GENTECHNIK: Viel Risiko, wenig Nutzen

von | 21.05.2010

Das Zulassungsverfahren für den Einsatz genmanipulierter Pflanzen in der EU soll reformiert werden. Greenpeace stärkt mit einer neuen Studie die Position der Gentechnik-Gegner.

Gerne werben Agrarkonzerne für den Einsatz von Genmanipulation mit dem Argument, allein mit ihren Wunderpflanzen sei der Welthunger zu bekämpfen. Der Nachweis dafür steht aber noch aus, entgegnen ihnen jetzt 400 Wissenschaftler, die im Auftrag von Greenpeace International die Performance genmanipulierter Pflanzen unter die Lupe genommen haben. Das Saatgut aus dem Labor – obwohl, wegen des Patentschutzes, teurer – erbrachte in mehreren Fällen über die Jahre sinkende Erträge. Die Pflanzen reagierten empfindlich auf extreme Wetterbedingungen und mussten gegen resistenteres Unkraut mit immer größeren Mengen Pestiziden geschützt werden.(1)

Greenpeace zieht daraus den Schluss, dass das Experimentieren mit gentechnisch modifizierten Organismen (GMO) nicht nur wegen der noch weitgehend unbekannten Auswirkungen auf Mensch und Natur zu riskant ist. Für die Bauern führt es auch wirtschaftlich unterm Strich zu mehr Kosten als zu höherem Gewinn. Folgekosten entstehen auch für jene Landwirte, die, dem mehrheitlichen Konsumentenwunsch entsprechend, konventionelles Saatgut verwenden. Wollen sie ihre Produkte als garantiert frei von manipulierten Genen zertifizieren lassen, so müssen sie dafür Gebühren zahlen. Nach Meinung von Maurice Losch, der die Studie am 17. Mai bei einer Pressekonferenz vorstellte und ihre Bedeutung im luxemburgischen und europäischen Kontext erklärte, spricht das gegen das „pollueur-payeur“-Prinzip. Der Gentechnikexperte bei Greenpeace Luxemburg forderte die Regierung deshalb auf, GMO-freie Landwirtschaft finanziell zu unterstützen.

Die Regierung solle zudem auf europäischer Ebene für eine umfassende Evaluation der enormen sozioökomischen Kosten bei der Zulassung von GMOs eintreten. Die EU möchte ihre Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) bis 2013, und damit auch das Zulassungsverfahren für den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen, reformieren. Die Umweltorganisation befürwortet das ? vorausgesetzt, das Verfahren wird strenger und berücksichtigt die „wahren“ Kosten der grünen Biotechnologie.

Die politische Lage in Brüssel gibt den GMO-Gegnern allerdings Anlass zur Sorge. Kommissionspräsident Manuel Barroso vertritt keine eindeutige Position, fördert aber indirekt eine Gentechnik-freundliche Agenda ? erst kürzlich durch seine Entscheidung, mit der Zuständigkeit für Angelegenheiten der Gentechnik nicht mehr drei Kommissare, sondern nur noch den Gesundheitskommissar zu betrauen. Diesen Posten hat er mit dem Maltesen John Dalli besetzt, der ein überzeugter GMO-Befürworter ist. Und bereits ein erfolgreicher: Schon Anfang März, also nur einen Monat nach Amtsantritt der neuen Kommission, wurde die Genkartoffel Amflora zugelassen ? gegen die Empfehlung der Europäischen Arzneimittelagentur und der Weltgesundheitsorganisation, und nachdem die EU zwölf Jahre keine einzige genmanipulierte Pflanze mehr zugelassen hatte.

Die Entscheidung widerspricht auch dem Willen zahlreicher Mitgliedstaaten. Im Fall der 1998 europaweit zugelassenen Maissorte „Mon810“ hatten Luxemburg, Deutschland, Österreich, Frankreich, Ungarn und Griechenland Verbote erlassen. Bisher sind diese wegen Auflagen der Welthandelsorganisation mit geltendem EU-Recht aber nicht vereinbar. Die WTO fordert, dass ein wissenschaftlicher Nachweis der Schädlichkeit von GMOs vorliegen muss, damit ein Verbot verhängt werden kann. Barroso wollte die bestehenden Verbote aus diesem Grund bereits aufheben, scheiterte aber mit dem Vorhaben.

Die Reform des Zulassungsverfahrens kommt in diesem Herbst in die erste konkrete Verhandlungsphase. Greenpeace bereitet sich darauf nicht nur mit wissenschaftlichen Studien vor: Mitte März hat die Umweltorganisation eine Petition für ein europäisches Referendum über das Verbot von GMOs lanciert und bereits über 700 000 Unterschriften gesammelt.

(1) Einen Link zu der Studie „Counting the Costs of Genetic Engineering“ finden Sie unter www.greenpeace.lu.

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