JULIE BERTUCELLI: Suppenküchen-Psychologie

Ziemlich kitschig, trotz schöner Bilder und Starbesetzung: „The Tree“ bringt es nicht fertig über Stereotypen hinwegzusehen und ergeht sich in „schöner“ Trauer.

Mein Freund der Baum …

Süßlich-seicht kommt der Ab-schlussfilm der 63. Filmfestspiele in Cannes, die australische Produktion „The Three“, daher. Das mag sicher ein Stück weit an der esoterisch anmutenden Romanvorlage von Judie Pascoe liegen – irgendetwas zwischen Gioconda Bellis Roman „Die bewohnte Frau“ und der US-amerikanischen Filmproduktion „Der Pferdeflüsterer“.

Im Mittelpunkt steht ein gigantischer Baum in der australischen Einöde, aus dem der verstorbene Vater nach Meinung seiner jüngsten Tochter zu ihr spricht. Aus heiterem Himmel wird die mittels Natur-Szenerie vorgetäuschte Familienidylle durch seinen Tod zerstört. Die ersten Einstellungen zeigen ihn noch lebend, wie er seiner Tochter Simone liebevoll über den Kopf streicht, mit ihr scherzt und ihr seine Uhr schenkt. Mit seinem Ableben kehrt Chaos in den Familienalltag ein, gibt sich die Mutter ganz der Trauer hin und vernachlässigt dabei vollständig ihre Umwelt. Gebrochen vom Verlust lässt sie sich treiben und lebt solange apathisch in den Tag hinein, bis sie einem Mann über den Weg läuft, der ihrem gerade verstorbenen Ehemann erstaunlich ähnlich sieht: Holzfällerhemd, breite Schultern – einer, der anpackt und dem sie sich hilfesuchend in die Arme wirft.

Arg reduziert wirkt die Handlung, die auf nur einer Ebene stattfindet. Allesamt absehbar erscheinen die Entwicklungen im Film. Als die Mutter in die Stadt fährt, um einen Experten zu suchen, der ihren mit Fröschen verstopften Toilettenabfluss reinigt, verrät bereits der erste Blick, den sich Ladenbesitzer George und Dawn (Charlotte Gainsbourg) zuwerfen, dass Sex in der Luft liegt und die Romanze vorprogrammiert ist.

Gainsbourg spielt souverän die ihr auf dem Leib geschriebene Hauptrolle, einer mondänen femme fatale, im Grunde also sich selbst. Es verwundert wenig, dass die Kamera ständig auf ihren Gesichtszügen ruht. Nah-Einstellungen zeigen ihr Profil mit im Wind wehendem Haar oder wie sie anmutig im Hemd mit dampfender Kaffeetasse auf den Hof tritt und lasziv-verwundert drein guckt.

Obschon die Gainsbourg schön anzugucken ist, dürfte zumindest intelligente Frauen ihre Filmrolle abstoßen, spielt sie doch ein devotes, ängstliches und unselbstständiges Weibchen, das einer starken Schulter zum Anlehnen bedarf. Dass Regisseurin Julie Bertucelli ihre weibliche Hauptfigur derartig unemanzipiert konzipiert hat, ist verwunderlich. Doch zumindest dürfte der Promifaktor wirken und Zuschauer locken.

Nachhaltigen Eindruck hinterlässt allein Morgana Davies in der Rolle der jüngsten Tochter Simone, die ihre Rolle für ihr Alter verblüffend gewitzt spielt, obschon ihr gesamtes Verhalten für eine achtjährige zu ausgereift wirkt. So erklärt sie etwa ihrer Schulfreundin sie habe den Weg, glücklich zu sein, der Trauer um den Verlust ihres Vaters vorgezogen oder unterzieht ihre Mutter beim Heimkommen nach einer Liebesnacht einem inquisitorischen Verhör. Aber auch die Filmkulisse fasziniert mit großartig gefilmten Naturaufnahmen. Allerdings verschmelzen diese zu einem kitschigen Gesamtbild. „Wir werden ihn ein Leben lang vermissen, aber wir müssen lernen ohne ihn zu leben“, erklärt Dawn ihrer störrischen Tochter. Derart seichte Dialoge werden untermalt von melodramatischer Filmmusik, die an Soundtracks von klassischen Schnulzen inspiriert scheinen. So viel triefender Kitsch tut weh, vor allem aber sehnt man sich bisweilen nach etwas mehr Handlung.

So entpuppt sich „The Tree“ ganz und gar als Hollywood-verträgliche Schmonzette. Getrost kann man sich berieseln lassen und geht aus dem Film hinaus wie aus einem Fast-Food-Restaurant. Sah alles schön verlockend aus, ist aber auch schnell wieder vergessen und verdaut.

Im Utopia


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