luxemburg nicht viel zu erwarten.

Bodens Alternative? „Wir wĂĽrden Reformen lieber weiterhin an ZuschĂĽsse fĂĽr die Bauern koppeln“, so der Minister, dem der Fischler-Plan zu plötzlich kommt. Andere warten seit langem auf einen Richtungswechsel in der europäischen Agrarpolitik. Auch in Luxemburg. „Langfristig haben wir nur so eine Chance“, sagt beispielweise Ă„nder Schanck vom Biobauereverband, der Fischlers Plan „sehr vernĂĽnftig“ findet. Wer an der aktuellen Richtung festhalte, betreibe Augenwischerei, so Schanck, das aktuelle System verursache unweigerlich weiteres Bauernsterben. „Qualität muss fĂĽr Verbraucher messbar sein“, bekräftigt Ă„nder Schanck, „da reicht es nicht, zu sagen, ein bestimmtes Produkt stamme aus Luxemburg.“

Luxemburger Modell am Ende?

„Die Grundrichtung der Reform stimmt“, sagt auch Camille Gira, Abgeordneter und agrarpolitischer Sprecher von DĂ©i GrĂ©ng. „In Luxemburg werden die Prämien zu undifferenziert verteilt“, so seine Kritik an der hiesigen Agrarpolitik. „Wenn unsere Bauern jetzt bei dieser Reform schlecht wegkommen, dann vor allem deshalb, weil zu sehr auf die klassische Schiene der Fleisch-Milch-Getreide-Produktion gesetzt wurde“, sagt Camille Gira. Denn dass die Preise im neuen System fallen wĂĽrden, daran zweifelt auch er nicht. „Ohne einen qualifizierten AuĂźenschutz werden die europäischen Bauern internationalem Dumping zum Opfer fallen“, betont auch der Vorsitzende des Agrar-Ausschusses im Europaparlament, Friedrich Graefe zu Bahringdorf. „Leider schweigt die Kommission in ihrem Bericht zu diesem Problem.“ Es ist dies nicht die Schwachstelle in Fischlers Face-Lifting. Auch dass sein Plan insgesamt nicht zu Einsparungen im Agrar-Haushalt fĂĽhren wird, dĂĽrfte noch zu heftigen Debatten auf EU-Meetings fĂĽhren.

Fernand Boden, dem vor allem die Einkommenssicherung der Bauern am Herzen liegt, verschweigt auch gerne, dass das alte Regime der Subventionspolitik den Luxemburger Bauernstand nicht retten konnte. Allein während seiner Amtszeit haben im Luxemburger Agrarsektor mehr als 700 Menschen ihren Job verloren, in den letzten zehn Jahren haben mehr als 1.000 Betriebe die Mistgabel an den Haken gehängt.

Danièle Weber

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